| Literaturgeschichte - Romantik bis Realismus |
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GEGENÜBERSTELLUNG
DES 18. UND DES FRÜHEN 19. JAHRHUNDERTS:
| AUFKLÄRUNG | ROMANTIK |
| vorindustrielles Zeitalter/Automaten als
Spielerei (mechanist. Weltbild/ Fortschrittsglaube) politische, soziale, psychologische Auseinandersetzung
zwischen Bürgertum und Adel: die frz. Revolution
zerstört die gesellsch. Struktur des ancien régime;
aber auch: tiefe Verunsicherung revolutionäre Ideale des Bü., getragen von vielen Intellektuellen: Vernunft und Rationalität führen zu Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit: Bürger als citoyen/ als demokrat. Staatsbürger: sein wirtschaftl. Aufstieg macht seine politische Beteiligung nötig: Ziel ist Freiheit und Entfaltung des einzelen (Vorbild: Antike) moralische Kritik am Adel: Natur als Gegenbild zur
moralischen Degeneriertheit der Gesellschaft Faszination durch den Fortschritt der Erkenntnis u.
Technik: mechanistisches Menschenbild: Mensch = Uhr Abwendung von religiöser Orthodoxie/
Überkonfessionalität: Kritik an der Kirche, die auf
seiten der absolut. Fürsten steht politische Wirkungsabsicht der Kunst/Belehrung: Künstler sind in die gesellschaftl. Auseinandersetzungen involviert Kunst einer Elite, die mehr gesellschaftl. Bedeutung einfordert, die das Volk aber als noch nicht reif dafür ansieht "internationalistische Haltung" der Bürger:
Vorbild der Franzosen und Amerikaner für viele andere
Völker RATIONALISMUS/OBJEKTIVITÄT |
industrielle Revolution in vollem Gange:
Dampfmaschine, Fabriken Bü. an der Macht, verrät seine revol. Ideale: Intellektuelle und Künstler sind in gesellschaftl. Fragen zur Bedeutungslosigkeit verurteilt: ---> Literatur = Kritik an Gesellschaft; Kunst = wird auf freiem Markt verkauft Bürger wird zum Philister, der seine Ruhe haben will und sich weder um Gesellschaft noch um Politik kümmert: einziges Ziel bleibt wirtschaftliches Fortkommen. Neue soziale Kontrollmechanismen: Institutionen übernehmen die Disziplinierung Natur wird zum Spiegel der Seele/Moral wird zur
familiären Repression: Ruhe, Ordnung,
Leistungsfähigkeit als Bedingung für den wirtschaftl.
Fortschritt Angst und Entsetzen vor dem Fortschritt/Mensch als
Maschine: Alptraum eines Menschen, der alles Menschliche
abgestreift hat Hinwendung zu Katholizismus/ Konservativismus: Suche
nach neuer Stabilität in Opposition zur bü.
Gesellschaft (Vorbild: Mittelalter) Kunst als Kultivierung subjektiven Gefühls und als
Mittel zur Poetisierung des Lebens Hinwendung zu nationaler Vergangenheit / Volkskunst:
Volk sei natürlich, unverdorben, naiv; Betonung
nationaler Größe vor dem Hintergrund der napoleonischen
Kriege IRRATIONALISMUS/SUBJEKTIVITÄT |
Fragebogen zur "Romantik"
Das politische Großereignis, das die damalige Welt erschütterte und auch bei den Romantikern Begeisterung auslöste, danach aber eine tiefe Verusicherung bewirkte, war ..........................
Deren Errungenschaften wurden von...................... nach ganz Europa "exportiert", was die Begeisterung sehr schnell in ............... umschlagen ließ; eine der Folgen dieser Kriege war in Deutschland ein neues Gefühl: ...............................
Nach der Niederlage des französischen .............. bei Waterloo wurde auf dem ....................... eine Neuordnung Europas vorgenommen. Österreich, Rußland und Preußen schlossen sich zur ........................... zusammen, um die vorrevolutionären Zustände in Europa wieder herzustellen. Die entsprechenden Maßnahmen waren ...............................................
Für viele Intellektuelle hatte das Bürgertum seine ............ verraten: Bürger waren nicht mehr citoyens, sondern .............. geworden. Die Romantiker reagierten darauf mit .................., Snobismus, gleichzeitig aber auch mit Angst und Verunsicherung.
Sie waren in ihrem Selbstverständnis auf große Widersprüche gestoßen: ihre ................ Produkte mußten sich auf dem ................ verkaufen; ihre ................ Rolle schien vorbei zu sein, denn der Philister hatte sich um Wichtigeres zu kümmern als um Kunst.
Viele Romantiker flüchteten vor der schlechten Realität in Träume von Stabilität: .......................,..................., ..... ................ und konzentrierten sich im weiteren v.a. auf ihr eigenes ........ und auf die Kunst. Die romantische Literatur war der Versuch einer .............................. Kunst hatte nicht mehr wie im 18. Jahrhundert die Aufgabe ...................., sondern sie diente in vielen Fällen der ................ vor der Realität.
Ein wichtiger Teil der romantischen Bewegung waren die .......... in Berlin und anderen größeren Städten; sie boten einer bisher diskriminierten Gruppe der Bevölkerung die Möglichkeit von ...... ....................: den ............
Die romantische Epoche endete mit der Revolution von ........., ab diesem Zeitpunkt wendet sich die Literatur neuen Themen zu und befaßt sich wieder direkter mit der ............................
E.T.A. Hoffmann: Der
Sandmann (1817)
1. Zur Person Nathanaels bei seiner Einlieferung ins Tollhaus:
Von welchem Temperamente, welchen Neigungen ist der Kranke? Unter welchen Verhältnissen hat derselbe sonst, und unter welchen kurz vor seiner Aufnahme gelebt? Womit hat er sich beschäftigt?
Findet eine erbliche Anlage zu dem Übel statt? Litt der Vater, die Mutter, die Großeltern, die Seitenverwandten vielleicht an demselben, oder an einem ähnlichen Übel?
Wie fing das Übel an? Wann und unter welchen Umständen, mit welchen Zufällen und Erscheinungen? Welche Art des Benehmens, der Reden, der Handlungen des Kranken wurden bisher bemerkt, nach denen man ihn für geisteskrank gehalten? Welche Veränderungen bot der bisherige Gang der Krankheit dar?
Fand früher, und wann schon, dieselbe oder eine ähnliche Krankheit statt? Oder ist dieses Übel jetzt zum ersten Mal eingetreten? Wie befand sich der Kranke vor demselben? Gingen andere Krankheiten vorher, und welche? Litt der Kranke vielleicht schon an Epilepsie, und wie lange und wie oft traten die Anfälle derselben ein?
Welche Voraussetzungen zur Entstehung der Geisteskrankheit gingen voraus? Körperliche? und welche? Etwa andere Krankheiten? Oder geistige? und etwa heftige und angreifende Gemütsaffekte, und welche und unter welchen Umständen? Wirkten auf den Kranken ein heftiger Zorn, Kummer oder Nahrungssorgen? Oder fand eine Kränkung seiner Ehre statt, oder ein Verlust des Vermögens oder geliebter Verwandter oder eine verfehlte Hoffnung?
(Fragebogen an die Angehörigen von Wahnsinnigen im Krankenhaus Charité in Berlin, 1818)
2. Das Familien- und Liebesleben
Welche Beziehungen herrschen zwischen Vater und Mutter bzw. zwischen Eltern und Kindern? Wie werden die Kinder erzogen? Welche Rolle spielt Coppelius für die Kinder?
Wie wird Clara charakterisiert? Was gefällt den Männern an ihr? Wie verhält sie sich Nathanael, wie er sich ihr gegenüber? Welche Beziehungen haben die Männer untereinander (v.a. Lothar und Nathanael)?
3. Olimpia und Spalanzani:
Wodurch erscheint Olimpia für Nathanael so faszinierend? Welches Hilfsmittel benutzt er? Wie erweckt er sie "zum Leben"? Welches Verhältnis ergibt sich für ihn zwischen Olimpia und Clara?
Wie steht das "bürgerliche Publikum" zu Olimpia? Welches Verhältnis hat es zu dem Automaten? Welche Folgen hat die Entdeckung, daß Olimpia ein Automat war?
4. Das Leitmotiv: die Augen.
Stelle ihre Rolle dar in der Kindheit Nathanaels, als Charakterisierung Claras bzw. Olimpias, ihren technischen Ersatz und dessen Rolle für Nathanael. Warum ist die Angst vor dem Augenraub für den Haupthelden so entscheidend?
Welches Verhältnis besteht zwischen der "Wirklichkeit" und ihrer Wahrnehmung durch den Menschen? Wer hat außer Nathanael Probleme, zwischen Subjektivität und Objektivität zu unterscheiden?
5. Welche literarischen Mittel wendet der Autor an?
Welche Textart steht am Beginn? Wie wird dies erklärt?
Welche Probleme scheint das literarische Ich zu haben?
Wo findet man im "Sandmann" komische Passagen? Welche Funktion haben sie?
Wie endet die Erzählung?
E.T.A. Hoffmann: Der Sandmann - Ergebnisse der Gruppenarbeit
ad1) Zur Person Nathanaels bei seiner Einlieferung ins Tollhaus:
ist ein Träumer, der sich vor allem von seinen eigenen Gedanken leiten läßt und eine andere Weltsicht hat als seine Bekannten (Clara, Lothar, Siegismund); er läßt sich auch durch die Gerüchte in der Stadt bzw. Claras rationale Erklärungen nicht von seiner Faszination durch Coppola bzw. durch Olimpia abhalten. Neben seinem naturwissenschaftlichen Studium hat er sich v.a. als Dichter betätigt.
Hinweise auf eine erbliche Veranlagung gibt es nicht, Einflüsse gab es vielleicht von seinem Vater, der sich - neben dem kleinbürgerlichen Leben - mit magischen Praktiken beschäftigte.
der Ursprung des Übels ist sicher das traumatische Kindheitserlebnis mit dem Advokaten Coppelius, wodurch N. wochenlang krank lag. Dieses Erlebnis wird durch den Besuch des Wetterglashändlers Coppola wieder lebendig.
ad 2) Das Familien- und Liebesleben:
Die Familie ist typisch für diese Zeit: Sie ist reduziert auf den Kern (Eltern + Kinder), daneben noch eine Bedienstete. Der Vater ist einerseits der gemütliche Geschichtenerzähler, andererseits eine Person, der weder die Mutter noch die Kinder Fragen zu stellen wagen, auch wenn Coppelius größtes Unbehagen und wilde Ängste auslöst.
Kinder müssen pünktlich ins Bett und lernen, sich zu beherrschen: Wenn Coppelius eine Näscherei berührt hat, dann nehmen sie sie nicht mehr in den Mund.
Clara ist eine kühl wirkende Frau (ihre Augen werden mit einem See verglichen). Sie ist einerseits kleinbürgerlich (häkeln, sticken) und "keusch", andererseits den Männern unheimlich, weil sie kühl und rational wirkt und nicht bereit ist, sich alles ohne Widerspruch anzuhören. Dadurch wirkt sie einerseits faszinierend, andererseits ziehen sich die Männer vor ihr zurück. N. beschimpft sie wegen ihres Widerspruchs als "Automat", verliebt sich gleichzeitig in Olimpia, die nur immer wieder "Ah, ah, ah ..." sagt.
Die Männer können wegen einer Meinungsverschiedenheit schon einmal zur Waffe greifen, um ihre Ehre zu verteidigen.
ad3) Olimpia und Spalanzani:
Olimpia ist von "schönem Wuchs" und "himmlischem Liebreiz", ihre Augen strahlen auf, wenn N. sie durchs Fernrohr betrachtet: sie wird durch seine Phantasie "zum Leben erweckt" (auch im Kuß) - sie ist in gewissem Sinne ein Produkt von N.'s Phantasie. Im Gegensatz zu Clara widerspricht sie nicht und hält die tagelangen dichterischen Ergüsse von N. aus. Ironischerweise hat er Clara einmal als "verdammtes Automat" beschimpft. Die Entdeckung, daß O. ein Automat ist, bewirkt ein weiteres Trauma bei N.
Das "bürgerliche Publikum" macht sich einerseits lustig über die "blöde Person", ist sich andererseits auch nicht ganz sicher, was es von ihr halten soll. Als sie sich als Automat herausstellt, überprüfen die Männer, ob ihre Freundinnen/Frauen nicht etwa auch Puppen sind. Sie sollen unrhythmisch sprechen, niesen, um zu beweisen, daß sie lebendig sind. Hier ist die Erzählung auch eine Satire auf die bürgerliche Welt.
ad 4) Das Leitmotiv der Erzählung: Die Augen
Das Auge ist ein sehr empfindliches Organ, das für unsere
Beziehung zur Außenwelt sehr wichtig ist. N. hat schon in der
Kindheit Angst vor dem Raub der Augen durch den Sandmann (Coppola
heißt auf ital. Augenhöhle). Clara hat Augen wie ein See,
Olimpias Augen glänzen auf, als sie von N. durch das Fernrohr
betrachtet wird - das Fernrohr ist ein Instrument zur Erweiterung
des Sehsinns. Erst dadurch kann die Phantasie N.'s aus Olimpia
ein lebendiges Wesen machen Die Wirklichkeit ist etwas anderes
als ihre Wahrnehmung durch unsere Sinne und unser Denken. Das ist
seit dem Philosophen Immanuel Kant klar, der nachgewiesen hat,
daß zwischen der Wirklichkeit und unserer Wahrnehmung
"Anschauungsformen" liegen, nach denen wir die
Wirklichkeit "interpretieren". N. läuft in die
"Wahrnehmungsfalle", weil er "schizophren"
ist, aber auch alle anderen Beteiligten sind sich der objektiven
Wirklichkeit nicht so sicher, v.a. der Erzähler.
EINLEITUNG zu "Sandmann":
E.T.A. Hoffmann, Erzählung veröffentlicht in der Sammlung "Nachtstücke" im Jahre 1817
formal uneinheitlich (Briefe + Ich-Erzählung), ein Bekannter
der Hauptperson erzählt, scheint aber Schwierigkeiten mit der
Darstellung der Ereignisse zu haben.
HAUPTTEIL: Briefwechsel zwischen Nathanael und Lothar/Clara
Coppolas Besuch, Weckung von Kindheitserinnerungen:
Sandmann, eine märchenhafte Figur und zugleich ein unheimlicher Besucher, der die Eltern jedesmal in Schwermut stürzt, die Kinder ängstigt (Motiv des Augenraubs)
entdeckt, daß sich dahinter der Advokat Coppelius verbirgt, der mit dem Vater alchemistische Experimente macht, erlebt dadurch einen Alptraum, der ihn wochenlang aufs Krankenbett wirft
bei letztem Auftauchen C. wird Vater getötet
Coppola erinnert ihn an C. ---> zerrissener Gemütszustand
Claras Antwort: schwarze Phantasien sind nur Spiegelungen des eigenen Ichs, haben mit der Wirklichkeit nichts zu tun
N. scheint wütend über Claras prosaischen Rationalismus, beruhigt sich aber einigermaßen, erwähnt noch die Tochter Spelanzanis und kündigt Besuch bei Clara und Lothar an
Einsetzen des Erzählerberichts, Rechtfertigung der Wahl der Briefe zur Einleitung; verdüstertes Gemüt N.s, der sich ganz seinen schwarzen Träumen hingibt, diese auch in Gedichtform bringt und sich - wegen Claras ironischer Ablehnung - zunehmend von ihr entfernt, was nach einem Streit nur oberflächlich gekittet wird.
Rückkehr nach G., Einzug in Wohnung gegenüber Spelanzani, Wiederauftauchen Coppolas, Entsetzen über dessen Angebot, ihm "sköne Oke" zu verkaufen, Kauf des Perspektivs, Faszination durch Olimpia ---> durchs Fernrohr glühen ihre leeren Augen auf
---> unheimliche Faszination durch das seltsam starre Mädchen
---> Ball; N. verliebt sich trotz der skeptischen Reaktion der Allgemeinheit in Olimpia, verbringt Tage bei ihr, die stets dieselben drei Worte spricht, vergißt Clara völlig (ironische Umkehrung der Beziehung zu seiner Verlobten)
---> Streit zwischen Sp. und Coppola: N. entdeckt, daß O. eine Puppe ist; ihre an seine Brust geschleuderten Augen lassen ihn dem Wahnsinn verfallen. Sp. und Co. müssen verschwinden.
N. wird durch Claras Fürsorge geheilt, scheint alles
vergessen zu haben. ---> Turmszene: Perspektiv + Claras Augen
---> Wahnsinn bricht wieder aus, Selbstmord nach Entdeckung
C.s in der Menge
SCHLUSS:
eine romantische Erzählung (Wahnsinn, Märchen, Nachtseite
des Lebens) - Bedeutung??
Zur Geschichte des
Automatenmenschen
18. Jahrhundert: Konstruktion von androiden Automaten als Mode
"Im Jahr 1738 drängten sich die Pariser Rokoko-Damen
mit ihren adeligen Kavalieren, um eine sonderbare Ausstellung zu
besuchen. Ein Mechaniker namens Jacques de Vaucanson (1709-1782)
aus Grenoble lud ein, dem Spiel eines Flötisten zu lauschen. Das
Besondere an dieser Vorführung war: Der Jüngling, der da
Lippen, Finger und Zunge bewegend auf einer Querflöte zwölf
Melodien spielte, wurde von Uhrwerken angetrieben, die ein System
von Blasbälgen bewegten, das die Luft erzeugte, die in der
Flöte in Töne umgewandelt wurde. Der junge Mann, 1,65 m groß,
war ein Automat, der nur so aussah wie ein Mensch, ein Android
also. Neben ihm im gleichen vornehmen Salon konnten die Besucher
eine mechanische Ente bewundern, die nicht nur sämtliche
Bewegungen eines lebendigen Tiers ausführte, sonder auch fraß
und verdaute und das Gefressene gleichsam auf natürlichem Weg
wieder ausschied. Das Publikum empfand Vaucansons Automaten als
sensationell." (entnommen aus: L. Wawrzyn, Der
Automatenmensch)
Weltbild des 18. Jhd.: mechanistisch; der Arzt de la Mettrie bezeichnet 1748 den Menschen als eine "Uhr, die sich selber aufzieht." Das Vertrauen in Technik, Wissenschaft und Fortschritt war eigentlich grenzenlos.
Vaucansons Karriere geht weiter. Als Direktor der königlichen
Seidenmanufaktur in Lyon erfindet er einen automatischen
Webstuhl, wodurch die Produktion gewaltig gesteigert werden
konnte. In immer größeren Fabriken wurden die Menschen, die vom
Land in die Städte geflüchtet waren, angestellt.
Was wird von den Menschen, die an derartigen Maschinen arbeiten, gefordert? Versuche die physischen und psychischen Voraussetzungen für die Arbeit in einer Fabrik darzustellen.
Welche anderen Charaktermerkmale der Menschen werden in der Hoffmannschen Erzählung angesprochen - es geht darin ja nicht um Menschen, die in Fabriken arbeiten; wahrscheinlich hat Hoffmann niemals einen Betrieb von innen gesehen.
Wie werden Menschen dazu gebracht, derartige Bedingungen zu erfüllen bzw. zu akzeptieren? Wer "arbeitet an ihnen"?
Worin besteht also der Unterschied im Verhältnis der Menschen zum Automaten im Jahr 1736 und im Jahr 1818?
Welche Stellung bezieht Hoffmann mit seiner Erzählung in diesem Prozeß? Was kann man daraus über die Funktion von Literatur ablesen?
Zur Geschichte des Automatenmenschen
18. Jahrhundert: Konstruktion von androiden Automaten
als Mode"Im Jahr 1738 drängten sich die Pariser
Rokoko-Damen mit ihren adeligen Kavalieren, um eine sonderbare
Ausstellung zu besuchen. Ein Mechaniker namens Jacques de
Vaucanson (1709-1782) aus Grenoble lud ein, dem Spiel eines
Flötisten zu lauschen. Das Besondere an dieser Vorführung war:
Der Jüngling, der da Lippen, Finger und Zunge bewegend auf einer
Querflöte zwölf Melodien spielte, wurde von Uhrwerken
angetrieben, die ein System von Blasbälgen bewegten, das die
Luft erzeugte, die in der Flöte in Töne umgewandelt wurde. Der
junge Mann, 1,65 m groß, war ein Automat, der nur so aussah wie
ein Mensch, ein Android also. Neben ihm, im gleichen vornehmen
Salon konnten die Besucher eine mechanische Ente bewundern, die
nicht nur sämtliche Bewegungen eines lebendigen Tiers
ausführte, sondern auch fraß und verdaute und das Gefressene
gleichsam auf natürlichem Weg wieder ausschied. Das Publikum
empfand Vaucansons Automaten als sensationell." (entnommen
aus: L. Wawrzyn, Der Automatenmensch)
Weltbild des 18. Jhd.: mechanistisch; der Arzt de la Mettrie bezeichnet 1748 den Menschen als eine "Uhr, die sich selber aufzieht." Das Vertrauen in Technik, Wissenschaft und Fortschritt war noch beinahe grenzenlos.
Vaucansons Karriere geht weiter. Als Direktor der königlichen Seidenmanufaktur in Lyon erfindet er einen automatischen Webstuhl, wodurch die Produktion gewaltig gesteigert werden konnte. Nun werden aber die Arbeiter/innen, die die Maschine "bedienen" müssen, ihrerseits zu "Automaten", die einen einzigen Bewegungsablauf ausführen müssen, um der Maschine gerecht zu werden. Auf sie wirkt der Automat alles andere als faszinierend.
Die bürgerliche Industriegesellschaft, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts entsteht, muß die Menschen an diese Entwicklung anpassen. Die Maschine erfordert vom Menschen nämlich Ausdauer, Entsagung, genaue Beachtung des zeitlichen Ablaufs, Selbstzwang, den ungeheuren Willen, sich an etwas Fremdes anzupassen, mit einem Wort DISZIPLIN. Der Fortschritt in Technik und Industrie tut nicht nur der Natur Gewalt an, sondern auch der Natur im Menschen. "Die Bourgeoisie, wo sie zur Macht gekommen ist, hat alle feudalen, patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse zerstört. Sie hat die buntscheckigen Feudalbande, die den Menschen an seinen natür- lichen Vorgesetzten knüpften, unbarmherzig zerrissen und kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch zurückgelassen, als das nackte Interesse, als die 'gefühllose bare Zahlung'." (Marx/Engels, Das kommunistische Manifest).
Ohne sie immer genau analysiert zu haben, spürten die Künstler diese Entwicklung. E.T.A. Hoffmann hat in seiner Erzählung nicht nur ein tragisches Einzelschicksal dargestellt, sondern die "Nachtseite" der Gesellschaft: die Härte der Kindererziehung, das verklemmte Triebleben (Triebaufschub, Voyeurismus, "Wonne der Tränen"), der durch Automaten ausgelöste Alptraum, die Angst vor dem Wahnsinn.
Der Umbau des Menschen zum Bürger: DIZIPLINIERUNG im 18. Jhd.
Das ganze Subjekt mußte umgebaut werden, bis daraus der moderne Bürger wurde. Auch im Mittelalter, in der Renaissance und im Barock gab es Methoden der Disziplinierung: der Terror von Inquisition und Hexenprozessen wurde aber langsam abgelöst durch eine immer ausgefeiltere Modellierung der Psyche und der Alltagsorganisation der Menschen. Die Regeln des Benehmens, die Erfindung der Uhr u.a. haben sehr viel mit der Entwicklung eines leistungsstarken bürgerlichen Schicht zu tun.
Das 18. Jahrhundert jedoch gibt diesem Prozeß eine neue Qualität: die Disziplinierung greift in immer mikroskopischeren Dimensionen in des Leben der Menschen ein:
Kasernierung von Soldaten, Exerzieren, Automatisierung von Bewegungsabläufen; am Ende dieses Prozesses steht die allg. Wehrpflicht
allgemeine Unterrichtspflicht, Schönschreiben in der Schule
genaues Zeitraster in den Manufakturen und Fabriken
Verteilung der Individuen in einem überschaubaren Raum
entsprechende Architektur der Manufakturen
neue Ideen zur Justiz und zur Funktion von Strafe (Jugendstrafanstalten in Frankreich heißen "maisons de correction): aus der Rache des Souveräns am Verbrecher wird die Idee der Besserung
genauere Differenzierung des internierten Teils der Bevölkerung: Trennung in Arme (die arbeiten sollen), Kriminelle (die im Gefängnis gebessert werden sollen), Kranke (für die die männliche Medizin und das Krankenhaus zuständig sind) und Irre (die in eigenen Asylen interniert werden).
entsprechende Adaption der Natur- und technischen, aber auch
aller Humanwissenschaften!
Im 19. Jhd. entstehen daraus Schulen, Kasernen, Fabriken, Spitäler, Gefängnisse, Irrenanstalten - ein ganzes Netz von Institutionen, die für die Kontrolle der Mitglieder der Gesellschaft zuständig sind. Dagegen haben immer wieder viele Betroffene protestiert: Arbeiter schossen bei der Revolution von 1848 auf die Turmuhren der Pariser Kirchen, die Literatur wird immer ausschließlicher Kritik an der Gesellschaft, die Frauenbewegung wehrt sich ab 1850 gegen den Sexismus, alternative Ideen in Philosophie und Wissenschaft, aber auch in der Politik wurden ausgearbeitet. (Gewerkschaft, Sozialismus, ...)
Modell einer Inhaltsangabe der Erzählung "Der Sandmann"
zu beachten: möglichst knappe Zusammenfassung, aber alle zum
Verständnis nötigen Informationen müssen vorhanden sein; die
Wiedergabe der Kindheitserlebnisse kann auch im Präteritum
erfolgen.
E.T.A. Hoffmann: DAS
FRÄULEIN VON SCUDERI
(ERZÄHLUNG, 1818) aufgenommen in die Sammlung "Die
Serapions-Brüder"
Aufbau der Handlung:
1. der unbekannte Fremde an der Tür/Übergabe des
Schmuckkästchens
2. Exkurs über Giftmorde im adeligen Milieu von Paris und die
sich daraus ergebende spezielle Gerichtsbarkeit (Chambre ardente)
3. Juwelenraubmorde im Gefolge
4. chronologisch früher: Scuderi beim König; sie verhindert
Aus-weitung der gerichtlichen Verfolgung der Raubmörder mit
ihrem Zitat "Un amant ..."
---> durch den Brief im Kästchen wird sie gegen ihren
Willen zur Komplizin der angeblichen Räuberbande gestempelt
5. Einführung von CARDILLAC: Bürger und Künstler, der sich
kaum von seinen Werken trennen kann, die alle von adeligen
Liebhabern an ihre Maîtressen verschenkt werden. Für einige
wenige hochge-stellte Personen bei Hof übernimmt er keine
Aufträge. Er soll den Besitzer des Schmucks im Kästchen
identifizieren, behauptet, er gehöre ihm selber und macht ihn
der Scuderi zum Geschenk. Diese und Madame de Maintenon ahnen ein
Geheimnis.
6. Monate später: auf dem Pont Neuf wird Scuderi vom jungen
Mann aus der ersten Szene dazu aufgefordert, den Schmuck umgehend
an Cardillac zurückzugeben. Dies wird durch Verpflichtungen am
Hof um einen Tag verzögert.
7. Cardillac ist tot, Olivier Brusson wird des Mords
beschuldigt, auch Madelon Cardillac soll verhaftet werden, wird
aber von der Scuderi aufgenommen und beschwört vor ihr Oliviers
Unschuld. Die Scuderi will O. retten.
8. Alle Indizien sprechen gegen Olivier, la Regnie gestattet der Scuderi ein Gespräch mit ihm.
Geständnis von Olivier: Sohn der Ziehtochter der Scuderi, Schuld des Verschweigens der Verbrechen seines Lehrherrn, der ihn mit Madelon erpreßt hat
---> großes Gespräch Cardillac - Olivier: (Retrospektive)
---> Mutter von C. und ihre Sucht nach Geschmeide
toter Kavalier; Schock überträgt sich auf das ungebo- rene Kind, Sucht C.s nach Geschmeide, Meister seiner
Kunst, Miete eines Hauses mit Hinterausgang + Mord und
Raub an seinen Kunden
9. Cardillac will seiner Sucht nachgeben und Scuderi doch
töten; Warnung durch Olivier + gewaltsamer Tod Cardillacs in
derselben Nacht
10. Rettungsversuche der Scuderi; la Regnie bleibt hart, Auftauchen des Grafen Miossens; kleine Gerichtsintrige + Begnadi-gung durch den König. Happy end in bürgerlicher Karriere.
PERSONEN
Milieu: hochadelig (bei Hofe) + bürgerlich (Cardillac
...)
Beziehung der Personen untereinander:
SCUDERI CARDILLAC
(Anne Guiot/Olivier) (als Kind)
| |
| |
Scuderi als Cardillac als
Künstlerin am Hof Künstler und Bürger
| |
| |
| Madelon + Olivier
unfreiwillige C.: als Mörder ent-
Komplizin C.s deckt
³
Sc. + Olivier
gg. Justiz
Nebenfiguren: Hochadel am Hof (Ludwig XIV., Maintenon etc.)
adelige Kavaliere in der Stadt (verdorben)
brutale Gerichtsbarkeit (la Regnie, Argenson)
Elemente des Kriminalromans:
der unverdächtig Schuldige
der unschuldig Verdächtige
die Aufdeckung des Verbrechens (hier: Geständnis)
Zeitstruktur der Erzählung: (H = Handlung):
H0: Mordserie in Paris
H1: Haupthandlung (Scuderi + Rettung Oliviers
H2: Olivier als Lehrling bei Cardillac/Liebe zu Madelon/Tod C.s
H3: Oliviers Beziehung zur Scuderi (aus der Kindheit)
H4: Cardillacs Kindheit + Biographie + Motiv
p 3 ff. : (H1) an einem Abend in Paris um 1680
p 6 ff. : (H0) Hintergrund: seit Jahren Verbrechensserie in der Stadt/erfolglose Bemühungen der Justiz
p 11 : (H0) Scuderi beim König, Wochen vor dem Einsetzen von H1
p 12 ff.: (H1) Fortsetzung von (am nächsten Morgen)
p 20 ff.: (H1) Monate später: Szene am Pont Neuf + Tod C.s
p 23 : (H2) Madelons Erzählung/RÜCKBLICK
p 24 : (H1) Fortsetzung (Scuderi wendet sich an la Regnie)
p 29 ff.: (H1) Gespräch Olivier - Scuderi
(H3) Oliviers Beziehung zu der Scuderi [30 f.]
(H2) Vorgeschichte zu ([31 f]
(H4) RÜCKBLICK auf Cardillacs Kindheit [36 ff.]
+ Geständnis [37 ff.]
p 39 : H4 + H1 greifen ineinander: C. schenkt Scuderi wg. des
Gedichts "un amant ..." seinen Schmuck, damit wird auch H3 aktualisiert
p 42 ff.: H1 geht bis zum Ende weiter
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DAS FRÄULEIN VON SCUDERI (1819)
erschienen in der Sammlung: "Die
Serapions-Brüder"
Erzählungssammlung, von Hoffmann ab 1818 aus seinen verstreut vorliegenden Werken zusammengestellt
Vorbilder: Boccaccio, Dekamerone
Tieck, Phantasus
Rahmenhandlung: Freunde diskutieren über Geschichten,
die sie sich gegenseitig vortragen.
"Das Werk beginnt mit Gesprächen zwischen Theodor,
Ottmar, Cyprian und Lothar. Cyprian erzählt die Geschichte eines
Wahnsinnigen, der sich für den Märtyrer Serapion hält, einen
Einsiedler, der unter Kaiser Decius hingerichtet wurde. Die
Gespräche gelten dem Wesen des Wahnsinns, des Seltsamen und
Unwahrscheinlichen bzw. dem Wirklichen."
"Nur das wirklich Geschaute darf vom Dichter ausgesagt
und gestaltet werden. 'Wirklich' ist aber auch das geistig
Geschaute, sodaß selbst die seltsamsten Geschichten dieser
Sammlung dem serapiontischen Prinzip zu entsprechen
vermögen." (zit. nach Hoffmann, Das Fräulein von S.,
Erläuterungen und Dokumente)
Gruppenarbeitsfragen:
1. Analyse der Person Cardillacs. Welche beiden sozialen
Rollen nimmt er ein? Worin liegen Gründe bzw. Motive seiner
Verbrechen?
C. ist BÜRGER und KÜNSTLER. Als Bürger ist er darauf angewiesen, seine KÜNSTLERISCHEN PRODUKTE auf dem freien Markt zu verkaufen, sie an Menschen auszuliefern, die ihrer nicht würdig zu sein scheinen.
Einzige Möglichkeit, sich diesem Zwang zu entziehen, ist für
ihn die verbrecherische Gewalt.
C. ist aber nicht nur in einer sozialen, sondern auch in einer
psychologischen Zwangslage: als noch nicht geborenes Kind hat ihn
der Schock seiner Mutter über den in ihren Armen gestorbenen
Kavalier für sein Leben geprägt. Seine Verbrechen entspringen
also einem aus frühkindlichen Erlebnissen motivierten Zwang.
2. Wie wird das Milieu charakterisiert, in dem sich die
Scuderi bewegt? Wie verhalten sich die Adeligen, welche
Beziehungen haben sie zu Cardillac? Was denkt Cardillac über
sie? Welche beiden Auffassungen von Liebe werden
gegeneinandergestellt
Am Hof herrscht Müßiggang, Zeitvertreib besteht im Vorlesen
von Gedichten und anderen literarischen Produkten in Form von
Zweikämpfen, in einer lasziven Galanterie. Gleichzeitig
usurpiert der Adel sowohl polizeiliche als auch die
Gerichtsgewalt. Diese Gewalt wird unkontrolliert und mit großer
Brutalität ausgeübt, wobei auch Unschudlige unter die Räder
kommen. Dabei befleißigen sich die Funktionäre dieser Gewalt
einer rein rationalen Logik, die der Komplexität der Verbrechen
nicht gerecht wird.
Oliviers und Madelons Liebe ist rein und tief, während der
Adel seine oberflächlichen Liebeshändel auch noch mit viel
Reichtum garnieren kann.
3. Welche "modernen" Erkenntnisse über das
Verhalten von Menschen werden von Hoffmann in seiner Erzählung
schon ausgeführt?
Hoffmann schildert Menschen in einer sozialen Zwangslage
einerseits: sie werden durch ungerechte gesellschaftliche
Verhältnisse zu Verbrechern; andererseits ist ihr Verhalten aus
pränatalen bzw. frühkindlichen Beschädigungen erklärbar.
4. Die Handlung spielt im späten 17. Jahrhundert in
Frankreich, zur Zeit Ludwigs XIV. Worin kommt aber Kritik
Hoffmanns an den politischen Verhältnissen seiner eigenen Zeit
zum Ausdruck?
Die Chambre ardente als spezielle Verfolgungsbehörde mit
großer, ja allzu weit gehender Gewalt entspricht den von den
restaurativen Monarchien eingerichteten Kommissionen zur
Gesinnungsschnüffelei und Verfolgungen "staatsfeindlicher
Umtriebe". Die Menschlichkeit der Scuderi bringt den König
davon ab, die Kompetenzen der Verfolgungsbehörden auch noch
auszuweiten; dabei stützt sich Ludwig XIV allerdings weniger auf
Gedanken zur Einschränkung unkontrollierter Macht einer
Institution als vielmehr auf einen galanten Spruch, der im
höfischen Literaturwettbewerb den Sieg davongetragen hat.
5. Was ist "romantisch" an dieser Erzählung?
---> Faszination durch Schauerliches, Wahnsinniges, die
Nachtseite der Seele
---> Geschichte der großen Gefühle, der großen Liebe
---> die Problematik Künstler - Bürger und die sich
daraus ergebenden Widersprüche
DISZIPLINIERUNG IM
VERLAUF DES 18. JAHRHUNDERTS: DIE ERSCHAFFUNG DES BÜRGERLICHEN
SUBJEKTS
"Das große Buch vom Menschen als Maschine wurde gleichzeitig auf zwei Registern geschrieben: auf dem anatomisch-metaphysischen Register, dessen erste Seiten von Descartes stammen und das von den Medizinern und Philosophen fortgeschrieben wurde; und auf dem technisch-politischen Register, das sich aus der Masse von Militär-, Schul- und Spitalsreglements sowie aus empirischen und rationalen Prozeduren zur Kontrolle oder Korrektur der Körpertätigkeiten angehäuft hat." (Michel Foucault, Überwachen und Strafen, 1976; S. 174)
Konkrete Prozesse:
1. überwachbare Verteilung der Individuen im Raum: jedem seinen Platz und auf jedem Platz nur ein Individuum (Kaserne, Schulklasse, Manufaktur)
2. ein immer genaueres Zeitraster (in Minuten und Sekunden); genaue zeitliche Einteilung von Tätigkeiten
3. Zusammenschaltung von Körper und Objekt (Soldat-Gewehr, Arbeiter-Maschine, ...)
4. genaue Organisation von Entwicklungen (durch Übung-Prüfung, Schritt für Schritt, nach dem Schema einer analytischen Pädagogik)
5. Zusammensetzung der Kräfte zur Steigerung der
Effizienz, präzises Befehlssystem (über Signale)
Methoden:
1. Überwachung: ermöglicht durch ein architektonisches Kalkül und durch eine genau definierte Hierarchie
2. Bestrafungsmethoden (abseits der offiziellen Justiz) für Verspätungen, Unaufmerksamkeiten, Faulheit, Schamlosigkeit, ...
"Unter Bestrafung, Züchtigung, Korrektion etc. muß alles verstanden werden, was fähig ist, die Kinder die Fehler fühlen zu lassen, die sie begangen haben; alles, was geeignet ist, sie zu demütigen, sie zu beschämen ..."
(J.-B. de la Salle, Führung von christl. Schulen, 1828)
3. Korrektion des Verhaltens durch die Strafen: Abrichtung
4. ständige Prüfung/Dokumentation der Entwicklung
---> das PANOPTICON ist die architektonische Gestalt dieser Disziplinierungsprozesse
"Die berühmten Automaten waren nicht bloß
Illustrationen des Organismus, sie waren politische Puppen,
verkleinerte Modelle von Macht: sie waren die Obsessionen
Friedrichs II., des pedantischen Königs der kleinen Maschinen,
der gutgedrillten Regimenter und der langen Übungen."
(ebda. S. 175)
"'Sehr gut', sagte der Großfürst Michael einmal von einem Regiment, nachdem er es eine ganze Stunde lang hatte das Gewehr präsentieren lassen, 'sehr gut, aber sie atmen!'"
- Woyzeck ist das erste Drama der deutschen Literatur, in dem ein Angehöriger der Unterschicht die Hauptrolle spielt. Seine Charakterisierung erfolgt durch die Darstellung der materiellen Bedingungen seines Lebens, d.h. seiner sozialen Lage.
Während der deutsche Idealismus, die Klassik und (wenn auch
eingeschränkt) die Romantik den Geist als die Grundlage des
Lebens der Gesellschaft ansahen, hat Büchner die materiellen und
sozialen Bedingungen analysiert, unter deren Einfluß ein Mensch
zum Mörder werden kann. Er hat damit einen Satz von Karl Marx
vorweggenommen, den dieser 1856 formuliert hat:
Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das das Sein
bestimmt, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr
Bewußtsein bestimmt.
- Man kann mit Marx den Wert literarischer Werke auch danach beurteilen, welches "historisch mögliche Bewußtsein" sich in ihnen ausdrückt. Danach wäre der Woyzeck ein revolutionäres Werk, denn sein 23jähriger Autor hat darin Auffassungen vertreten, die theoretisch-philosophisch erst später formuliert wurden und v.a. in der Literatur des 20. Jahrhunderts eine Rolle spielen.
Nicht umsonst war das Stück bis 1913 vergessen, hat dann aber
nach der ersten Buchausgabe einen Siegeszug angetreten
(Aufführungen auf allen großen Theatern der Welt,
Opernfassungen, Verfilmungen ...)
- Woyzeck ist ein Stück über Gewalt, die einem Menschen
angetan wird und die das erzeugt, "was in uns lügt, mordet
und stiehlt". Die Gewalt äußert sich in Auffassungen über
Moral (Hauptmann), in der Funktion der Wissenschaft (Doktor), in
der militärischen Hierarchie (Tambourmajor), in einer hilflosen
Liebesbeziehung zwischen Woyzeck und Marie, die mit dem
Tambourmajor eine Hoffnung auf ein besseres Leben verbindet.
Diese Gewalt ist physisch:
psychisch:
und strukturell:
"Gewalt liegt dann vor, wenn Menschen so beeinflußt werden, daß ihre aktuelle somatische und geistige Verwirklichung geringer ist als ihre potentielle Verwirklichung."
Johann Galtung, norweg. Friedensforscher
Bei der strukturellen Gewalt tritt kein Akteur auf, der
jemandem direkt Schaden zufügt: die Gewalt ist in das System
eingebaut und äußert sich in ungleichen Lebenschancen, der
ungleichen Verteilung von Ressourcen wie z.B. Einkommen,
Bildungschancen, Entscheidungsgewalt über diese Ressourcen. Das
Hinterhältige an der strukturellen Gewalt ist, daß viele
Menschen gar nicht die Möglichkeit haben, sie zu durchschauen,
sie kann durch Propaganda oder andere Ablenkungsmittel beinahe
unsichtbar gemacht werden.
Definition des Begriffs Frieden = Abwesenheit von
personaler und struktureller Gewalt!
Wenn beide Werte, beide Ziele wesentlich sind, welche
Möglichkeiten und Aktionsformen stehen Personen/Gruppen offen,
zu ihren Rechten zu kommen?
1797: geb. in Düsseldorf als Sohn eines kleinen jüdischen Kaufmanns
1815: Jusstudium (Unterstützung durch Onkel Salomon Heine), Interesse aber v.a. für Literatur- und Philosophie.
1825: Promotion, Konversion zum Protestantismus; Versuch des Aufbaus einer Existenz als freischaffender Künstler
1826: erste Veröffentlichung "Buch der Lieder"
1827: Politisierung durch England-Reise; Schwierigkeiten mit der Zensur
1831: Paris, wo er mit Unterbrechungen bis zu seinem Tod
lebte. Auskommen durch journalistische Arbeiten für
französische und deutsche Zeitungen.
"Schon die ersten Tage meiner Ankunft in der Hauptstadt
merkte ich, daß die Dinge in Wirklichkeit ganz andere Farben
trugen, als ihnen die Lichteffekte der Begeisterung in der Ferne
geliehen hatten."
Schon damals kam Heine zu der Auffassung, daß die bürgerliche Revolution nur ein unvollkommener Anfang viel radikalerer Umwälzungen sei. Dieser Auffassung gab er in vielen Artikeln Ausdruck, was zu einem Verbot seiner Werke in Deutschland, damit zu einer Verschlechterung seiner materiellen Lage führte. Eine Rente des Geheimfonds der französischen Ministerpräsidenten hält ihn über Wasser.
"Der politische Teil ihres Briefes hat mich sehr erfreut,
es ist mir lieb, daß der künftige Mann meiner Schwester kein
Revolutionär ist. Auch finde ich, daß ein Mann, der in guten
Verhältnissen lebt und glücklicher Bräutigam ist, nicht den
Umsturz der bestehenden Verhältnisse wünscht und für seine und
Europas Ruhe besorgt ist. Bei mir sind andere Verhältnisse
obwaltend, und außerdem fühle ich mich ein wenig seltsam
gestimmt, wenn ich zufällig in der Zeitung lese, daß auf den
Straßen Londons einige Menschen erfroren und auf den Straßen
Neapels einige Menschen verhungert sind." (Heinrich HEINE in
einem Brief an den Verlobten seiner Schwester, 1823)
| Verriet mein blasses Angesicht dir nicht mein Liebeswehe? Und willst du, daß der stolze Mund Das Bettelwort gestehe? Oh dieser Mund ist viel zu stolz und kann nur küssen und scherzen; Er spräche vielleicht ein höhnisches Wort Während ich sterbe vor Schmerzen. (1825) |
Die Fensterschau Der bleiche Heinrich ging vorbei, Schön Hedwig lag am Fenster. Sie sprach halblaut: "Gott steh mir bei, Der unten schaut bleich wie Gespenster." Der unten hob sein Aug in die Höh', Hinschmachtend nach Hedwigs Fenster. Schön Hedwig ergriff es wie Liebesweh, Auch sie ward bleich wie Gespenster. Schön Hedwig stand nun mit Liebesharm Tagtäglich lauernd am Fenster. Bald aber lag sie in Heinrichs Arm Allnächtlich zur Zeit der Gespenster. |
| Die Tendenz Deutscher Sänger, sing und preise Deutsche Freiheit, daß dein Lied Unserer Seelen sich bemeistre Und zu Taten uns begeistre In Marseiller Hymnenweise. Girre nicht mehr wie der Werther Welcher nur für Lotten glüht - Was die Glocke hat geschlagen, Sollst du deinem Volke sagen, Rede Dolche, rede Schwerter. Sei nicht mehr die weiche Flöte, Das idyllische Gemüt - Sei Kanone, sei Kartaune, Sei des Vaterlands Posaune Blase, schmettre, donnre, töte! Blase, schmettre, donnre täglich, Bis der letzte Donner flieht - Singe nur in diese Richtung, Aber halte deine Dichtung Nur so allgemein als möglich. Kobes I. Im Jahre achtundvierzig hielt Zur Zeit der großen Erhitzung, Das Parlament des deutschen Volks Zu Frankfurt seine Sitzung. Damals leiß auch auf dem Römer dort Sich sehen die weiße Dame, Das unheilverkündende Gespenst; Die Schaffnerin ist sein Name. Man sagt, sie lasse sich jedesmal Des Nachts auf dem Römer sehen, So oft einen großen Narrenstreich Die lieben Deutschen begehen. Dort sah ich sie selbst um jene Zeit Durchwandeln die nächtliche Stille Der öden Gemächer, wo aufgehäuft Des Mittelalters Gerülle. Die Lampe und den Schlüsselbund Hielt sie in bleichen Händen; Sie schloß die großen Truhen auf Und die Schränke an den Wänden. Da liegen die Kaiser -Insignia, da liegt die goldene Bulle, Das Szepter, die Krone, der Apfel des Reichs Und manche ähnliche Schrulle. ... Die Schaffnerin schüttelt wehmütig das Haupt Bei diesem Anblick, doch plötzlich Mit Widerwillen ruft sie aus: "Das alles stinkt entsetzlich!" Das alles stinkt nach Mäusedreck, Das ist verfault und verschimmelt, Und in dem stolzen Lumpenkram, Das Ungeziefer wimmelt. Und wisset, wenn es den Kaiser juckt, So müssen die Völker sich kratzen - O Deutsche! Ich fürchte, die fürstlichen Flöh', Die kosten euch manchen Batzen. Jedoch wozu noch Kaiser und Flöh'? Verrostet ist und vermodert Das alte Kostüm. - Die neue Zeit Auch neue Röcke fodert. Mit Recht sprach auch der deutsche Poet Zum Rotbart im Kyffhäuser: 'Betracht ich die Sache ganz genau, So brauchen wir gar keinen Kaiser!' ... |
Michel nach dem März Solang ich den deutschen Michel gekannt, War er ein Bärenhäuter; Ich dachte im März, er hat sich ermannt und handelte fürder gescheiter. Wie stolz erhob er das blonde Haupt Vor seinen Landesvätern! Wie sprach er - was doch unerlaubt - Von hohen Landesverrätern. Das klang so süß zu meinem Ohr Wie märchenhafte Sagen, Ich fühlte wie ein junger Tor Das Herz mir wieder schlagen. Doch als die schwarz-rot-goldene Fahn, Der allgermanische Plunder, Aufs neue erschien, da schwand mein Wahn Und die süßen Märchenwunder. Ich kannte die Farben in diesem Panier Und ihre Vorbedeutung: Von deutscher Freiheit brachten sie mir Die schlimmste Hiobszeitung. Schon sah ich Arndt, den Vater Jahn - Die Helden aus anderen Zeiten Aus ihren Gräbern wieder nahn Und für den Kaiser streiten. Die Burschenschaftler allesamt Aus meinen Jünglingsjahren, Die für den Kaiser sich entflammt, wenn sie betrunken waren. Ich sah das sündenergraute Geschlecht Der Diplomaten und Pfaffen, Die alten Knappen vom römischen Recht Am Einheitstempel schaffen - Derweil der Michel, geduldig und gut Begann zu schlafen und schnarchen. Und wieder erwachte unter der Hut von vierunddreißig Monarchen. Das neue israelitsche Hospital zu Hamburg Ein Hospital für arme kranke Juden Für Menschenkinder, welche dreifach elend, Behaftet mit den bösen drei Gebresten Mit Armut, Körperschmerz und Judentume! Das schlimmste von den dreien ist das letzte, Das tausendjährige Familienübel, Die aus dem Niltal mitgeschleppte Plage, Der altägyptisch ungesunde Glauben. Unheilbar tiefes Leid! Dagegen helfen Nicht Dampfbad, Dusche, nicht die Apparate Der Chirurgie, noch all die Arzeneien, Die dieses Haus den siechen Gästen bietet. Wir einst die Zeit, die ew'ge Göttin, tilgen das dunkle Weh, das sich vererbt vom Vater Herunter auf den Sohn, - wird einst der Enkel Genesen und vernünftig sein und glücklich? ...(1836) |