Literaturgeschichte - Mittelalter bis Klassik  

Umberto Eco: Auf dem Weg zu einem neuen Mittelalter Die literarische Aufklärung in Deutschland (ca.1730-1780)
Der Hexenhammer (1486/87) Gotthold Ephraim LESSING (1729-1781)
Der neue Mensch der Renaissance: "Prozeß der Zivilisation" ERZIEHUNG als eine Grundidee des aufklärerischen Bürgertums
Renaissance - Humanismus - Reformation Der Kampf des Bürgertums um die Macht
Das Schlaraffenland J.W. Goethe: Die Leiden des jungen Werthers
Das Barock (17. Jahrhundert) Friedrich Schiller: Wozu Kunst, wozu Literatur?
Was ist Aufklärung? Materialien zu "FAUST I"
       






UMBERTO ECO: AUF DEM WEG ZU EINEM NEUEN MITTELALTER

Übersicht

"Neuerdings hat man in verschiedenen Kreisen begonnen, von unserer Epoche als einem neuen Mittelalter zu sprechen. Die Frage ist, ob es sich dabei um eine Prognose oder um eine Feststellung handelt."

Einige grob vereinfachte Thesen Ecos, der sich der unterschiedlichen Vergleichszeiträume natürlich bewußt ist (Mittelalter: 1000 Jahre, unsere Epoche: seit 1945).

Mittelalter: unsere Zeit ?

1. Auflösung der Zentralmacht im frühen

MA (Auflösung des röm. Imperiums)

===> Krisen, Unsicherheiten, Zusammen-

stoß verschiedener Zivilisationen ...

+ neue soziale Grenzziehungen

+ neue Religionen, Heilsvorstellungen

+ neue Techniken: Steigbügel, Kummet, Windmühle,

bewegl. Heckruder, Wasserrad ...

+ neue Ehevorstellung vs. germanisches Stammes-

recht

2. Entstehung autonomer Machtzentren (Burgen mit

Söldnern)

+ Zentralmacht tritt als Besatzungsmacht im eigenen

Land auf

3. Verödung der Städte im frühen Mittelalter:

Überfälle, Bevölkerungsrückgang, Zerstörung der

Straßen und Kommunikationssysteme

===> gesamtgesellschaftliche Erfahrung von Un-

sicherheit

+ Reisezeitalter, räumliche Mobilität: Pilgerfahrten,

später Kreuzzüge, Handel ...

+ apokalyptische Visionen: Millenarium, Weltunter-

gang, Antichrist ......

+ Bandenunwesen: Bewaffnung des einzelnen

+ Ausgestoßene/Aussteiger: Ketzer, Häretiker,

Mystiker, Bettelorden ...

+ Suche nach klassischen Texten und Autoritäten:

Bibel, antike Autoren ...

+ Sammelleidenschaft: Reliquien, Kuriositäten ...

4. Dominierender Kulturträger: BILD

+ große Teile der Bevölkerung Analphabeten

+ Kathedralen als steinerne Bilderbücher


Der Hexenhammer (1486/87)

Übersicht

Autoren und Ziel des Textes:

>>> zwei Dominikanermönche (Heinrich Institoris, Jakob Sprenger) wollen eine zusammenfassende Beschreibung des Hexenwesens und eine einheitliche Prozeßordnung für die Inquistionsgerichte erstellen.

maßlos sowohl im Guten als auch im Bösen

boshaft, nur eines Gefühls fähig

habsüchtig

hinterlistig

FRAUENBILD: Frauen sind tückisch, die Königreiche zerstörend

von schwachem Verstand, unfähig zur Philosophie

fleischlich gesinnt, lüstern

schwankend im Glauben, leicht zweifelnd

schlecht von Natur aus

Daraus läßt sich ex negativo das Männerbild ableiten:

FRAU ===> NATUR MANN ===> GEIST

Rechtfertigung der Thesen: Berufung auf antike Philosophen und Schriftsteller, Bibel (v.a. Altes Testament), und die "Erfahrung"

Geisteshaltung: geprägt von einem nahezu unglaublichen Haß auf Frauen, der sich nicht allein mit Neid und Mißgunst erklären läßt

Hintergrund der Hexenverfolgung (ab dem 14. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts):

===> Problem: Wie kann die Gesellschaft noch kontrolliert werden? ===> Angst der Mächtigen vor unkontrollierbar Masse des Volkes:

- ZERFALL der festgefügten Ständeordnung des Mittelalters, Zerbrechen alter sozialer Sicherheiten

- ENTGRENZUNG der Welt: Entdeckungen neuer Kontinente, neue technische Errungenschaften

- ENTWURZELUNG breiter Bevölkerungsschichten, die sich v.a. in den Städten als Lumpenproletariat wiederfinden, Zerfall der weltlichen und geistigen Zentralmächte ===> Aufstände, Häresien, die Welt als Narrenhaus ...

Männer müssen sich bewähren als Unternehmer, Entdecker, Forscher: ===> seelische Panzerung: Affektdämpfung, Selbstkontrolle, vertreten also Geist, Kultur, Naturbeherrschung

Frauen bringen diese Panzerung in Gefahr, weil sie schön, attraktiv sind und damit den Leistungs-willen des Bürgers gefährden.

===> Suche nach Sündenböcken: Juden, Leprakranke, Arme und vor allem Frauen, die mit der Natur gegen den Geist in einem Geheimbund stecken: Hexen.

===> neues Kontrollsystem: Inquisition/Hexenverfolgung - Internierung von Armen, Irren und Kranken - Neue Medizin - Zünfte - eigenes Gewissen im Protestantismus.

Der Hexenhammer (1486/87)

Autoren: zwei Dominikanermönche - Heinrich institoris, Jakob Sprenger)

Intention: genaue Beschreibung des Hexenwesens, Erstellung einer Prozeßordnung für die In- quisition

Frauenbild: Frauen sind ..............................................

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. ..............................................

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daraus läßt sich es negativo das Männerbild ableiten:

Männer ......................................

Frauen ......................................

Wie werden die Ansichten und Thesen begründet?

Welche Geisteshaltung steckt dahinter?

- Zerfall der mittelalterlichen stabilen Ständeordnung

- Zerfall der weltlichen und kirchlichen Zentralmacht

- Entgrenzung der Welt: Entdeckungen in allen Bereichen; Entwurzelung breiter Bevöl- kerungsteile, die sich u.a. in den Städten finden; hohe gesellschaftliche Mobilität

--------> Problem: Wie kann die Gesellschaft kontrolliert werden?

Männer müssen sich bewähren als Unternehmer/ Entdecker/ Forscher

-------- >seeliche Panzerung: Affektdämpfung, hohe Selbstkontrolle

-------- > vertreten: Geist, Kultur, Naturbeherrschung

Frauen bringen diese Panzerung in Gefahr, weil sie sinnlich, attraktiv, schön, emotional ... sind.(vgl. u.a. die sexuelle Amoralität der armen/ arbeitslosen Städter)

-------------- Angst der Mächtigen vor unkontrollierbarer Masse des Volkes

-------------- Sündenböcke: Leprakranke, Juden und u.a. Frauen, die mit der Natur gegen den Geist im Bunde stecken: Hexen; Ausgrenzung von Randgruppen

Kontrollsysteme: Inquisition - Internierung - neue Medizin - Zünfte - Manieren


Der neue Mensch der Renaissance: "Prozeß der Zivilisation"

Übersicht

Einige Verhaltensvorschriften in den "Manierenbüchern" dieser Zeit:

Beim Essen

- Reinige und schneide dir die Nägel, der Schmutz ist beim Kratzen gefährlich. - Was du im Munde gehabt hast, lege nicht in die gemeinsame Schüssel zurück. - Biete nicht jemandem von dem Stück an, von dem du abgebissen hast.

- Sitzt du mit Menschen von Rang zu Tisch, nimm den Hut ab, aber sieh, daß du gut gekämmt bist. - Manche greifen, sowie sie sitzen, auf die Schüsseln. Wölfe tun das. - Es ist gut, ein bißchen zu warten, damit der Knabe seine Affekte zu beherrschen lernt. - Die Finger in die Sauce zu tauchen ist bäurisch. - Die fettigen Finger abzulecken oder am Rock abzuwischen, ist unzivilisiert. Man nimmt dazu besser das Tischtuch oder die Serviette. (1530, Erasmus v. Rotterdam, Über Knabenerziehung).

Die natürlichen Bedürfnisse

- Bevor du dich zu Tisch setzt, sieh nach, ob dein Sitz nicht verunreinigt ist. - Grif ouch niht mit blozer hant dir selben under din gewant.

- Es ist unhöflich, jemanden zu grüßen, der gerade uriniert oder den Darm entleert. - Ein wohlerzogener Mensch soll sich nie dazu hergeben, die Glieder, mit denen die Natur das Gefühl der Scham verband, ohne Notwendigkeit zu entblößen. Wenn die Notwendigkeit dazu zwingt, muß man es mit Dezenz und Reserve tun, selbst dann, wenn kein Zeuge zugegen ist. - Wenn die Winde beim Entweichen kein Geräusch machen, ist es am besten. Es ist aber gesünder, sie mit Geräusch entweichen zu lassen, als sie unter Zwang zurückzuhalten. Es ist nämlich gefährlich und kann Krankheiten auslösen, sie zurückzuhalten. (Erasmus)

- Über das stehet es einem sittsamen, erbahrn mensch nicht an, daß er sich zu natürlicher notdurft in anderer Leute gegenwertigkeit rüste und vorbereite oder nachdem er solches verrichtet, sich in ihrer gegenwertigkeit wiederum nestele und bekleide. So wird auch ein solcher nach seiner aus heimlichen orten wiederkunft für ehrliche gesellschaft die hände nicht waschen, nach dem die ursache darumb er sich wäschet der leut gedancken eine unfläterey für die augen stellt. Ist auch eben umb derselbigen ursach willen keine feine gewohnheit, wenn einem auf der gassen etwas abscheuliches, wie es sich wol bisweilen zuträgt, fürkommet, sich seinem Begleiter zuzuwenden und ihn darauf aufmerksam zu machen. ("Galateo" des Erzbischofs von Benevent, 1558)

- Daß nicht männiglich und ohn all scheu, dem bauern gleich, die nicht zu Hofe oder bei einigen ehrbaren, züchtigen Leuten gewesen, vor das Frauenzimmer, Hofstuben und anderer Gemach Thüren oder Fenster seine Nothdurft ausrichte, sondern in jeder sich jederzeit und -ort vernünftiger, züchtiger und ehrerbietiger Wort und Geberde erzeige und verhalte. (aus einer Hofordnung von 1570).

Vom Schneuzen und Spucken

- Schneuz nicht die Nase mit der gleichen Hand, mit der du das Fleisch hältst.

- Wenn etwas aus der Nase auf den Boden fällt, muß man es mit dem Fuß sofort zertreten. - Wenn du ausspuckst, wende dich ab. (Erasmus, a.a.O.)

"Erasmus sagt in seiner Schrift, daß die Kunst, Menschen zu formen, verschiedene Disziplinen habe, und daß die Formung des 'äußerlichen' Verhaltens nur eine davon sei. Weniger als Einzelphänomen, weniger als individuelles Werk erhält diese Schrift ihre ganz besondere Bedeutung, sondern als Symptom einer Veränderung ... gesellschaftlicher Vorgänge. ... Der Prozeß der Zivilisation bedeutet u.a. auch die Erhöhung der Scham- und Peinlichkeitsgrenzen beim Einzelmenschen und in der Gesellschaft."

(Norbert Elias, Der Prozeß der Zivilisation. Wandlungen des Verhaltens in den weltlichen Oberschichten des Abendlandes. 1936)

Humanismus - Renaissance - der neue Mensch

Das Vorrücken der Scham- und Peinlichkeitsgrenzen (nach Norbert Elias "Über den Prozeß der Zivilisation")

Verhaltensvorschriften in den "Manierbüchern":

Beim Essen:

"Schneide und reinige Dir die Nägel; der Schmutz ist beim Kratzen gefährlich. - Was Du im munde gehabt hast, leg nicht in die gemeinsame Schüssel zurück. - Biete nicht jemandem von dem Stück an, von dem Du abgebissen hast"(15.Jh.)

"Manche greifen, so wie sie sitzen in die Schüssel. Wölfe tun das ... Es ist gut, ein bißchen zu warten, damit der Knabe seine Affekte zu beherrschen lernt. - Die Finger in die Sauce zu tauchen ist bäurisch." (1530, Erasmus von Rotterdamm, De civilitate morum puerilium)

"Was meynstu würde dieser bischof und seine edle gesellschaft denen gesagt haben, die wir bisweilen sehen wie die säue mit dem rüssel in der suppen liegen, ihr gesicht nit einmal aufheben und ihre augen, viel weniger die hände nimmermehr von den speisen abwenden, die alle beide backen aufblasen wolten, die nit essen, sondern fressen und die kost einschlingen, die ihre hände bey nahe bis an den ellenbogen beschmutzen und demnach die servietten also richten, daß unflätige küchen- oder wischlumpen viel reiner sein möchten. Dennoch schämen sich solche unfläter nit mit solchen besudelten servietten ohn unterlaß den schweiß abzuwischen (der dann wegen ihres eilenden und übermäßigen fressens von ihrem haupt über die stirn und das angesicht bis auff den hals häufig herunter trüpffet) ja wol auch die nase so offt es inen gelicht darin zu schneutzen."(Dt. Übersetzung, 1609, eines ital. Manierbuches von 1558)

Die natürlichen Bedürfnisse:

"Es ist unhöflich, jemanden zu grüßen, der gerade uriniert oder den Darm entleert. - Wenn die Winde beim Entweichen kein Geräusch machen, ist es am besten, es ist aber gesünder, sie entweichen laut, als sie werden unter Zwang zurückgehalten. Es sei nämlich gefährlich, sie zurückzuhalten."(Erasmus v.Rotterdam, a.a.O.)

"Daß nit männiglich also unverschämt und ohne alle Scheu, den Bauern gleich, die nit zu Hof oder bei einigen ehrbaren, züchtigen Leuten gewesen, vor das frauenzimmer, Hofstuben und anderer Gemach Thüren oder Fenster seine Notdurft ausrichte..." (Wernigerodische Hofverrichtung, 1570)

Vom Schneuzen und vom Spucken:

- Wenn du dich schneuzst oder hustest, dreh dich um, damit nichts auf den Tisch fällt.(13.Jh.)

- Schneuze nicht die Nase mit der gleichen Hand, mit der du das Fleisch hältst.(15.Jh.)

- es gehöret sich auch nicht, wenn du die nase gewischt hast, daß du das schnupftuch auaeinander ziehest und hineinguckst, gleich als ob dir perlen und rubinen von gehirn abfallen mögen.(16.Jh.)

- Früher war es erlaubt, vor hochgestellten Personen auf den Boden zu spucken; es genügte den Fuß darauf zu setzen. Heute ist das eine Unanständigkeit.(1672)

"Teilst du das Bett mit einem Mann höheren Standes, frage ihn, welche Seite er vorzieht.- Lieg gerade im Bett und biete ihm gute Nacht."(15.Jh.)


Renaissance - Humanismus - Reformation

Übersicht

Im Spätmittelalter beginnt eine gesellschaftliche Entwicklung, die im Lauf der nächsten paar Jahrhunderte die Gesellschaft in allen Bereichen erfaßt und umstrukturiert.

Das Mittelalter war im allgemeinen gekennzeichnet durch seine Statik: Das Weltbild - die Erde als Scheibe bzw als Kugel steht im Mittelpunkt: oben ist der Himmel als Wohnstatt Gottes mit seinen Gestirnen. Alles, was auf der Erde existiert, ist von ihm so eingerichtet worden, auch die undurchlässige Gesellschaftspyramide, in der jeder seinen fixen Platz und seine Aufgaben hat: Der Adel (inklusive Rittertum und hohem Klerus) übt sehr offen die Macht aus, die ihm aus seinem Besitz an Land und Leuten erwächst. Sein Reichtum dient ihm zur Anschaffung von Waffen, um seinen Platz gegen rivalisierende Adelige zubehaupten, und zur Repräsentation. Bürger und Bauern sind dazu da, diesen Adel zu ernähren: durch Frondienste und Abgaben.

Seit dem Spätmittelalter gewinnen die Geldwirtschaft, der Handel und die Produktion von Waren gegenüber der Tauschwirtschaft an Bedeutung: das Bürgertum (z.B. Handelshäuser wie die Fugger, die Medici etc.) wird wirtschaftlich stärker. Reichtum gründet sich nun auf den Besitz und die Vermehrung von Geld.

Es entsteht in den Städten ein selbstbewußtes Bürgertum, das handelt (Fernhandel) und produziert. Um dabei erfolgreich zu sein, muß es genau beobachten, offen für Experimente sein und Bildung besitzen:

* Entgrenzung der Welt: Entstehung neuer Wissenschaften - z.B Astronomie, Physik, Medizin, Chemie, Technik - führen zur Entdeckung neuer Kontinente (Kompaß, Sextant...), zu einer neuen Einschätzung von Raum und Zeit (Erfindung der mechan. Uhr, Fernrohr) und zur Entschlüsselung vieler Geheimnisse der Natur. Durch das Schießpulver verlieren die Ritter ihre Existenzberechtigung - der Adel verliert an wirtschaftl. und politischer Macht.

* Alphabetisierung: Der Buchdruck erlaubt eine weitere Verbreitung der Bibel und anderer Literatur in der Volkssprache. Bildung und Gelehrsamkeit breiten sich aus, Religiosität wird auch zur individuellen, ja sogar intimen Angelegenheit, wenn sich der Einzelmensch privat mit Gott unterhält.

* Individualisierung: Die Menschen lösen sich aus ihren Gruppen, in die sie eingebettet und auch kontrolliert waren. Sie lösen sich von den alten Autoritäten; es gibt nicht nur mehr eine offizielle Interpretation der Bibel: Die Glaubenseinheit zerbricht : Luther und die Reformation, Bauernkriege, religiöse Bewegungen (Häresien) gegen die Autorität und Korruption der Kirche und die sie schützende Zentralmacht.

* Die Zentralmacht (Kaiser) verliert im deutschen Sprachraum den Kampf gegen die Fürsten; es entstehen absolut regierte Regionalfürstentümer (Territorialstaaten): Sie werden durch Beamte (Bürger) verwaltet, und militärisch stützen sich die Fürsten auf Söldnerheere, die durch Steurern bezahlt werden. Diese wiederum müssen durch den Ausbau der Verwaltung eingehoben werden. In England und Frankreich entstehen durch die Erblichkeit des Königtums und durch den Ausbau der Bürokratie Nationalstaaten.

* Das Bürgertum fordert seinen Anteil an gesellschaftlicher und politischer Macht; das Ziel ist der unbehinderte Handel und der freie Fluß des Geldes - Kapitalismus.

Eine Gesellschaft im Umbruch, die ihr Legitimationsgebäude eingebüßt hat, weist meist hohe Mobilität, ein recht hohes Aggressionspotential und Instabilität auf. Dies erfordert neue Kontrollmechanismen:

Im 16./17 Jh. wurde auf zwei Arten versucht, die Menschen zu disziplinieren:

Die alten Machthaber übten Druck von außen aus:

° Gegenreformation, 1534 Gründung des Jesuitenordens, Religionskriege

° Inquisition: seit dem 13.Jh. Vorgehen gegen Ketzer, Hexen usw., seit 1542 Kampf gegen die Naturwissenschaften, die sich von der Theologie gelöst hat ( Giordano Bruno, Galileo Galilei)

° Judenverfolgungen, Internierung von Randgruppen (Leprakranke, Wahnsinnige ...)

° Ohrenbeichte und Zölibat.





Die neuen "Machthaber" veränderten die Anforderungen an die Menschen und schufen den "Bürger" und damit neue gesellschaftliche Strukturen:

° statt Geboten und Verboten durch "äußere" Mächte wird Selbstkontrolle propagiert: das Individuum hat sein Gewissen zu erforschen (Tagebuch im Puritanismus)

° nicht mehr die Geburt bestimmt den Platz des einzelnen in der Gesellschaft, sondern seine Leistung: neue Werte wie Fleiß, Leistung, Ausdauer...

° die Familie übernimmt von der Gruppe die Verantwortung für den einzelnen; sie wird als Produktions-gemeinschaft zur Erziehungsinstitution (gechlechtsspe-zifische Erziehung der Kinder)

° die Zweiteilung des Individuums in Körper und Geist findet statt: der Körper, die Bedürfnisse sollen durch den Verstand kontrolliert und unterdrückt werden (Manierenbücher, Weitsicht und Planung sind gefragt).


Das Schlaraffenland

Übersicht

Wortbedeutung: lat. cucania, frz. cocagne, ital. bengodi (= Genieße wohl!), Cokaygne, Lubberland (engl. "Land der müßigen Taugenichtse") usw. - weltweit führt das Wunderland unzählige Namen. Etwa seit 1400 im deutschsprachigen Raum nachweisbar, wird das Wort "Schlaraffe" zurückgeführt auf eine Verknüpfung von mhd. slur: das Faulenzen, Faulenzer bzw. s(ch)ludern: schlendern, nachlässig arbeiten, und affe im Sinne von Tor, Narr. In Fasnachspielen ist die die Bezeichnung schlu(de)raffe als Spott- und Schimpfname bereits im 15. Jhd. üblich in der Bedeutung von Faulenzer, Schlemmer oder auch Einfaltspinsel.

frühe Versionen: 13. und 14. Jhd (England und Frankreich).: "Klosterregeln" für Schlemmer und Spieler in einem Land, in dem die Natur in verschwenderischer Fülle die delikatesten Güter hervorbringt; kulinarische und mit überreichen Kostbarkeiten ausgestattete Luxuslandschaften und -gebäude für ein Leben in Harmonie und Fülle, ewiger Tag, ewige Jugend (durch Gesund- und Jungbrunnen). Ein nahegelegenes Nonnenkloster macht das Glück vollkommen. Allerdings: Nur wer sieben Jahr bis zum Hals im Schweinedreck watet, kann dieses selige Land finden.

drei Wunschdimensionen des Mittelalters sind in diesen Texten aufgehoben:

1. naturaler Reichtum im Gegensatz zur kärglichen und mühsamen Lebenserhaltung

2. Verschwendungsökonomie: eine standesgemäße Lebensführung forderte von den mittelalterlichen Herren die demonstrative Verschwendung und Vernichtung dessen, was andere mühsam produziert hatten (= das ritterliche Tugendideal der "milte" und die Hoffeste der höfischen Epen).

3. Liebe ohne Leid: nicht mehr wie im Minnesang die unerreichbare Dame, sondern eine auf gegenseitige Freude ausgerichtete Liebe, eine erotische Utopie, eine Versöhnung der Geschlechter zumindest in der Literatur.

z.B. Carmina burana (= Gedichtsammlung von fahrenden Sängern, zwischen 1210 und 1240):

Laß von Epikur dir sagen: / Satter Bauch schafft Wohlbehagen. / Ja, mein Gott soll mir der Bauch sein / und die Gurgel will es auch sein, / dessen Tempel meine Küche / voller leckrer Wohlgerüche.

Allmächtiger ewiger Gott, der du zwischen Bauern und Klerikern Zwietracht gesät hast, gewähre unser Bitte, von ihrer Arbeit zu leben, uns ihrer Weiber zu bedienen und über ihren Tod zu frohlocken allezeit.

Die englische Utopia (1516): ... An Sommertagen heiß und schön/ kann man im Boot die Nonnen sehn,/ sind alle jung und hübsch und schlank,/ sie rudern froh den Fluß entlang./ Wenn sie erst fern vom Kloster sind, /dann kleiden sie sich aus geschwind, /sie tauchen in des Flusses Schoß/ und schwimmen wohl auch einen Stoß./ Wenn das die jungen Mönche sehn,/ dann ist es gleich um sie geschehn, /sie alle eilen flugs hinaus, /ein jeder sucht sich eine aus/ und trägt sein Nönnchen, eins, zwei, drei/ hinweg zur düsteren Abtei./ Er lehrt sie Andacht und Gebet im Tanz, /der auf und niedergeht ...

Hans Sachs (1530):

1. Antifeudale Satire

2. verkehrte Welt: konsequenter Umkehrung stadtbürgerlicher Leistungs- und Marktprinzipien

3. Moralisierung: Durchsetzung des Realitätsprinzips, Hinführung einer genußsüchtigen Jugend auf den Pfad bürgerlicher Tugend

Grobianus (1551)

Von groben Sitten und unhöflichen geberden. Erstmals in Latein beschriben durchn den wolgelerten M. Friderium Dedekindum und jetzund verdeutscht durch Casparum Scheib von Wormbs.

"Hier gibt es keine Scham beim Reden und kein Benehmen bei Tisch. Wie die Schweine lebt das viehische Geschlecht." (Motto)


Das Barock (17. Jahrhundert)

Übersicht

1. Voraussetzungen:

endgültiger Zerfall der mittelalterlichen Ordnung durch Zerstörung der religiösen Einheit: starker Kontrast zwischen rationalen Zügen (Wissenschaft, Mathematisierung der Welt) und Irrationalismus (Angst, Aberglauben, Verzweiflung ...)

>>> neue Freiheiten, soziale Spannungen, religiös-machtpolitische Kriege >>> v.a. 1618 - 1648

>>> verbreitetes Gefühl der VANITAS (= Vergeblichkeit & Vergänglichkeit des Seins ) und

ENGAÑO (= alles ist Schein) in einer unsicher und unverständlich gewordenen Welt.

Barock = Überwindung der Unsicherheit im Rückgriff auf eine "gottgewollte" Ordnung im Sieg des Absolutismus und der Gegenreformation, durch Zivilisierung, Disziplinierung der Menschen

Kunst = auf Wirkung angelegt, der Propaganda und Repräsentation dienend, stark auf Regeln aufbauend; Gegensätze von strotzender Lebensfreude/Prachtentfaltung versus Vanitas/ Memen-to mori

>>> Welt ist als göttlicher Kosmos, in dem jeder die ihm zugedachte Rolle zu spielen hat, sei er Bettler oder König.

2. Entwicklung:

zuerst in Italien: päpstlicher Absolutismus>>> pompöse Kirchenkunst, überladen, schwülstig, aber überall Zeichen des allgegenwärtigen Todes (Totenköpfe ...)

Frankreich: frz. Absolutismus, der den rebellierenden Geburtsadel zum Hofadel zähmt

Koalition von König mit Bürgertum (wirtschaftl. Basis für den Staat) gegen den Geburtsadel

Deutschland/Österreich: rückständig, politisch zersplittert, verwüstet durch den 30jährigen Krieg

starke Orientierung an Frankreich:

Sprachgesellschaften (Pflege der deutschen Sprache)

Martin Opitz, "Buch von der Deutschen Poeterey" markiert den Anfang einer deutschen Sprach- und Literaturtheorie: Ständeklausel/Fallhöhe, Jambus und Trochäus wegen der Reimreinheit und zugunsten einer natürlichen Wortbetonung. Außerdem soll ein wechselnder Rhythmus bevorzugt werden - dies erlaubt die Gegenüberstellung von These und Antithese .

LYRIK: franz. Adel mit Schäferthemen und Fürstenlob (vom Absolutismus zu unpolitischem Verhalten gezwungen); zu diesen "Idyllen" tritt in Deutschland die Mahn- und Vergänglichkeits-lyrik (Schlagwort: "vanitas").

EPIK: Heroisch-galanter Roman, span. Schelmenroman, der in Deutschland oft "grobianische" Züge bekommt, sowie der engl. Staatsroman.

DRAMATIK: v.a.Jesuitendrama; Vorbild für höfische Theateraufführungen wird die italien. Prunkoper mit z.T. gewaltigem technischen Aufwand. Mehr auf Marktplätzen gezeigt werden vereinfachte engl. Dramen (auch Shakespeare); meist sind es oberflächlich einstudierte Komödien mit Narren und Schlägereien. Von den Sprachgesellschaften wird die französische Theaterpraxis als vorbildlich gewertet: die Tragödien von Corneille und Racine, die Komödien von Moliere ( -> "Tartuffe" ).