| Literaturgeschichte - Jahrhundertwende |
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Das Deutsche
Reich und die Habsburgermonarchie um 1900
| DEUTSCHLAND 1870 | 1918 ÖSTERREICH |
| Aufbruchsstimmung 1871 Reichsgründung: rasende Industrialisie-rung, hektische Verstädterung, rasch anwachsendes/verelendetes Proletariat; riesige Firmen (Monopole), technolog. Fortschritt. |
Untergangsstimmung 1866 Ausschluß aus dem Deutschen Bund noch stark feudal-agrarisch, Industrie mit starkem deutschen Kapitalanteil. |
| Konkurrenz zu England und Frankreich (Kolonien), aggressive Außen- und Rüstungs-politik, Militarisierung des Lebens, Prestige-denken der Armee. | Nationalitätenprobleme in der Vielvölker-Monarchie: ein Staatswesen ohne Zukunft, Politik des "Fortwurstelns", Leben für den äußeren Schein. |
| Herrschende Klasse ist der ADEL: domi-nierend in Armee, Verwaltung, Diplomatie; wird vom Großbürgertum imitiert. | Herrschende Klasse: ADEL und NOBEL-BOURGEOISIE. |
| Kulturelle Zentren: Berlin, München. | Nur zwei kulturelle Zentren: Wien und Prag. |
| Gesellschaft: aggressive Ideologie nach außen lenkt von inneren Widersprüchen ab; in der Schule Erziehung zum Untertan eines Obrig-keitsstaates, klassenabhängiger Zugang zu Gymnasium und Universität; Zensur von Presse, Theater, Literatur. Ab 1888 WIL-HELM II. (deutscher Militarismus/ rassischer Antisemitismus/Imperialismus) | Gesellschaft : in Wien um
1900 stark parteipolitisches Ambiente. Liberale abgelöst
von Deutschnationalen und Christlich-Sozialen
(Nationalismus, Antisemitismus), Sozialdemo-kraten
(einzig internationalistisch) Wien 9% Juden: wachsender Antisemitismus im Kleinbürgertum, Assimilationsprobleme. Kulturelle Metropole: liberal, großbürger-lich, jüdische Intelligenz. Extrem verfeinerte, dekadente Sensibilität des Bürgertums, ausge- prägte Theater- und Musik-Tradition. "Wien - die fröhliche Apokalypse" (H.Broch). |
| LITERATUR: REALISMUS (1860-1890) - poetisches Verfahren: Kunst = poetisierte Natur. - Themen sind bes. die bürgerliche Alltags-welt, dabei "sanfte Kritik" am Bürgertum. - Methode: Harmonisierung der Widersprü-che durch Humor, sanfte Ironie, epische Breite, Sprachkritik. - Lit. Einflüsse: französischer Realismus (Balzac, Stendhal). - Kritik am Realismus: Aussparung der gesamtgesellschaftlichen Realität, Harmo-nisierung. NATURALISMUS (¸1885-1895/1910) - Dominanz der modernen Naturwissenschaft in der Literatur: Positivismus, Evolutions- und Vererbungslehre, Milieutheorie. - Themen: Niedriges, Häßliches, Egalisierung der literarischen Gegenstände, konsequent mimetisch, empirisch abgesichert. - Methoden: Sekundenstil, unmittelbarer Einstieg, schichtspezifische Sprache. - Lit. Einflüsse: frz.Naturalismus (Zola, Flau-bert), Ibsen, Strindberg, Tolstoi, Dostojewski. - Kritik am Naturalismus: verliert sich in
Details, keine ausgearbeitete Gesellschafts-theorie,
Beschränkung aufs Häßliche. |
LITERATUR IMPRESSIONISMUS (1890-1910) subtile Wahrnehmungskultur, vertreten von materiell meist sorglosen Autoren; literarischer Treffpunkt ist das Kaffeehaus. Themen: Beschränkung auf spätbürgerliche Welt und umfassende Problematisierung von Kommunikationslosigkeit, Erotik und Tod. Mensch = Rolle = Lüge und Verstellung. Methoden: naturalistische Mimetik/innerer Monolog (Schnitzler), Betonung der Nuance, das Detail hat eigenen Wert => Steigerung bis zur Ornamentik, Verspieltheit; bes. beim jungen Hofmannsthal "unpolitischer" Ästhetizismus. Einflüsse vorwiegend aus Malerei (Frankreich) und Philosophie: => Ernst MACHs "Empiriokritizismus": Das ICH = ein relativ instabiler Komplex von Erinnerungen, Stim-mungen, Eindrücken, Gefühlen; nie fertig, immer im Werden. - Kritik am Impressionismus: bekommt durch seine Sicht auf's Bürgertum und das Detail das gesellschaftliche Ganze nicht in den Blick. |
ungehobeltes Benehmen, dumm-arrogant-aggressiv 84, körperliche Unterlegenheit kaum wichtig, Standesdünkel und unreflektierter Ehrbegriff. Weitere Eigenschaften: Kulturbanause, antiintellektuell, antisemitisch 91, denkt in Stereotypen (Heiratspläne 83, hohe vs niedere Frauen 96)
"Und wenn ihn heut'nacht der Schlag trifft" vs. Ende.
"Unglaublich, weswegen sich die Leut totschießen!"
"Wenn die Leut wüßten, wie egal mir die ganze
Geschichte ist ... "Einen Krieg hätt ich noch gern
mitgemacht" (Den Rest kennt er schon!?)
Mehr SCHEIN als SEIN. Finanzielle Probleme durch
standesgemäße Unternehmungen wie Glücksspiel, Ausritte, Frauen
... Offensichtlich viel FREIZEIT, kann sich Nächte um die Ohren
schlagen 101)
Innerer Monolog: "freier Fluß der Gedanken" ,
Denunziation der Titelfigur durch ihre phrasenhafte Denkweise und
Sprache (Abschiedsbriefe 109). Weitgehende Übereinstimmung von
Erzählzeit (1h) und erzählter Zeit (10h). Dialektal gefärbte
Sprache.
- k.u.k.-Monarchie um die Jahrhundertwende
- Arthur Schnitzler: Arzt und Psychologe, freier Schriftsteller, nach "Gustl" Verlust des Offizierspatents.
- Ziel des Autors: Kritik an Standesdünkel/Zeitvertreib der Armee
- Neue Darstellungsform (in Frankreich bei Dujardin)
- Thema: psychische Situation eines beleidigten Offiziers, der
laut Ehrenkodex Selbstmord begehen muß
Welche Vorstellung von der menschlichen Psyche hat Schnitzler?
(Das ICH ist keine Einheit, sondern ein Konglomerat von z.T. widersprüchlichen Empfindungen, stark assoziativ vermischt mit Erinnerungen. Vgl. auch psychoanalytisches Verfahren.
Text: Erzählung
ELSE: 19 Jahre, schön und gescheit, leidenschaftlich, Tochter eines jüdischen Rechtsanwalts, mit starker Bindung an den Vater, narzißtische und exhibitionistische Neigungen, von der Umwelt als hochmütig und arrogant erlebt, obwohl wehmütig, melancholisch und unsicher.
>>> sexuelle Phantasien, widersprüchliche Vorstellungen über die Beziehungen zwischen den Geschlechtern: zwischen Hingabe, Sich-Herschenken und dem Dasein als Luder, aber Zurückschrecken vor der Prostitution; die Ehe ist in Elses Vorstellung ein Geschäft (Verkauf an einen Mann, vor dem man sich ekelt, neben dem man bei Liebhabern Erfüllung sucht)
las|ziv [lat.]: (bes. von einer weiblichen Person) bewußt schwülerotisch (in Bewegung od. Pose), mit einer an Anstößigkeit grenzenden Sinnlichkeit.
Narzißmus
der; -: 1. das Verliebtsein in sich selbst;
[krankhafte] Selbstliebe, Ichbezogenheit; vgl. Autoerotik. 2.
vorübergehende Zurücknahme der Libido von äußeren Objekten
auf sich selbst, z.B. nach enttäuschter Liebe (sog. sekundärer
-).
fri|vol [... wol; lat.-fr.]:
1. a) leichtfertig, bedenkenlos; b) das sittliche Empfinden, die
geltenden Moralbegriffe verletzend; schamlos, frech. 2.
(veraltet) eitel, nichtig.
>>>Traummotive: Spannung zwischen Wunsch- und Angstvorstellungen, Assoziationen aus Tagesresten (Monte Cimino, Geld, Rubensgemälde, Haschisch, rotes Monokel, Mama küßt Dorsday die Hand, Matador (= der Spieler mit dem Tod), Schlangenbiß (= Kombination aus tödlichem und sexuellem Akt), Todesvision (Zurücksinken in die Kindheit)
>>> gesellschaftliche Dimension:
- Milieu des Wiener Großbürgertum, in dem Schein und Sein auseinanderklaffen; obwohl alle von der brüchigen Fassade wissen (die Bekannten der Familie des bekannten Rechtsanwalts), wird der äußere Schein aufrechterhalten. Die Wiener bürgerliche Gesellschaft um die Jahrhundertwende war sich des baldigen Zerfalls der Gesellschaftsordnung bewußt >>> Faszination durch Tod und Untergang bei gleichzeitig höchstentwickelter Sensibilität für die gesellschaftlichen Prozesse
Vater: leichtsinnig-genialer Spieler, mit künstlerischen Interessen, in enger Verbindung mit seiner Tochter
Mutter: einfältig, eine "Künstlerin" (Neujahrssouper für 14 Personen)
Bruder: oberflächlich und gedankenlos
- Dorsday ist ein Kunsthändler, ein infamer Voyeur und Erpresser, der sogar seine Erpressung hinter edlen Rechtfertigungen zu verbergen sucht.
- Paul, die Tante, Frau Cissy ...: Angst vor Skandal,
Schein und Sein, Luxus
Hauptthemen: Eros (=Liebe, Sexualität) + Thanatos (= Tod)
- konsequent durchgehaltene Figurenperspektive: innerer Monolog, die psychische Verfassung der Protagonistin wird von äußeren Ereignissen beeinflußt, aber vor allem in ihren Assoziationen vermittelt: diese speisen sich aus äußerlichen vermittelten und aus innerpsychischen Elementen (Erinnerungen, Wünsche, Sehnsüchte ...). Diese Erzählhaltung sowie die Wichtigkeit von Träumen rückt Schnitzlers Texte in eine enge Beziehung zur Psychoanalyse Siegmund Freuds.
- Zusammenfall von Erzählzeit (= ca. 2,5 h für 120 Seiten)
und erzählter Zeit (ein Abend in einem Luxushotel in den
Dolomiten (von ca. 16h bis 21h): eine Form des Realismus!
"[...] Unsere Kultur ist ganz allgemein auf der
Unterdrückung der Triebe aufgebaut. Jeder einzelne hat ein
Stück seines Besitzes, seiner Machtvollkommenheit, der
aggressiven und vindikativen Neigungen seiner Persönlichkeit
abgetreten; aus diesen Beiträgen ist der gemeinsame Kulturbesitz
an materiellen und ideellen Gütern entstanden. [...] Der
Verzicht ist ein im Laufe der Kulturentwicklung progressiver
gewesen; die einzelnen Fortschritte derselben wurden von der
Religion sanktioniert; das Stück Triebbefriedigung, auf das man
verzichtet hatte, wurde der Gottheit zum Opfer gebracht; das so
erworbene Gemeingut für "heilig" erklärt. Wer kraft
seiner unbeugsamen Konstitution diese Triebunterdrückung nicht
mitmachen kann, steht der Gesellschaft als "Verbrecher"
[...] gegenüber [...](oder als "Held").
(Der Sexualtrieb) [...] stellt der Kulturarbeit
außerordentlich große Kraftmengen zur Verfügung, und dies zwar
infolge der bei ihm besonders ausgeprägten Eigentümlichkeit,
sein Ziel verschieben zu können, ohne wesentlich an Intensität
abzunehmen. Man nennt diese Fähigkeit, das ursprünglich
sexuelle Ziel gegen ein anderes, nicht mehr sexuelles, aber
psychisch mit ihm verwandtes, zu vertauschen, die Fähigkeit zur Sublimierung.
[...] Ins Unbegrenzte fortzusetzen ist dieser
Verschiebungsprozeß aber sicherlich nicht [...] Ein gewisses
Maß direkter sexueller Befriedigung scheint für die
allermeisten Organisationen unerläßlich, und die Versagung
dieses individuell variablen Maßes straft sich durch
Erscheinungen, die wir infolge ihrer Funktionsschädlichkeit und
ihres subjektiven Unlustcharakters zum Kranksein rechnen müssen.
(Der Sexualtrieb wird in 3 Stufen "kultiviert":)
[...] Eine erste, auf welcher die Betätigung des Sexualtriebes
auch über die Ziele der Fortpflanzung hinaus frei ist; eine
zweite, auf welcher alles am Sexualtrieb unterdrückt ist bis auf
das, was der Fortpflanzung dient, und eine dritte, auf welcher
nur die legitime Fortpflanzung als Sexualziel zugelassen ist.
Dieser dritten Stufe entspricht unsere gegenwärtige
"kulturelle" Sexualmoral. [...]."
ANALYSE:
Dieses Syndrom folgt dem klassischen psychoanalytischen Modell, das den Ödipuskomplex auf sadomasochistische Weise löst und das Erich Fromm den "sadomasochistischen Charakter" genannt hat. Nach dieser Theorie ... geht äußere gesellschaftliche Repression mit innerer Verdrängung von Triebregungen zusammen. Um die "Internalisierung" des gesellschaftlichen Zwanges zu erreichen, die dem Individuum stets mehr abverlangt als sie ihm gibt, nimmt dessen Haltung gegenüber der Autorität und ihrer psychologischen Instanz, dem Über-Ich, einen irrationalen Zug an. Das Individuum kann die eigene soziale Anpassung nur vollbringen, wenn es an Gehorsam und Unterordnung Gefallen findet; die sadomasochistische Triebstruktur ist daher beides: Bedingung und Resultat gesellschaftlicher Anpassung.
In unserer Gesellschaftsform finden sadistische sogut wie
masochistische Neigungen Befriedigung. Bei der spezifischen
Lösung des Ödipuskomplexes ... werden solche Befriedigungen in
Charakterzüge umgesetzt. Die Liebe zur Mutter ... fällt unter
ein strenges Tabu; der resultierende Haß gegen den Vater wird
durch Reaktionsbildung in Liebe umgewandelt. Die schwierige
Aufgabe des Individuums, in seiner frühen Entwicklung Haß in
Liebe umzuwandeln, gelingt niemals vollständig. In der
Psychodynamik des "autoritären Charakters" wird die
frühere Aggressivität zum Teil absorbiert und schlägt in
Masochismus um, zum Teil bleibt sie als Sadismus zurück, der
sich ein Ventil sucht in denjenigen, mit denen sich das
Individuum nicht identifiziert: in der Fremdgruppe also. Oft wird
der Jude zum Ersatz für den verhaßten Vater und nimmt in der
Phantasie eben die Eigenschaften an, die zur Auflehnung gegen
eben diesen Vater herausforderten: Nüchternheit, Herrschsucht,
Kälte, ja sogar die des sexuellen Rivalen. Die Ambivalenz ist
umfassend; sie wird vor allem evident in der Gleichzeitigkeit von
blindem Glauben an die Autorität und der Bereitschaft,
anzugreifen, was schwach erscheint und gesellschaftlich als
"Opfer" akzeptabel ist.
Stereotypie
Sie ist eine Form der Beschränktheit besonders in psychologischen und sozialen Fragen. Man darf unterstellen, daß Menschen in der modernen Gesellschaft ... deshalb zu primitiven, vereinfachenden Erklärungen von Geschehnissen greifen, weil so viele der zu einer adäquaten Interpretation notwendigen Gedanken und Beobachtungen nicht zugelassen werden, da sie affektiv besetzt sind und Angst erzeugen könnten.
Stereotypie ist bei diesem Syndrom nicht nur Mittel der
sozialen Identifikation, sie hat auch eine echt
"ökonomische Funktion" in der eigenen Psyche des
Individuums: ... sie wird selbst stark libidinös besetzt.
Grausamkeit/Mitleidlosigkeit
Ein weiteres ... Charakteristikum des autoritären Syndroms
ist das psychologische Äquivalent zu der Denkungsart "Kein
Mitleid mit den Armen". Der Autoritäre, der sich mit der
Macht identifiziert, lehnt zugleich alles ab, was
"unten" ist. Selbst wo die sozialen Bedingungen als
Grund für die Notlage einer Gruppe zugegeben werden, greift er
zu einem Trick und fälscht die Situation zu einer Art
wohlverdienter Strafe um ... Bei diesem Syndrom [absorbiert] die
Trennung zwischen Eigen- und Fremdgruppe ungeheure Mengen
seelischer Energie. Für Individuen dieses Typs ist die
Identifikation mit der Familie und letztlich mit der gesamten
Eigengruppe ein unentbehrlicher Mechanismus, um sich selbst
autoritäre Disziplin aufzuerlegen und nicht der Versuchung zum
"Ausbrechen" zu erliegen, die durch die bei ihnen
bestehende Ambivalenz stets neue Nahrung erhält.
Theoretischer Hintergrund dieses Textes:
a) Eine Gesellschaft braucht eine große Anzahl von auf bestimmte Art geformten Mitgliedern, um sich einigermaßen stabil zu erhalten.
b) Die Beeinflussung der Menschen erfolgt bis in mikroskopische seelische Regungen hinein.
c) Diese Formung "produziert" Charakterzüge, die den Menschen als Mentalität wie mit einer zweiten Haut umgeben; diese kann nur durch genaue Analyse entdeckt werden.
d) Zur Erklärung menschlichen Verhaltens müssen sowohl
soziologische als auch psychologische Methoden angewandt werden.