Literaturgeschichte - Romantik bis Realismus  


Vergleich 18. und frühes 19.Jhd. Realismus - historischer Hintergrund
E.T.A.Hoffmann: Der Sandmann Realismus - Definition
E.T.A.Hoffmann: Fräulein von Scuderi F.M.Felder: Aus meinem Leben
Automatenmenschen Th.Fontane: Irrungen, Wirrungen
Disziplinierung des Bürgers Gedichte des Realismus
Georg Büchner: Woyzeck Erzählhaltungen um 1880
Heinrich Heine: Gedichte Die Kunst des Erzählens
       






GEGENÜBERSTELLUNG DES 18. UND DES FRÜHEN 19. JAHRHUNDERTS:

Übersicht

AUFKLÄRUNG ROMANTIK
vorindustrielles Zeitalter/Automaten als Spielerei (mechanist. Weltbild/ Fortschrittsglaube)

politische, soziale, psychologische Auseinandersetzung zwischen Bürgertum und Adel: die frz. Revolution zerstört die gesellsch. Struktur des ancien régime; aber auch: tiefe Verunsicherung

revolutionäre Ideale des Bü., getragen von vielen Intellektuellen: Vernunft und Rationalität führen zu Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit:

Bürger als citoyen/ als demokrat. Staatsbürger: sein wirtschaftl. Aufstieg macht seine politische Beteiligung nötig: Ziel ist Freiheit und

Entfaltung des einzelen (Vorbild: Antike)

moralische Kritik am Adel: Natur als Gegenbild zur moralischen Degeneriertheit der Gesellschaft

Faszination durch den Fortschritt der Erkenntnis u. Technik: mechanistisches Menschenbild: Mensch = Uhr

Abwendung von religiöser Orthodoxie/ Überkonfessionalität: Kritik an der Kirche, die auf seiten der absolut. Fürsten steht

politische Wirkungsabsicht der Kunst/Belehrung: Künstler sind in die gesellschaftl. Auseinandersetzungen involviert

Kunst einer Elite, die mehr gesellschaftl. Bedeutung einfordert, die das Volk aber als noch nicht reif dafür ansieht

"internationalistische Haltung" der Bürger: Vorbild der Franzosen und Amerikaner für viele andere Völker

RATIONALISMUS/OBJEKTIVITÄT

industrielle Revolution in vollem Gange: Dampfmaschine, Fabriken

Bü. an der Macht, verrät seine revol. Ideale: Intellektuelle und Künstler sind in gesellschaftl. Fragen zur Bedeutungslosigkeit verurteilt: ---> Literatur = Kritik an Gesellschaft;

Kunst = wird auf freiem Markt verkauft

Bürger wird zum Philister, der seine Ruhe haben will und sich weder um Gesellschaft noch um Politik kümmert: einziges Ziel bleibt wirtschaftliches Fortkommen.

Neue soziale Kontrollmechanismen: Institutionen

übernehmen die Disziplinierung

Natur wird zum Spiegel der Seele/Moral wird zur familiären Repression: Ruhe, Ordnung, Leistungsfähigkeit als Bedingung für den wirtschaftl. Fortschritt

Angst und Entsetzen vor dem Fortschritt/Mensch als Maschine: Alptraum eines Menschen, der alles Menschliche abgestreift hat

Hinwendung zu Katholizismus/ Konservativismus: Suche nach neuer Stabilität in Opposition zur bü. Gesellschaft (Vorbild: Mittelalter)

Kunst als Kultivierung subjektiven Gefühls und als Mittel zur Poetisierung des Lebens

Hinwendung zu nationaler Vergangenheit / Volkskunst: Volk sei natürlich, unverdorben, naiv; Betonung nationaler Größe vor dem Hintergrund der napoleonischen Kriege

IRRATIONALISMUS/SUBJEKTIVITÄT





Fragebogen zur "Romantik"

Das politische Großereignis, das die damalige Welt erschütterte und auch bei den Romantikern Begeisterung auslöste, danach aber eine tiefe Verusicherung bewirkte, war ..........................

Deren Errungenschaften wurden von...................... nach ganz Europa "exportiert", was die Begeisterung sehr schnell in ............... umschlagen ließ; eine der Folgen dieser Kriege war in Deutschland ein neues Gefühl: ...............................

Nach der Niederlage des französischen .............. bei Waterloo wurde auf dem ....................... eine Neuordnung Europas vorgenommen. Österreich, Rußland und Preußen schlossen sich zur ........................... zusammen, um die vorrevolutionären Zustände in Europa wieder herzustellen. Die entsprechenden Maßnahmen waren ...............................................

Für viele Intellektuelle hatte das Bürgertum seine ............ verraten: Bürger waren nicht mehr citoyens, sondern .............. geworden. Die Romantiker reagierten darauf mit .................., Snobismus, gleichzeitig aber auch mit Angst und Verunsicherung.

Sie waren in ihrem Selbstverständnis auf große Widersprüche gestoßen: ihre ................ Produkte mußten sich auf dem ................ verkaufen; ihre ................ Rolle schien vorbei zu sein, denn der Philister hatte sich um Wichtigeres zu kümmern als um Kunst.

Viele Romantiker flüchteten vor der schlechten Realität in Träume von Stabilität: .......................,..................., ..... ................ und konzentrierten sich im weiteren v.a. auf ihr eigenes ........ und auf die Kunst. Die romantische Literatur war der Versuch einer .............................. Kunst hatte nicht mehr wie im 18. Jahrhundert die Aufgabe ...................., sondern sie diente in vielen Fällen der ................ vor der Realität.

Ein wichtiger Teil der romantischen Bewegung waren die .......... in Berlin und anderen größeren Städten; sie boten einer bisher diskriminierten Gruppe der Bevölkerung die Möglichkeit von ...... ....................: den ............

Die romantische Epoche endete mit der Revolution von ........., ab diesem Zeitpunkt wendet sich die Literatur neuen Themen zu und befaßt sich wieder direkter mit der ............................


E.T.A. Hoffmann: Der Sandmann (1817)

Übersicht

1. Zur Person Nathanaels bei seiner Einlieferung ins Tollhaus:

Von welchem Temperamente, welchen Neigungen ist der Kranke? Unter welchen Verhältnissen hat derselbe sonst, und unter welchen kurz vor seiner Aufnahme gelebt? Womit hat er sich beschäftigt?

Findet eine erbliche Anlage zu dem Übel statt? Litt der Vater, die Mutter, die Großeltern, die Seitenverwandten vielleicht an demselben, oder an einem ähnlichen Übel?

Wie fing das Übel an? Wann und unter welchen Umständen, mit welchen Zufällen und Erscheinungen? Welche Art des Benehmens, der Reden, der Handlungen des Kranken wurden bisher bemerkt, nach denen man ihn für geisteskrank gehalten? Welche Veränderungen bot der bisherige Gang der Krankheit dar?

Fand früher, und wann schon, dieselbe oder eine ähnliche Krankheit statt? Oder ist dieses Übel jetzt zum ersten Mal eingetreten? Wie befand sich der Kranke vor demselben? Gingen andere Krankheiten vorher, und welche? Litt der Kranke vielleicht schon an Epilepsie, und wie lange und wie oft traten die Anfälle derselben ein?

Welche Voraussetzungen zur Entstehung der Geisteskrankheit gingen voraus? Körperliche? und welche? Etwa andere Krankheiten? Oder geistige? und etwa heftige und angreifende Gemütsaffekte, und welche und unter welchen Umständen? Wirkten auf den Kranken ein heftiger Zorn, Kummer oder Nahrungssorgen? Oder fand eine Kränkung seiner Ehre statt, oder ein Verlust des Vermögens oder geliebter Verwandter oder eine verfehlte Hoffnung?

(Fragebogen an die Angehörigen von Wahnsinnigen im Krankenhaus Charité in Berlin, 1818)

2. Das Familien- und Liebesleben

Welche Beziehungen herrschen zwischen Vater und Mutter bzw. zwischen Eltern und Kindern? Wie werden die Kinder erzogen? Welche Rolle spielt Coppelius für die Kinder?

Wie wird Clara charakterisiert? Was gefällt den Männern an ihr? Wie verhält sie sich Nathanael, wie er sich ihr gegenüber? Welche Beziehungen haben die Männer untereinander (v.a. Lothar und Nathanael)?

3. Olimpia und Spalanzani:

Wodurch erscheint Olimpia für Nathanael so faszinierend? Welches Hilfsmittel benutzt er? Wie erweckt er sie "zum Leben"? Welches Verhältnis ergibt sich für ihn zwischen Olimpia und Clara?

Wie steht das "bürgerliche Publikum" zu Olimpia? Welches Verhältnis hat es zu dem Automaten? Welche Folgen hat die Entdeckung, daß Olimpia ein Automat war?

4. Das Leitmotiv: die Augen.

Stelle ihre Rolle dar in der Kindheit Nathanaels, als Charakterisierung Claras bzw. Olimpias, ihren technischen Ersatz und dessen Rolle für Nathanael. Warum ist die Angst vor dem Augenraub für den Haupthelden so entscheidend?

Welches Verhältnis besteht zwischen der "Wirklichkeit" und ihrer Wahrnehmung durch den Menschen? Wer hat außer Nathanael Probleme, zwischen Subjektivität und Objektivität zu unterscheiden?

5. Welche literarischen Mittel wendet der Autor an?

Welche Textart steht am Beginn? Wie wird dies erklärt?

Welche Probleme scheint das literarische Ich zu haben?

Wo findet man im "Sandmann" komische Passagen? Welche Funktion haben sie?

Wie endet die Erzählung?

E.T.A. Hoffmann: Der Sandmann - Ergebnisse der Gruppenarbeit

ad1) Zur Person Nathanaels bei seiner Einlieferung ins Tollhaus:

ist ein Träumer, der sich vor allem von seinen eigenen Gedanken leiten läßt und eine andere Weltsicht hat als seine Bekannten (Clara, Lothar, Siegismund); er läßt sich auch durch die Gerüchte in der Stadt bzw. Claras rationale Erklärungen nicht von seiner Faszination durch Coppola bzw. durch Olimpia abhalten. Neben seinem naturwissenschaftlichen Studium hat er sich v.a. als Dichter betätigt.

Hinweise auf eine erbliche Veranlagung gibt es nicht, Einflüsse gab es vielleicht von seinem Vater, der sich - neben dem kleinbürgerlichen Leben - mit magischen Praktiken beschäftigte.

der Ursprung des Übels ist sicher das traumatische Kindheitserlebnis mit dem Advokaten Coppelius, wodurch N. wochenlang krank lag. Dieses Erlebnis wird durch den Besuch des Wetterglashändlers Coppola wieder lebendig.

ad 2) Das Familien- und Liebesleben:

Die Familie ist typisch für diese Zeit: Sie ist reduziert auf den Kern (Eltern + Kinder), daneben noch eine Bedienstete. Der Vater ist einerseits der gemütliche Geschichtenerzähler, andererseits eine Person, der weder die Mutter noch die Kinder Fragen zu stellen wagen, auch wenn Coppelius größtes Unbehagen und wilde Ängste auslöst.

Kinder müssen pünktlich ins Bett und lernen, sich zu beherrschen: Wenn Coppelius eine Näscherei berührt hat, dann nehmen sie sie nicht mehr in den Mund.

Clara ist eine kühl wirkende Frau (ihre Augen werden mit einem See verglichen). Sie ist einerseits kleinbürgerlich (häkeln, sticken) und "keusch", andererseits den Männern unheimlich, weil sie kühl und rational wirkt und nicht bereit ist, sich alles ohne Widerspruch anzuhören. Dadurch wirkt sie einerseits faszinierend, andererseits ziehen sich die Männer vor ihr zurück. N. beschimpft sie wegen ihres Widerspruchs als "Automat", verliebt sich gleichzeitig in Olimpia, die nur immer wieder "Ah, ah, ah ..." sagt.

Die Männer können wegen einer Meinungsverschiedenheit schon einmal zur Waffe greifen, um ihre Ehre zu verteidigen.

ad3) Olimpia und Spalanzani:

Olimpia ist von "schönem Wuchs" und "himmlischem Liebreiz", ihre Augen strahlen auf, wenn N. sie durchs Fernrohr betrachtet: sie wird durch seine Phantasie "zum Leben erweckt" (auch im Kuß) - sie ist in gewissem Sinne ein Produkt von N.'s Phantasie. Im Gegensatz zu Clara widerspricht sie nicht und hält die tagelangen dichterischen Ergüsse von N. aus. Ironischerweise hat er Clara einmal als "verdammtes Automat" beschimpft. Die Entdeckung, daß O. ein Automat ist, bewirkt ein weiteres Trauma bei N.

Das "bürgerliche Publikum" macht sich einerseits lustig über die "blöde Person", ist sich andererseits auch nicht ganz sicher, was es von ihr halten soll. Als sie sich als Automat herausstellt, überprüfen die Männer, ob ihre Freundinnen/Frauen nicht etwa auch Puppen sind. Sie sollen unrhythmisch sprechen, niesen, um zu beweisen, daß sie lebendig sind. Hier ist die Erzählung auch eine Satire auf die bürgerliche Welt.

ad 4) Das Leitmotiv der Erzählung: Die Augen

Das Auge ist ein sehr empfindliches Organ, das für unsere Beziehung zur Außenwelt sehr wichtig ist. N. hat schon in der Kindheit Angst vor dem Raub der Augen durch den Sandmann (Coppola heißt auf ital. Augenhöhle). Clara hat Augen wie ein See, Olimpias Augen glänzen auf, als sie von N. durch das Fernrohr betrachtet wird - das Fernrohr ist ein Instrument zur Erweiterung des Sehsinns. Erst dadurch kann die Phantasie N.'s aus Olimpia ein lebendiges Wesen machen Die Wirklichkeit ist etwas anderes als ihre Wahrnehmung durch unsere Sinne und unser Denken. Das ist seit dem Philosophen Immanuel Kant klar, der nachgewiesen hat, daß zwischen der Wirklichkeit und unserer Wahrnehmung "Anschauungsformen" liegen, nach denen wir die Wirklichkeit "interpretieren". N. läuft in die "Wahrnehmungsfalle", weil er "schizophren" ist, aber auch alle anderen Beteiligten sind sich der objektiven Wirklichkeit nicht so sicher, v.a. der Erzähler.

EINLEITUNG zu "Sandmann":

E.T.A. Hoffmann, Erzählung veröffentlicht in der Sammlung "Nachtstücke" im Jahre 1817

formal uneinheitlich (Briefe + Ich-Erzählung), ein Bekannter der Hauptperson erzählt, scheint aber Schwierigkeiten mit der Darstellung der Ereignisse zu haben.

HAUPTTEIL: Briefwechsel zwischen Nathanael und Lothar/Clara

Coppolas Besuch, Weckung von Kindheitserinnerungen:

Sandmann, eine märchenhafte Figur und zugleich ein unheimlicher Besucher, der die Eltern jedesmal in Schwermut stürzt, die Kinder ängstigt (Motiv des Augenraubs)

entdeckt, daß sich dahinter der Advokat Coppelius verbirgt, der mit dem Vater alchemistische Experimente macht, erlebt dadurch einen Alptraum, der ihn wochenlang aufs Krankenbett wirft

bei letztem Auftauchen C. wird Vater getötet

Coppola erinnert ihn an C. ---> zerrissener Gemütszustand

Claras Antwort: schwarze Phantasien sind nur Spiegelungen des eigenen Ichs, haben mit der Wirklichkeit nichts zu tun

N. scheint wütend über Claras prosaischen Rationalismus, beruhigt sich aber einigermaßen, erwähnt noch die Tochter Spelanzanis und kündigt Besuch bei Clara und Lothar an

Einsetzen des Erzählerberichts, Rechtfertigung der Wahl der Briefe zur Einleitung; verdüstertes Gemüt N.s, der sich ganz seinen schwarzen Träumen hingibt, diese auch in Gedichtform bringt und sich - wegen Claras ironischer Ablehnung - zunehmend von ihr entfernt, was nach einem Streit nur oberflächlich gekittet wird.

Rückkehr nach G., Einzug in Wohnung gegenüber Spelanzani, Wiederauftauchen Coppolas, Entsetzen über dessen Angebot, ihm "sköne Oke" zu verkaufen, Kauf des Perspektivs, Faszination durch Olimpia ---> durchs Fernrohr glühen ihre leeren Augen auf

---> unheimliche Faszination durch das seltsam starre Mädchen

---> Ball; N. verliebt sich trotz der skeptischen Reaktion der Allgemeinheit in Olimpia, verbringt Tage bei ihr, die stets dieselben drei Worte spricht, vergißt Clara völlig (ironische Umkehrung der Beziehung zu seiner Verlobten)

---> Streit zwischen Sp. und Coppola: N. entdeckt, daß O. eine Puppe ist; ihre an seine Brust geschleuderten Augen lassen ihn dem Wahnsinn verfallen. Sp. und Co. müssen verschwinden.

N. wird durch Claras Fürsorge geheilt, scheint alles vergessen zu haben. ---> Turmszene: Perspektiv + Claras Augen ---> Wahnsinn bricht wieder aus, Selbstmord nach Entdeckung C.s in der Menge

SCHLUSS:

eine romantische Erzählung (Wahnsinn, Märchen, Nachtseite des Lebens) - Bedeutung??


Zur Geschichte des Automatenmenschen

Übersicht

18. Jahrhundert: Konstruktion von androiden Automaten als Mode

"Im Jahr 1738 drängten sich die Pariser Rokoko-Damen mit ihren adeligen Kavalieren, um eine sonderbare Ausstellung zu besuchen. Ein Mechaniker namens Jacques de Vaucanson (1709-1782) aus Grenoble lud ein, dem Spiel eines Flötisten zu lauschen. Das Besondere an dieser Vorführung war: Der Jüngling, der da Lippen, Finger und Zunge bewegend auf einer Querflöte zwölf Melodien spielte, wurde von Uhrwerken angetrieben, die ein System von Blasbälgen bewegten, das die Luft erzeugte, die in der Flöte in Töne umgewandelt wurde. Der junge Mann, 1,65 m groß, war ein Automat, der nur so aussah wie ein Mensch, ein Android also. Neben ihm im gleichen vornehmen Salon konnten die Besucher eine mechanische Ente bewundern, die nicht nur sämtliche Bewegungen eines lebendigen Tiers ausführte, sonder auch fraß und verdaute und das Gefressene gleichsam auf natürlichem Weg wieder ausschied. Das Publikum empfand Vaucansons Automaten als sensationell." (entnommen aus: L. Wawrzyn, Der Automatenmensch)

Weltbild des 18. Jhd.: mechanistisch; der Arzt de la Mettrie bezeichnet 1748 den Menschen als eine "Uhr, die sich selber aufzieht." Das Vertrauen in Technik, Wissenschaft und Fortschritt war eigentlich grenzenlos.

Vaucansons Karriere geht weiter. Als Direktor der königlichen Seidenmanufaktur in Lyon erfindet er einen automatischen Webstuhl, wodurch die Produktion gewaltig gesteigert werden konnte. In immer größeren Fabriken wurden die Menschen, die vom Land in die Städte geflüchtet waren, angestellt.

Was wird von den Menschen, die an derartigen Maschinen arbeiten, gefordert? Versuche die physischen und psychischen Voraussetzungen für die Arbeit in einer Fabrik darzustellen.

Welche anderen Charaktermerkmale der Menschen werden in der Hoffmannschen Erzählung angesprochen - es geht darin ja nicht um Menschen, die in Fabriken arbeiten; wahrscheinlich hat Hoffmann niemals einen Betrieb von innen gesehen.

Wie werden Menschen dazu gebracht, derartige Bedingungen zu erfüllen bzw. zu akzeptieren? Wer "arbeitet an ihnen"?

Worin besteht also der Unterschied im Verhältnis der Menschen zum Automaten im Jahr 1736 und im Jahr 1818?

Welche Stellung bezieht Hoffmann mit seiner Erzählung in diesem Prozeß? Was kann man daraus über die Funktion von Literatur ablesen?

Zur Geschichte des Automatenmenschen

18. Jahrhundert: Konstruktion von androiden Automaten als Mode"Im Jahr 1738 drängten sich die Pariser Rokoko-Damen mit ihren adeligen Kavalieren, um eine sonderbare Ausstellung zu besuchen. Ein Mechaniker namens Jacques de Vaucanson (1709-1782) aus Grenoble lud ein, dem Spiel eines Flötisten zu lauschen. Das Besondere an dieser Vorführung war: Der Jüngling, der da Lippen, Finger und Zunge bewegend auf einer Querflöte zwölf Melodien spielte, wurde von Uhrwerken angetrieben, die ein System von Blasbälgen bewegten, das die Luft erzeugte, die in der Flöte in Töne umgewandelt wurde. Der junge Mann, 1,65 m groß, war ein Automat, der nur so aussah wie ein Mensch, ein Android also. Neben ihm, im gleichen vornehmen Salon konnten die Besucher eine mechanische Ente bewundern, die nicht nur sämtliche Bewegungen eines lebendigen Tiers ausführte, sondern auch fraß und verdaute und das Gefressene gleichsam auf natürlichem Weg wieder ausschied. Das Publikum empfand Vaucansons Automaten als sensationell." (entnommen aus: L. Wawrzyn, Der Automatenmensch)

Weltbild des 18. Jhd.: mechanistisch; der Arzt de la Mettrie bezeichnet 1748 den Menschen als eine "Uhr, die sich selber aufzieht." Das Vertrauen in Technik, Wissenschaft und Fortschritt war noch beinahe grenzenlos.

Vaucansons Karriere geht weiter. Als Direktor der königlichen Seidenmanufaktur in Lyon erfindet er einen automatischen Webstuhl, wodurch die Produktion gewaltig gesteigert werden konnte. Nun werden aber die Arbeiter/innen, die die Maschine "bedienen" müssen, ihrerseits zu "Automaten", die einen einzigen Bewegungsablauf ausführen müssen, um der Maschine gerecht zu werden. Auf sie wirkt der Automat alles andere als faszinierend.

Die bürgerliche Industriegesellschaft, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts entsteht, muß die Menschen an diese Entwicklung anpassen. Die Maschine erfordert vom Menschen nämlich Ausdauer, Entsagung, genaue Beachtung des zeitlichen Ablaufs, Selbstzwang, den ungeheuren Willen, sich an etwas Fremdes anzupassen, mit einem Wort DISZIPLIN. Der Fortschritt in Technik und Industrie tut nicht nur der Natur Gewalt an, sondern auch der Natur im Menschen. "Die Bourgeoisie, wo sie zur Macht gekommen ist, hat alle feudalen, patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse zerstört. Sie hat die buntscheckigen Feudalbande, die den Menschen an seinen natür- lichen Vorgesetzten knüpften, unbarmherzig zerrissen und kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch zurückgelassen, als das nackte Interesse, als die 'gefühllose bare Zahlung'." (Marx/Engels, Das kommunistische Manifest).

Ohne sie immer genau analysiert zu haben, spürten die Künstler diese Entwicklung. E.T.A. Hoffmann hat in seiner Erzählung nicht nur ein tragisches Einzelschicksal dargestellt, sondern die "Nachtseite" der Gesellschaft: die Härte der Kindererziehung, das verklemmte Triebleben (Triebaufschub, Voyeurismus, "Wonne der Tränen"), der durch Automaten ausgelöste Alptraum, die Angst vor dem Wahnsinn.

Der Umbau des Menschen zum Bürger: DIZIPLINIERUNG im 18. Jhd.

Das ganze Subjekt mußte umgebaut werden, bis daraus der moderne Bürger wurde. Auch im Mittelalter, in der Renaissance und im Barock gab es Methoden der Disziplinierung: der Terror von Inquisition und Hexenprozessen wurde aber langsam abgelöst durch eine immer ausgefeiltere Modellierung der Psyche und der Alltagsorganisation der Menschen. Die Regeln des Benehmens, die Erfindung der Uhr u.a. haben sehr viel mit der Entwicklung eines leistungsstarken bürgerlichen Schicht zu tun.

Das 18. Jahrhundert jedoch gibt diesem Prozeß eine neue Qualität: die Disziplinierung greift in immer mikroskopischeren Dimensionen in des Leben der Menschen ein:

Kasernierung von Soldaten, Exerzieren, Automatisierung von Bewegungsabläufen; am Ende dieses Prozesses steht die allg. Wehrpflicht

allgemeine Unterrichtspflicht, Schönschreiben in der Schule

genaues Zeitraster in den Manufakturen und Fabriken

Verteilung der Individuen in einem überschaubaren Raum

entsprechende Architektur der Manufakturen

neue Ideen zur Justiz und zur Funktion von Strafe (Jugendstrafanstalten in Frankreich heißen "maisons de correction): aus der Rache des Souveräns am Verbrecher wird die Idee der Besserung

genauere Differenzierung des internierten Teils der Bevölkerung: Trennung in Arme (die arbeiten sollen), Kriminelle (die im Gefängnis gebessert werden sollen), Kranke (für die die männliche Medizin und das Krankenhaus zuständig sind) und Irre (die in eigenen Asylen interniert werden).

entsprechende Adaption der Natur- und technischen, aber auch aller Humanwissenschaften!

Im 19. Jhd. entstehen daraus Schulen, Kasernen, Fabriken, Spitäler, Gefängnisse, Irrenanstalten - ein ganzes Netz von Institutionen, die für die Kontrolle der Mitglieder der Gesellschaft zuständig sind. Dagegen haben immer wieder viele Betroffene protestiert: Arbeiter schossen bei der Revolution von 1848 auf die Turmuhren der Pariser Kirchen, die Literatur wird immer ausschließlicher Kritik an der Gesellschaft, die Frauenbewegung wehrt sich ab 1850 gegen den Sexismus, alternative Ideen in Philosophie und Wissenschaft, aber auch in der Politik wurden ausgearbeitet. (Gewerkschaft, Sozialismus, ...)

Modell einer Inhaltsangabe der Erzählung "Der Sandmann"

zu beachten: möglichst knappe Zusammenfassung, aber alle zum Verständnis nötigen Informationen müssen vorhanden sein; die Wiedergabe der Kindheitserlebnisse kann auch im Präteritum erfolgen.



E.T.A. Hoffmann: DAS FRÄULEIN VON SCUDERI

Übersicht

(ERZÄHLUNG, 1818) aufgenommen in die Sammlung "Die Serapions-Brüder"

Aufbau der Handlung:

1. der unbekannte Fremde an der Tür/Übergabe des Schmuckkästchens

2. Exkurs über Giftmorde im adeligen Milieu von Paris und die sich daraus ergebende spezielle Gerichtsbarkeit (Chambre ardente)

3. Juwelenraubmorde im Gefolge

4. chronologisch früher: Scuderi beim König; sie verhindert Aus-weitung der gerichtlichen Verfolgung der Raubmörder mit ihrem Zitat "Un amant ..."

---> durch den Brief im Kästchen wird sie gegen ihren Willen zur Komplizin der angeblichen Räuberbande gestempelt

5. Einführung von CARDILLAC: Bürger und Künstler, der sich kaum von seinen Werken trennen kann, die alle von adeligen Liebhabern an ihre Maîtressen verschenkt werden. Für einige wenige hochge-stellte Personen bei Hof übernimmt er keine Aufträge. Er soll den Besitzer des Schmucks im Kästchen identifizieren, behauptet, er gehöre ihm selber und macht ihn der Scuderi zum Geschenk. Diese und Madame de Maintenon ahnen ein Geheimnis.

6. Monate später: auf dem Pont Neuf wird Scuderi vom jungen Mann aus der ersten Szene dazu aufgefordert, den Schmuck umgehend an Cardillac zurückzugeben. Dies wird durch Verpflichtungen am Hof um einen Tag verzögert.

7. Cardillac ist tot, Olivier Brusson wird des Mords beschuldigt, auch Madelon Cardillac soll verhaftet werden, wird aber von der Scuderi aufgenommen und beschwört vor ihr Oliviers Unschuld. Die Scuderi will O. retten.

8. Alle Indizien sprechen gegen Olivier, la Regnie gestattet der Scuderi ein Gespräch mit ihm.

Geständnis von Olivier: Sohn der Ziehtochter der Scuderi, Schuld des Verschweigens der Verbrechen seines Lehrherrn, der ihn mit Madelon erpreßt hat

---> großes Gespräch Cardillac - Olivier: (Retrospektive)

---> Mutter von C. und ihre Sucht nach Geschmeide

toter Kavalier; Schock überträgt sich auf das ungebo- rene Kind, Sucht C.s nach Geschmeide, Meister seiner

Kunst, Miete eines Hauses mit Hinterausgang + Mord und

Raub an seinen Kunden

9. Cardillac will seiner Sucht nachgeben und Scuderi doch töten; Warnung durch Olivier + gewaltsamer Tod Cardillacs in derselben Nacht

10. Rettungsversuche der Scuderi; la Regnie bleibt hart, Auftauchen des Grafen Miossens; kleine Gerichtsintrige + Begnadi-gung durch den König. Happy end in bürgerlicher Karriere.

PERSONEN

Milieu: hochadelig (bei Hofe) + bürgerlich (Cardillac ...)

Beziehung der Personen untereinander:

SCUDERI CARDILLAC

(Anne Guiot/Olivier) (als Kind)

| |

| |

Scuderi als Cardillac als

Künstlerin am Hof Künstler und Bürger

| |

| |

| Madelon + Olivier

unfreiwillige C.: als Mörder ent-

Komplizin C.s deckt

³

Sc. + Olivier

gg. Justiz

Nebenfiguren: Hochadel am Hof (Ludwig XIV., Maintenon etc.)

adelige Kavaliere in der Stadt (verdorben)

brutale Gerichtsbarkeit (la Regnie, Argenson)

Elemente des Kriminalromans:

der unverdächtig Schuldige

der unschuldig Verdächtige

die Aufdeckung des Verbrechens (hier: Geständnis)

Zeitstruktur der Erzählung: (H = Handlung):

H0: Mordserie in Paris

H1: Haupthandlung (Scuderi + Rettung Oliviers

H2: Olivier als Lehrling bei Cardillac/Liebe zu Madelon/Tod C.s

H3: Oliviers Beziehung zur Scuderi (aus der Kindheit)

H4: Cardillacs Kindheit + Biographie + Motiv

p 3 ff. : (H1) an einem Abend in Paris um 1680

p 6 ff. : (H0) Hintergrund: seit Jahren Verbrechensserie in der Stadt/erfolglose Bemühungen der Justiz

p 11 : (H0) Scuderi beim König, Wochen vor dem Einsetzen von H1

p 12 ff.: (H1) Fortsetzung von (am nächsten Morgen)

p 20 ff.: (H1) Monate später: Szene am Pont Neuf + Tod C.s

p 23 : (H2) Madelons Erzählung/RÜCKBLICK

p 24 : (H1) Fortsetzung (Scuderi wendet sich an la Regnie)

p 29 ff.: (H1) Gespräch Olivier - Scuderi

(H3) Oliviers Beziehung zu der Scuderi [30 f.]

(H2) Vorgeschichte zu ([31 f]

(H4) RÜCKBLICK auf Cardillacs Kindheit [36 ff.]

+ Geständnis [37 ff.]

p 39 : H4 + H1 greifen ineinander: C. schenkt Scuderi wg. des

Gedichts "un amant ..." seinen Schmuck, damit wird auch H3 aktualisiert

p 42 ff.: H1 geht bis zum Ende weiter

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DAS FRÄULEIN VON SCUDERI (1819)

erschienen in der Sammlung: "Die Serapions-Brüder"

Erzählungssammlung, von Hoffmann ab 1818 aus seinen verstreut vorliegenden Werken zusammengestellt

Vorbilder: Boccaccio, Dekamerone

Tieck, Phantasus

Rahmenhandlung: Freunde diskutieren über Geschichten, die sie sich gegenseitig vortragen.

"Das Werk beginnt mit Gesprächen zwischen Theodor, Ottmar, Cyprian und Lothar. Cyprian erzählt die Geschichte eines Wahnsinnigen, der sich für den Märtyrer Serapion hält, einen Einsiedler, der unter Kaiser Decius hingerichtet wurde. Die Gespräche gelten dem Wesen des Wahnsinns, des Seltsamen und Unwahrscheinlichen bzw. dem Wirklichen."

"Nur das wirklich Geschaute darf vom Dichter ausgesagt und gestaltet werden. 'Wirklich' ist aber auch das geistig Geschaute, sodaß selbst die seltsamsten Geschichten dieser Sammlung dem serapiontischen Prinzip zu entsprechen vermögen." (zit. nach Hoffmann, Das Fräulein von S., Erläuterungen und Dokumente)

Gruppenarbeitsfragen:

1. Analyse der Person Cardillacs. Welche beiden sozialen Rollen nimmt er ein? Worin liegen Gründe bzw. Motive seiner Verbrechen?

C. ist BÜRGER und KÜNSTLER. Als Bürger ist er darauf angewiesen, seine KÜNSTLERISCHEN PRODUKTE auf dem freien Markt zu verkaufen, sie an Menschen auszuliefern, die ihrer nicht würdig zu sein scheinen.

Einzige Möglichkeit, sich diesem Zwang zu entziehen, ist für ihn die verbrecherische Gewalt.

C. ist aber nicht nur in einer sozialen, sondern auch in einer psychologischen Zwangslage: als noch nicht geborenes Kind hat ihn der Schock seiner Mutter über den in ihren Armen gestorbenen Kavalier für sein Leben geprägt. Seine Verbrechen entspringen also einem aus frühkindlichen Erlebnissen motivierten Zwang.

2. Wie wird das Milieu charakterisiert, in dem sich die Scuderi bewegt? Wie verhalten sich die Adeligen, welche Beziehungen haben sie zu Cardillac? Was denkt Cardillac über sie? Welche beiden Auffassungen von Liebe werden gegeneinandergestellt

Am Hof herrscht Müßiggang, Zeitvertreib besteht im Vorlesen von Gedichten und anderen literarischen Produkten in Form von Zweikämpfen, in einer lasziven Galanterie. Gleichzeitig usurpiert der Adel sowohl polizeiliche als auch die Gerichtsgewalt. Diese Gewalt wird unkontrolliert und mit großer Brutalität ausgeübt, wobei auch Unschudlige unter die Räder kommen. Dabei befleißigen sich die Funktionäre dieser Gewalt einer rein rationalen Logik, die der Komplexität der Verbrechen nicht gerecht wird.

Oliviers und Madelons Liebe ist rein und tief, während der Adel seine oberflächlichen Liebeshändel auch noch mit viel Reichtum garnieren kann.

3. Welche "modernen" Erkenntnisse über das Verhalten von Menschen werden von Hoffmann in seiner Erzählung schon ausgeführt?

Hoffmann schildert Menschen in einer sozialen Zwangslage einerseits: sie werden durch ungerechte gesellschaftliche Verhältnisse zu Verbrechern; andererseits ist ihr Verhalten aus pränatalen bzw. frühkindlichen Beschädigungen erklärbar.


4. Die Handlung spielt im späten 17. Jahrhundert in Frankreich, zur Zeit Ludwigs XIV. Worin kommt aber Kritik Hoffmanns an den politischen Verhältnissen seiner eigenen Zeit zum Ausdruck?

Die Chambre ardente als spezielle Verfolgungsbehörde mit großer, ja allzu weit gehender Gewalt entspricht den von den restaurativen Monarchien eingerichteten Kommissionen zur Gesinnungsschnüffelei und Verfolgungen "staatsfeindlicher Umtriebe". Die Menschlichkeit der Scuderi bringt den König davon ab, die Kompetenzen der Verfolgungsbehörden auch noch auszuweiten; dabei stützt sich Ludwig XIV allerdings weniger auf Gedanken zur Einschränkung unkontrollierter Macht einer Institution als vielmehr auf einen galanten Spruch, der im höfischen Literaturwettbewerb den Sieg davongetragen hat.

5. Was ist "romantisch" an dieser Erzählung?

---> Faszination durch Schauerliches, Wahnsinniges, die Nachtseite der Seele

---> Geschichte der großen Gefühle, der großen Liebe

---> die Problematik Künstler - Bürger und die sich daraus ergebenden Widersprüche





DISZIPLINIERUNG IM VERLAUF DES 18. JAHRHUNDERTS: DIE ERSCHAFFUNG DES BÜRGERLICHEN SUBJEKTS

Übersicht

"Das große Buch vom Menschen als Maschine wurde gleichzeitig auf zwei Registern geschrieben: auf dem anatomisch-metaphysischen Register, dessen erste Seiten von Descartes stammen und das von den Medizinern und Philosophen fortgeschrieben wurde; und auf dem technisch-politischen Register, das sich aus der Masse von Militär-, Schul- und Spitalsreglements sowie aus empirischen und rationalen Prozeduren zur Kontrolle oder Korrektur der Körpertätigkeiten angehäuft hat." (Michel Foucault, Überwachen und Strafen, 1976; S. 174)

Konkrete Prozesse:

1. überwachbare Verteilung der Individuen im Raum: jedem seinen Platz und auf jedem Platz nur ein Individuum (Kaserne, Schulklasse, Manufaktur)

2. ein immer genaueres Zeitraster (in Minuten und Sekunden); genaue zeitliche Einteilung von Tätigkeiten

3. Zusammenschaltung von Körper und Objekt (Soldat-Gewehr, Arbeiter-Maschine, ...)

4. genaue Organisation von Entwicklungen (durch Übung-Prüfung, Schritt für Schritt, nach dem Schema einer analytischen Pädagogik)

5. Zusammensetzung der Kräfte zur Steigerung der Effizienz, präzises Befehlssystem (über Signale)

Methoden:

1. Überwachung: ermöglicht durch ein architektonisches Kalkül und durch eine genau definierte Hierarchie

2. Bestrafungsmethoden (abseits der offiziellen Justiz) für Verspätungen, Unaufmerksamkeiten, Faulheit, Schamlosigkeit, ...

"Unter Bestrafung, Züchtigung, Korrektion etc. muß alles verstanden werden, was fähig ist, die Kinder die Fehler fühlen zu lassen, die sie begangen haben; alles, was geeignet ist, sie zu demütigen, sie zu beschämen ..."

(J.-B. de la Salle, Führung von christl. Schulen, 1828)

3. Korrektion des Verhaltens durch die Strafen: Abrichtung

4. ständige Prüfung/Dokumentation der Entwicklung

---> das PANOPTICON ist die architektonische Gestalt dieser Disziplinierungsprozesse

"Die berühmten Automaten waren nicht bloß Illustrationen des Organismus, sie waren politische Puppen, verkleinerte Modelle von Macht: sie waren die Obsessionen Friedrichs II., des pedantischen Königs der kleinen Maschinen, der gutgedrillten Regimenter und der langen Übungen." (ebda. S. 175)

"'Sehr gut', sagte der Großfürst Michael einmal von einem Regiment, nachdem er es eine ganze Stunde lang hatte das Gewehr präsentieren lassen, 'sehr gut, aber sie atmen!'"


Georg Büchner: Woyzeck

Übersicht

- Woyzeck ist das erste Drama der deutschen Literatur, in dem ein Angehöriger der Unterschicht die Hauptrolle spielt. Seine Charakterisierung erfolgt durch die Darstellung der materiellen Bedingungen seines Lebens, d.h. seiner sozialen Lage.

Während der deutsche Idealismus, die Klassik und (wenn auch eingeschränkt) die Romantik den Geist als die Grundlage des Lebens der Gesellschaft ansahen, hat Büchner die materiellen und sozialen Bedingungen analysiert, unter deren Einfluß ein Mensch zum Mörder werden kann. Er hat damit einen Satz von Karl Marx vorweggenommen, den dieser 1856 formuliert hat:

Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das das Sein bestimmt, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt.

- Man kann mit Marx den Wert literarischer Werke auch danach beurteilen, welches "historisch mögliche Bewußtsein" sich in ihnen ausdrückt. Danach wäre der Woyzeck ein revolutionäres Werk, denn sein 23jähriger Autor hat darin Auffassungen vertreten, die theoretisch-philosophisch erst später formuliert wurden und v.a. in der Literatur des 20. Jahrhunderts eine Rolle spielen.

Nicht umsonst war das Stück bis 1913 vergessen, hat dann aber nach der ersten Buchausgabe einen Siegeszug angetreten (Aufführungen auf allen großen Theatern der Welt, Opernfassungen, Verfilmungen ...)

- Woyzeck ist ein Stück über Gewalt, die einem Menschen angetan wird und die das erzeugt, "was in uns lügt, mordet und stiehlt". Die Gewalt äußert sich in Auffassungen über Moral (Hauptmann), in der Funktion der Wissenschaft (Doktor), in der militärischen Hierarchie (Tambourmajor), in einer hilflosen Liebesbeziehung zwischen Woyzeck und Marie, die mit dem Tambourmajor eine Hoffnung auf ein besseres Leben verbindet.

Diese Gewalt ist physisch:

psychisch:

und strukturell:

"Gewalt liegt dann vor, wenn Menschen so beeinflußt werden, daß ihre aktuelle somatische und geistige Verwirklichung geringer ist als ihre potentielle Verwirklichung."

Johann Galtung, norweg. Friedensforscher

Bei der strukturellen Gewalt tritt kein Akteur auf, der jemandem direkt Schaden zufügt: die Gewalt ist in das System eingebaut und äußert sich in ungleichen Lebenschancen, der ungleichen Verteilung von Ressourcen wie z.B. Einkommen, Bildungschancen, Entscheidungsgewalt über diese Ressourcen. Das Hinterhältige an der strukturellen Gewalt ist, daß viele Menschen gar nicht die Möglichkeit haben, sie zu durchschauen, sie kann durch Propaganda oder andere Ablenkungsmittel beinahe unsichtbar gemacht werden.

Definition des Begriffs Frieden = Abwesenheit von personaler und struktureller Gewalt!

Wenn beide Werte, beide Ziele wesentlich sind, welche Möglichkeiten und Aktionsformen stehen Personen/Gruppen offen, zu ihren Rechten zu kommen?


Heinrich Heine : Gedichte

Übersicht

1797: geb. in Düsseldorf als Sohn eines kleinen jüdischen Kaufmanns

1815: Jusstudium (Unterstützung durch Onkel Salomon Heine), Interesse aber v.a. für Literatur- und Philosophie.

1825: Promotion, Konversion zum Protestantismus; Versuch des Aufbaus einer Existenz als freischaffender Künstler

1826: erste Veröffentlichung "Buch der Lieder"

1827: Politisierung durch England-Reise; Schwierigkeiten mit der Zensur

1831: Paris, wo er mit Unterbrechungen bis zu seinem Tod lebte. Auskommen durch journalistische Arbeiten für französische und deutsche Zeitungen.

"Schon die ersten Tage meiner Ankunft in der Hauptstadt merkte ich, daß die Dinge in Wirklichkeit ganz andere Farben trugen, als ihnen die Lichteffekte der Begeisterung in der Ferne geliehen hatten."

Schon damals kam Heine zu der Auffassung, daß die bürgerliche Revolution nur ein unvollkommener Anfang viel radikalerer Umwälzungen sei. Dieser Auffassung gab er in vielen Artikeln Ausdruck, was zu einem Verbot seiner Werke in Deutschland, damit zu einer Verschlechterung seiner materiellen Lage führte. Eine Rente des Geheimfonds der französischen Ministerpräsidenten hält ihn über Wasser.

"Der politische Teil ihres Briefes hat mich sehr erfreut, es ist mir lieb, daß der künftige Mann meiner Schwester kein Revolutionär ist. Auch finde ich, daß ein Mann, der in guten Verhältnissen lebt und glücklicher Bräutigam ist, nicht den Umsturz der bestehenden Verhältnisse wünscht und für seine und Europas Ruhe besorgt ist. Bei mir sind andere Verhältnisse obwaltend, und außerdem fühle ich mich ein wenig seltsam gestimmt, wenn ich zufällig in der Zeitung lese, daß auf den Straßen Londons einige Menschen erfroren und auf den Straßen Neapels einige Menschen verhungert sind." (Heinrich HEINE in einem Brief an den Verlobten seiner Schwester, 1823)

Verriet mein blasses Angesicht

dir nicht mein Liebeswehe?

Und willst du, daß der stolze Mund

Das Bettelwort gestehe?

Oh dieser Mund ist viel zu stolz

und kann nur küssen und scherzen;

Er spräche vielleicht ein höhnisches Wort

Während ich sterbe vor Schmerzen. (1825)

Die Fensterschau

Der bleiche Heinrich ging vorbei,

Schön Hedwig lag am Fenster.

Sie sprach halblaut: "Gott steh mir bei,

Der unten schaut bleich wie Gespenster."

Der unten hob sein Aug in die Höh',

Hinschmachtend nach Hedwigs Fenster.

Schön Hedwig ergriff es wie Liebesweh,

Auch sie ward bleich wie Gespenster.

Schön Hedwig stand nun mit Liebesharm

Tagtäglich lauernd am Fenster.

Bald aber lag sie in Heinrichs Arm

Allnächtlich zur Zeit der Gespenster.

Die Tendenz

Deutscher Sänger, sing und preise

Deutsche Freiheit, daß dein Lied

Unserer Seelen sich bemeistre

Und zu Taten uns begeistre

In Marseiller Hymnenweise.

Girre nicht mehr wie der Werther

Welcher nur für Lotten glüht -

Was die Glocke hat geschlagen,

Sollst du deinem Volke sagen,

Rede Dolche, rede Schwerter.

Sei nicht mehr die weiche Flöte,

Das idyllische Gemüt -

Sei Kanone, sei Kartaune,

Sei des Vaterlands Posaune

Blase, schmettre, donnre, töte!

Blase, schmettre, donnre täglich,

Bis der letzte Donner flieht -

Singe nur in diese Richtung,

Aber halte deine Dichtung

Nur so allgemein als möglich.

Kobes I.

Im Jahre achtundvierzig hielt

Zur Zeit der großen Erhitzung,

Das Parlament des deutschen Volks

Zu Frankfurt seine Sitzung.

Damals leiß auch auf dem Römer dort

Sich sehen die weiße Dame,

Das unheilverkündende Gespenst;

Die Schaffnerin ist sein Name.

Man sagt, sie lasse sich jedesmal

Des Nachts auf dem Römer sehen,

So oft einen großen Narrenstreich

Die lieben Deutschen begehen.

Dort sah ich sie selbst um jene Zeit

Durchwandeln die nächtliche Stille

Der öden Gemächer, wo aufgehäuft

Des Mittelalters Gerülle.

Die Lampe und den Schlüsselbund

Hielt sie in bleichen Händen;

Sie schloß die großen Truhen auf

Und die Schränke an den Wänden.

Da liegen die Kaiser -Insignia,

da liegt die goldene Bulle,

Das Szepter, die Krone, der Apfel des Reichs

Und manche ähnliche Schrulle.

...

Die Schaffnerin schüttelt wehmütig das Haupt

Bei diesem Anblick, doch plötzlich

Mit Widerwillen ruft sie aus:

"Das alles stinkt entsetzlich!"

Das alles stinkt nach Mäusedreck,

Das ist verfault und verschimmelt,

Und in dem stolzen Lumpenkram,

Das Ungeziefer wimmelt.

Und wisset, wenn es den Kaiser juckt,

So müssen die Völker sich kratzen -

O Deutsche! Ich fürchte, die fürstlichen Flöh',

Die kosten euch manchen Batzen.

Jedoch wozu noch Kaiser und Flöh'?

Verrostet ist und vermodert

Das alte Kostüm. - Die neue Zeit

Auch neue Röcke fodert.

Mit Recht sprach auch der deutsche Poet

Zum Rotbart im Kyffhäuser:

'Betracht ich die Sache ganz genau,

So brauchen wir gar keinen Kaiser!'

...

Michel nach dem März

Solang ich den deutschen Michel gekannt,

War er ein Bärenhäuter;

Ich dachte im März, er hat sich ermannt

und handelte fürder gescheiter.

Wie stolz erhob er das blonde Haupt

Vor seinen Landesvätern!

Wie sprach er - was doch unerlaubt -

Von hohen Landesverrätern.

Das klang so süß zu meinem Ohr

Wie märchenhafte Sagen,

Ich fühlte wie ein junger Tor

Das Herz mir wieder schlagen.

Doch als die schwarz-rot-goldene Fahn,

Der allgermanische Plunder,

Aufs neue erschien, da schwand mein Wahn

Und die süßen Märchenwunder.

Ich kannte die Farben in diesem Panier

Und ihre Vorbedeutung:

Von deutscher Freiheit brachten sie mir

Die schlimmste Hiobszeitung.

Schon sah ich Arndt, den Vater Jahn -

Die Helden aus anderen Zeiten

Aus ihren Gräbern wieder nahn

Und für den Kaiser streiten.

Die Burschenschaftler allesamt

Aus meinen Jünglingsjahren,

Die für den Kaiser sich entflammt,

wenn sie betrunken waren.

Ich sah das sündenergraute Geschlecht

Der Diplomaten und Pfaffen,

Die alten Knappen vom römischen Recht

Am Einheitstempel schaffen -

Derweil der Michel, geduldig und gut

Begann zu schlafen und schnarchen.

Und wieder erwachte unter der Hut

von vierunddreißig Monarchen.

Das neue israelitsche Hospital zu Hamburg

Ein Hospital für arme kranke Juden

Für Menschenkinder, welche dreifach elend,

Behaftet mit den bösen drei Gebresten

Mit Armut, Körperschmerz und Judentume!

Das schlimmste von den dreien ist das letzte,

Das tausendjährige Familienübel,

Die aus dem Niltal mitgeschleppte Plage,

Der altägyptisch ungesunde Glauben.

Unheilbar tiefes Leid! Dagegen helfen

Nicht Dampfbad, Dusche, nicht die Apparate

Der Chirurgie, noch all die Arzeneien,

Die dieses Haus den siechen Gästen bietet.

Wir einst die Zeit, die ew'ge Göttin, tilgen

das dunkle Weh, das sich vererbt vom Vater

Herunter auf den Sohn, - wird einst der Enkel

Genesen und vernünftig sein und glücklich? ...(1836)