| Heinrich Mann * 1871, + 1950 | Thomas Mann * 1875, + 1955 |
| - Zunächst aus konservativen und familiären Beweggründen antikapitalistisch eingestellt, führt ihn seine kritische Beobachtung wilhelminischer Politik ab 1900 zu einer konsequent demokratischen Haltung. | - Die vor 1900 in bürgerlich-intellektuellen Kreisen verbreitete "Fin de Siecle"-Stimmung prägt TM nachhaltig; sein literarisches Werk ist eine ständige Reflexion über die hochsensibilisierte, zum Handeln unfähige - und so den "Tatmenschen" unterliegende - Künstlerexistenz. |
| - In "Professor Unrat" (1905) zeigt HM satirisch, daß die wilhelminische Gesellschaft viel instabiler ist, als die Zeitgenossen angesichts der wirtschaftlichen und staatlichen Macht glauben würden. Autoritärer Größenwahn und unterdrückte anarchische Begierden sind die zwei Seiten des deutschen Untertanen.
-"Die kleine Stadt" (1909) bietet ein Gegenbild zur deutschen Repressivität - die "Entfesselung" italienischer Kleinstädter durch Wanderschauspieler. "Das Hohe Lied der Demokratie" (HM). -"Der Untertan" (ab 1914), der 1.Teil einer Trilogie, ist HMs Abrechnung mit der bürgerlichen Welt des Kaiserreichs und zugleich eine hellsichtige Dystopie: der Fabrikbesitzer Diederich Heßling, ein despotischer Streber, ist die Vorwegnahme des "gewöhnlichen Faschisten". - Das Essay "Zola" (1915) verschärft die Entfremdung zwischen den Brüdern: | -Im Roman "Buddenbrooks. Verfall einer Familie" (1901) zeichnet TM den wirtschaftlichen Niedergang einer Lübecker Patrizierfamilie: Gesundheit, Bürgersinn und Sicherheitsstreben nehmen ab, während künstlerische Empfindsamkeit, Nervosität und Unentschlossenheit sich ausbreiten.
-Die Problematik des lebensschwachen Ästheten wird auch in den Novellen "Tonio Kröger", "Tristan", "Königliche Hoheit" und v.a. in "Der Tod in Venedig"(1912) bearbeitet. TM befindet sich in einer depressiven Dauerkrise. -Der 1.WK erscheint ihm als Lösung seiner persönlichen Krise, von ihm erwartet er eine Art "Reinigung" von dekadenter Kunst und Bürgerlichkeit -> Zerwürfnis mit HM. Noch 1918 sieht TM eine ironisch-distanzierte Haltung des Künstlers als notwendig an und lehnt eine offen kritische, engagierte Kunst ab: |
| "Literatur und Politik haben denselben Gegenstand, dasselbe Ziel und mußten einander durchdringen, um nicht beide zu entarten. Geist ist Tat, die für den Menschen geschieht." | "Kritik des Lebens durch die Kunst zu melioristischen Propagandazwecken zu benutzen, ist im Grunde illoyal; weder die Schule noch das Leben überhaupt lassen sich so einrichten, daß die höchste sittliche und ästhetische Reizbarkeit .. sich darin zu Hause fühlen" |
| -Während der Weimarer Republik wird HM v.a. publizistisch und politisch aktiv. Seine parteiungebundene, bürgerlich-fortschrittliche Haltung isoliert ihn zwischen den radikalisierten linken und rechten Lagern.
-1933 Emigration über CS, F nach USA. -"Jugend und Vollendung des Königs Henri Quatre" (1935/38) stellt Vernunft gegen (religiösen) Fanatismus, Humanität gegen Ungerechtigkeit. | -In der WR entwickelt sich TM zum Demokraten, Anti-Nationalisten und Anti-Faschisten. Die Selbstreflexion wird deutlich im "Zauberberg" (1924), seine Kritik am Faschismus in "Mario und der Zauberer" (1929).-->Nobelpreis (für "Buddenbrooks") 1929.
-1933 Emigration USA: "Joseph-Trilogie" (1933-43), wesentlicher Inhalt des "Dr.Faustus" (1947) die "deutsche Seele" und deren Verführbarkeit. |
1. Die Ambivalenz des Charakters der Hauptperson bis zum Abschluß des Studiums
- sein Verhältnis zum Vater, zur Mutter, zu den Lehrern
2. Diederich als junger Mann in Berlin (Kap. 1 + 2)
- seine sozialen Beziehungen
- sein Verhältnis zu den Frauen
- sein Erlebnis mit dem Kaiser
3. Der erwachsene Diederich in Netzig
- sein Verhalten im Betrieb - seine Geschäftstätigkeit
- sein öffentliches Verhalten und seine privaten Ambitionen
- seine Rolle in der Familie
4. Die politischen Verhältnisse in Netzig als Spiegel der Verhältnisse in Deutschland
- Gruppierungen und die sie vertretenden Personen
- D.'s Koalitionspartner und Gegner
Heinrich Mann: Der Untertan (1914; 1918)
1. Die Formierung des autoritären Charakters und seine Identifikation mit der Macht in der Luft des Imperialismus
a) Erziehung (Familie und Schule)
b) militaristische Organisationen (Korporationen, Armee)
c) paternalistischer Betrieb der Papierfabrik >>> Aufstieg zum Generaldirektor eines Betriebes, der vom Finanzkapital dominiert wird
gesellschaftliche Faktoren:---> das Leben als Schein: die Lüge als Prinzip, Geschäft und Gesinnung/Politik - die Träger der Macht (Liberale von 1848, Konservativ-Nationale seit der deutschen Einigung 1871, ostelbische Junker, v.a. seit 1888), Militarismus, Nationalismus Antisemitismus und Xenophobie
psychische Faktoren: ---> autoritär-verlogenes Familienleben, Internalisierung der Macht, schwüle Sexualität, die Doppelseite des sadomasochistischen Charakters als Tyrann und Aufrührer,
2. Die Ohnmacht der "Opposition": der teils antisemitische, teils nur mehr auf den wirtschaftlichen Vorteil bedachte und/oder in Ästhetizismus degenerierende deutsche Liberalismus (Lauer/der alte Buck/Wolfgang Buck) - eine z.T. korrupte Sozialdemokratie, die sich mit der Macht arrangiert (Napoleon Fischer) - dagegen die Utopie von Demokratie - Angriffe auf Thomas Mann in der Passage über die Oper "Lohengrin" (der Wagnerkult als nationalist. Verirrung)
3. Form des Romans:
Satire auf den Wilhelminismus durch Zeichnung seiner typischen Vertreter in einer Kleinstadt - Parodie auf den Entwicklungsroman des 19. Jahrhunderts
6 Kapitel ---> Parodie auf einen Entwicklungsroman; scharfe und prophetische Analyse nationalistischer Politik und Machtverhältnisse unter Kaiser Wilhelm II. (1888 - 1918)
---> Kritik an den Grundlagen eines autoritären Staates: Heer, Kirche, strikter Gehorsam und starre Sitten
---> Utopie einer egalitären Demokratie, die sowohl die Beseitigung der Feudalherrschaft als auch der Esoterik rein intellektueller Opposition aufbaut. Geist ist Tat!
---> nach dem Krieg ein sensationeller Erfolg
Kapitel 1: (S.5 - 47)
Diederichs Kindheit: sein Verhältnis zu den Eltern, zur Schule und zu den Schulkameraden und die Erfahrungen des Studenten in Berlin (Formung durch die Neuteutonia, Demütigungen, Prägung durch die konservative Massenstimmung, erste Erfahrungen mit Frauen/verklemmte und zugleich aggressive Sexualität, Drückebergerei bei der Armee, ...)
Kapitel 2: (S.49 - 76)
D.'s Liebesgeschichte mit Agnes Göppel: Romantik/Sentimentalität, aber auch aggressive Furcht vor der Frau: "Eine Geliebte, die ihn an seiner Karriere hindern wollte, konnte er überhaupt nicht brauchen. So habe er sich die Geschichte nicht vorgestellt." (59)/"Mein moralisches Empfinden verbietet mir, ein Mädchen zu heiraten, das mir seine Reinheit nicht mit in die Ehe bringt." (75)
"Die Korporation, der Waffendienst und die Luft des Imperialismus hatten ihn erzogen und tauglich gemacht. Er versprach sich, zu Hause in Netzig seine wohlerworbenen Grundsätze zur Geltung zu bringen." (76)
Kapitel 3: D. wieder zu Hause in Netzig: (77 - 121)
Ansprache an die Arbeiter: ein Montage aus Reden Wilhelms II.: "Jetzt habe ich das Steuer in die Hand genommen ..." (80)/Begegnung mit Napoleon Fischer, dem Sozialdemokraten u. "Aufrührer"
Vorstellung beim alten Buck, dem angesehensten Bürger der Stadt, einem Liberalen aus der 1848er-Revolution, der gleichzeitig aber seine politische Macht für D. spielen lassen will: "Ich kann wohl dafür sorgen, daß keine erschwerenden Umstände bei der Vergrößerung ihres Betriebes eintreten werden." (88). Trotzdem ist der alte Buck der Gegenspieler Diederichs: "Ihr wähnt euch einig, weil die Pest der Knechtschaft sich verallgemeinert".(89)
Netzig ist ein liberales Nest, das vom Zentralstaat vernachlässigt wurde (Eisenbahn, ...)/ erstes Bündnis mit Assessor Jadassohn, der ebenso wie D. in den Februarkrawallen "die Macht verehren gelernt hatte (98)
von D. entlassener Arbeiter wird von einem Posten erschossen, kaiserfeindliche Bemerkungen des Fabrikanten Lauer, "der seine Arbeiter am Gewinn beteiligt", reizen D. zur Provokation, die als Auseinandersetzung mit dem Freisinn den ganzen Roman andauert
Kapitel 4: (124 - 187)
D. Angst vor Heuteufel wegen seiner "Militärkarriere"
D. wird von Jadassohn in den Prozeß gegen Lauer gehetzt und hat Angst vor der öffentlichen Meinung: " ... sein Inneres zog sich zusammen unter dem Gefühl eines schaudererregenden Abgrundes, wie er sich auftat zwischen Jadassohn, der hier die Macht vertrat, und ihm selbst, der sich zu nahe ihrem Räderwerk gewagt hatte."(161)/ Parteilichkeit der Justiz (Sprezius) - die öffentliche Meinung stützt D. in seinem Plädoyer, nachdem sie sich zuerst von ihm abgewandt hatte; Präsident Wulckow wird auf ihn aufmerksam (177)/ Wolfgang Buck als Schauspieler mit Geist, aber ohne Tat (sein Plädoyer 180)
Kapitel 5 (189 - 277): Netzig, ein Sündenbabel
bürgerliche Erotik und Sexualität: Guste/Zillich - Skandal im Hause Buck: Guste und Wolfgang Halbgeschwister? - diese Frage löst beim Sozialdemokraten Fischer äußerlich helle Empörung aus und rechtfertigte seinen späteren Pakt mit D. (205)
die lächerliche Theatervorführung der Frau von Wulckow (207 ff.): D. als Winkeladvokat vor den nächsten Wahlen - Gespräch mit Wulckow, dem Vertreter der ostelbischen Junker (220) Kühlemanns Testament: ein Säuglingsheim oder eine Statue des Kaisers/auf einem Grundstück in D.'s Besitz - D. will Stadtverordneter werden (230)
Auseinandersetzungen mit den Bucks, mit dem alten und dem jungen: "Ihre Skepsis und ihre schlappe Gesinnung sind nicht zeitgemäß. Mit Geist ist heute nichts zu machen. Die nationale Tat hat die Zukunft."(245)
Koalition mit Fischer gegen den Freisinn: Fischer in den Stadtrat, dafür ein Gewerkschaftsheim und ein Kaiserdenkmal (gegen die Freisinnigen); Presseintrigen sorgen für die Kandidatur Napoleon Fischers (248 f.)
D. bei Wulckow: die andere Seite des Untertanen: Aufruhr, Empörung ... (253ff.): Fischer in den Reichstag, das Grundstück für Quitzig, das Kaiser-Denkmal in Netzig und Ausbootung der Liberalen, dafür Gausenfeld für Diederich (Regierungsaufträge, vermittelt von Wulckow)
D. mit Guste in Lohengrin: scharfer Angriff auf Thomas Mann (265ff): siehe unten: Lohengrin ist der Sieg der Blonden und Blauäugigen/der Wagner-Kult ist schlechtes Theater
der Verkauf des Hauses an Quitzig, nachdem Wulckow D. zuerst wegen versuchter Bestechung aus dem Büro geschmissen hat/ Hochzeit mit Guste/Wulckow hält den Pakt (275): Orden
Kapitel 6: 277 - Ende:
Hochzeitsreise und Kaiserbegegnung in Rom
Wahlkampf für nationalen Kandidaten (287): Verbindung von Politik und Postenschacher bei Kühnchen, Kunze u. Zillich / nationalist. Agitation gegen das Säuglingsheim (291)/geheimes Bündnis Fischers mit dem Freisinn (298) und die Durchschaubarkeit von D.'s Politik: es geht ihm um Gausenfeld. Dahinter steckt der alte Buck! (298)
Emmi - van Brietzen: Parallelgeschichte zu D. - Agnes (305 ff)
Stichwahl zwischen Fischer und Heuteufel; Nationale als Zünglein an der Waage (309): Klüsing denunziert den alten Buck wegen des Vorverkaufsrechts auf das Grundstück für das Säuglingsheim (315)
Fischer kommt in den Reichstag, dafür stimmt er in Netzig für das Kaiserdenkmal statt des Säuglingsheims (319); Buck und Heuteufel absolut defensiv - Aktienspekulation mit Gausenfeld: (325ff) und vernichtende Niederlage des alten Buck in seinem Prozeß (326 ff)
D. als masochistischer Ehemann Gustes (340) - D.
wird Generaldirektor und die mächtigste Figur der Stadt,
auch die alten Liberalen schlagen sich auf die nationale Seite
(341): "Der entschiedene Liberalismus ... konnte nur gewinnen,
wenn auch er sich mit der Energie des nationalen Gedankens erfüllte..."
(342) - Die Bucks als Sprachrohr Heinrich Manns (348)/ Fischer
vergeblicher Angriff im Reichstag auf Wulckow (351)/seine Rede
bei der Eröffnung des Denkmals (355 ff.): Nationalismus +
Geschäft / Gewitter als Symbol des Aufruhrs und Zusammenbruchs
und der kommenden Rolle Deutschlands / Tod des alten Buck - D.
als Teufel
Inhalt:
Elsa wird vom Ritter Telramund zur Frau begehrt; er behauptet, sie habe ihm die Ehe versprochen und verklagt sie vor dem Kaiser, weil sie auch seinen Bruder ermordet habe. Ein Zweikampf soll (als Gottesurteil) über sein Recht entscheiden, zu dem Elsa einen Kämpfer stellen muß. Niemand wagt jedoch, gegem dem gewaltigen T. anzutreten. Elsa ist verzweifelt.
Ihre Sorgen werden jedoch in der Gralsburg gehört und von dort wird Lohengrin, der Schwanenritter, der Sohn Parzivals, als Kämpfer für Elsa entsandt. Ein Schwan zieht sein Boot über den See, er überwindet Telramund im Zweikampf. Elsa heiratet den geliebten Helden, muß aber versprechen, ihn nie nach seiner Herkunft zu fragen, da er sie sonst verlassen müsse. Die neidische und rachsüchtige Ortrud, Frau von Telramund und Rivalin Elsas (Frauenstreit vor dem Münster aus dem Nibelungenlied) verleitet Elsa jedoch zur verhängnisvollen Frage. Lohengrin enthüllt das Geheimnis seiner Abkunft und verläßt Elsa und die beiden Söhne in tiefer Trauer.
Symbolgehalt bei Wagner: Lohengrin ist der aus seiner Isoliertheit in die Geschichte eindringende Künstler, der die bürgerliche Welt (Elsa) von Machtstreben und Materialismus (Ortrud) nur dann erlösen kann, wenn sie bedingungslos an ihn glaubt. Wagner sah sich selbst als einen solchen Künstler. Die Verbindung von Kunst und Gesellschaft scheitert jedoch, da sie in erster Linie ästhetisch (und nicht politisch) motiviert ist. (eine romantische Oper)
Lohengrin im "Untertan":
Ein "nicht besonders schneidiger König", der vom nationalen Standpunkt aus durchaus zu begrüßende Standpunkte äußert: "Des Reiches Ehr' zu wahren, ob Ost, ob West'. Sooft er das Wort 'deutsch' sang, reckte er die Hand hinauf, und die Musik bekräftigte es ihrerseits. ... Überhaupt ward D. gewahr, daß man sich in dieser Oper wie zu Hause fühlte. Schilde und Schwerter, viel rasselndes Blech, kaisertreue Gesinnung. Ha und Heil und hochgehaltene Banner und die deutsche Eiche: man hätte mitspielen können." (265 ff.)
Elsa = der germanische Typ, Ortrud die Dunkelhaarige mit den jüdischen Machenschaften; Telramund benimmt sich einfach unmöglich, "gegen die Macht unternahm man einfach nichts"(267). Die teuren Untertanen standen gestern noch bieder zu T., heute aber ebenso zu Lohengrin. "Sie erlaubten sich keine Meinung und schluckten jede Vorlage"(268). Der dritte Akt ist schwülstige Erotik (von D. und Guste geteilt) - am Ende schwören die Mannen den dritten Eid auf Gottfried (270). Diederich: "Das ist deutsche Kunst, das ist die Kunst, die wir brauchen. - Das Theater ist auch eine meiner Waffen."(270 f.)
Kapitel 1: (S.5 - 47)
Diederichs Kindheit: sein Verhältnis zu den Eltern, zur Schule und zu den Schulkameraden und die Erfahrungen des Studenten in Berlin (Formung durch die Neuteutonia, Demütigungen, Prägung durch die konservative Massenstimmung, erste Erfahrungen mit Frauen/verklemmte und zugleich aggressive Sexualität, Drückebergerei bei der Armee, ...)
Kapitel 2: (S.49 - 76)
D.'s Liebesgeschichte mit Agnes Göppel: "Eine Geliebte, die ihn an seiner Karriere hindern wollte, konnte er überhaupt nicht brauchen. So habe er sich die Geschichte nicht vorgestellt." (59)/"Mein moralisches Empfinden verbietet mir, ein Mädchen zu heiraten, das mir seine Reinheit nicht mit in die Ehe bringt." (75)
"Die Korporation, der Waffendienst und die Luft des Imperialismus hatten ihn erzogen und tauglich gemacht. Er versprach sich, zu Hause in Netzig seine wohlerworbenen Grundsätze zur Geltung zu bringen." (76)
Kapitel 3: D. wieder zu Hause in Netzig: (77 - 121)
Ansprache an die Arbeiter: ein Montage aus Reden Wilhelms II.: "Jetzt habe ich das Steuer in die Hand genommen ..." (80)/Begegnung mit Napoleon Fischer, dem Sozialdemokraten
Vorstellung beim alten Buck, dem angesehensten Bürger der Stadt, einem Liberalen aus der 1848er-Revolution, der gleichzeitig aber seine politische Macht für D. spielen lassen will: "Ich kann wohl dafür sorgen, daß keine erschwerenden Umstände [bei der Vergrößerung ihres Betriebes] eintreten werden." (88). Trotzdem ist der alte Buck der Gegenspieler Diederichs: "Ihr wähnt euch einig, weil die Pest der Knechtschaft sich verallgemeinert".(89)
Netzig ist ein liberales Nest, das vom Zentralstaat vernachlässigt wurde (Eisenbahn, ...)/ erstes Bündnis mit Assessor Jadassohn, der ebenso wie D. in den Februarkrawallen "die Macht verehren gelernt hatte (98)
von D. entlassener Arbeiter wird von einem Posten erschossen, kaiserfeindliche Bemerkungen des Fabrikanten Lauer, "der seine Arbeiter am Gewinn beteiligt", reizen D. zur Provokation, die als Auseinandersetzung mit dem Freisinn den ganzen Roman andauert
Kapitel 4: (124 - 187)
D. Angst vor Heuteufel wegen seiner "Militärkarriere"
D. wird von Jadassohn in den Prozeß gegen Lauer gehetzt und hat Angst vor der öffentlichen Meinung: " ... sein Inneres zog sich zusammen unter dem Gefühl eines schaudererregenden Abgrundes, wie er sich auftat zwischen Jadassohn, der hier die Macht vertrat, und ihm selbst, der sich zu nahe ihrem Räderwerk gewagt hatte."(161)/ Parteilichkeit der Justiz (Sprezius) - die öffentliche Meinung stützt D. in seinem Plädoyer; Präsident Wulckow wird auf ihn aufmerksam (177)/ Wolfgang Buck als Schauspieler mit Geist, aber ohne Tat (sein Plädoyer 180)
Kapitel 5 (189 - 277): Netzig, ein Sündenbabel
bürgerliche Erotik und Sexualität: Guste/Zillich - Skandal im Hause Buck: Guste und Wolfgang Halbgeschwister? - diese Frage löst beim Sozialdemokraten Fischer äußerlich helle Empörung aus und rechtfertigte seinen späteren Pakt mit D. (205)
die lächerliche Theatervorführung der Frau von Wulckow (207 ff.): D. als Winkeladvokat vor den nächsten Wahlen - Gespräch mit Wulckow, dem Vertreter der ostelbischen Junker (220): Kühlemanns Testament: ein Säuglingsheim oder eine Statue des Kaisers/auf einem Grundstück in D.'s Besitz - D. will Stadtverordneter werden (230)
Auseinandersetzungen mit den Bucks, mit dem alten und dem jungen: "Ihre Skepsis und ihre schlappe Gesinnung sind nicht zeitgemäß. Mit Geist ist heute nichts zu machen. Die nationale Tat hat die Zukunft."(245)
Koalition mit Fischer gegen den Freisinn: Fischer in den Stadtrat, dafür ein Gewerkschaftsheim und ein Kaiserdenkmal (gegen die Freisinnigen); Presseintrigen sorgen für die Kandidatur Napoleon Fischers (248 f.)
D. bei Wulckow: die andere Seite des Untertanen: Aufruhr, Empörung ... (253ff.): Fischer in den Reichstag, das Grundstück für Quitzig, das Kaiser-Denkmal in Netzig und Ausbootung der Liberalen, dafür Gausenfeld für Diederich
D. mit Guste in Lohengrin: scharfer Angriff auf Thomas Mann (265ff): siehe unten: Lohengrin ist der Sieg der Blonden und Blauäugigen/der Wagner-Kult ist schlechtes Theater
der Verkauf des Hauses an Quitzig/ Hochzeit mit Guste/Wulckow hält den Pakt (275): Orden
Kapitel 6: 277 - Ende:
Hochzeitsreise und Kaiserbegegnung in Rom
Wahlkampf fur nationalen Kandidaten (287): Verbindung von Politik und Postenschacher bei Kühnchen, Kunze u. Zillich / nationalist. Agitation gegen das Säuglingsheim (291)/geheimes Bündnis Fischers mit dem Freisinn (298) und die Durchschaubarkeit von D.'s Politik: es geht ihm um Gausenfeld. Dahinter steckt der alte Buck! (298)
Emmi - van Brietzen: Parallelgeschichte zu D. - Agnes (305 ff)
Stichwahl zwischen Fischer und Heuteufel; Nationale als Zünglein an der Waage (309): Klüsing denunziert den alten Buck wegen des Vorverkaufsrechts auf das Grundstück für das Säuglingsheim (315)
Fischer kommt in den Reichstag (319); Buck und Heuteufel absolut defensiv - Aktienspekulation mit Gausenfeld: (325ff) und vernichtende Niederlage des alten Buck in seinem Prozeß (326 ff)
D. wird Generaldirektor und die mächtigste Figur der Stadt, auch die alten Liberalen schlagen sich auf die nationale Seite (341): "Der entschiedene Liberalismus ... konnte nur gewinnen, wenn auch er sich mit der Energie des nationalen Gedankens erfüllte..." (342)
Die Bucks als Sprachrohr Heinrich Manns (348)/ Fischer
Angriff auf Wulckow (351)/seine Rede bei der Eröffnung des
Denkmals (355 ff.)/Gewitter als Symbol des Aufruhrs und Zusammenbruchs
und der kommenden Rolle Deutschlands
Richard Wagner: Lohengrin (Eine romantische Oper,
1850)
Elsa wird vom Ritter Telramund zur Frau begehrt; er behauptet, sie habe ihm die Ehe versprochen und verklagt sie vor dem Kaiser, weil sie auch seinen Bruder ermordet habe. Ein Zweikampf soll (als Gottesurteil) über sein Recht entscheiden, zu dem Elsa einen Kämpfer stellen muß. Niemand wagt jedoch, gegem dem gewaltigen T. anzutreten. Elsa ist verzweifelt.
Ihre Sorgen werden jedoch in der Gralsburg gehört und von dort wird Lohengrin, der Schwanenritter, der Sohn Parzivals, als Kämpfer für Elsa entsandt. Ein Schwan zieht sein Boot über den See, er überwindet Telramund im Zweikampf. Elsa heiratet den geliebten Helden, muß aber versprechen, ihn nie nach seiner Herkunft zu fragen, da er sie sonst verlassen müsse. Die neidische und rachsüchtige Ortrud, Frau von Telramund und Rivalin Elsas (Frauenstreit vor dem Münster aus dem Nibelungenlied) verleitet Elsa jedoch zur verhängnisvollen Frage. Lohengrin enthüllt das Geheimnis seiner Abkunft und verläßt Elsa und die beiden Söhne in tiefer Trauer.
Symbolgehalt bei Wagner: Lohengrin ist der aus seiner Isoliertheit in die Geschichte eindringende Künstler, der die bürgerliche Welt (Elsa) von Machtstreben und Materialismus (Ortrud) nur dann erlösen kann, wenn sie bedingungslos an ihn glaubt. Wagner sah sich selbst als einen solchen Künstler. Die Verbindung von Kunst und Gesellschaft scheitert jedoch, da sie in erster Linie ästhetisch (und nicht politisch) motiviert ist. (eine romantische Oper
Lohengrin im "Untertan":
Ein "nicht besonders schneidiger König",
der vom nationalen Standpunkt aus durchaus zu begrüßende
Standpunkte äußert: "Des Reiches Ehr' zu wahren,
ob Ost, ob West'. Sooft er das Wort 'deutsch' sang, reckte er
die Hand hinauf, und die Musik bekräftigte es ihrerseits.
... Überhaupt ward D. gewahr, daß man sich in dieser
Oper wie zu Hause fühlte. Schilde und Schwerter, viel rasselndes
Blech, kaisertreue Gesinnung. Ha und Heil und hochgehaltene Banner
und die deutsche Eiche: man hätte mitspielen können."
(265 ff.)
Heinrich Mann: Professor Unrat
-
Arbeitsfragen
1) Charakterisierung Raats vor der Begegnung mit Fröhlich (-37) (p6: Unrat faßt Ertzum: grob drohend mit "Sippenhaft" /p11: sein Beruf schafft seine Psyche: hat ganzes Leben an Schule verbracht, Leben=Schule vice versa, Gefühl der Macht über Schüler, die an ihrer Wurzel zu wühlen wagen /p22-23: Unrat im Hafenviertel: unfähig, sich verständlich zu machen, 50000 aufsässige Schüler /p33: Verachtung des einfachen, gläubigen Schusters, Überlegenheit im "Geiste", sein Weltbild /p36: "..wie in einen Abgrund"
2) Professor Raat vs. Rosa Fröhlich - ein sprachlicher Vergleich (UNRAT: hermetische Sprache - weitgehend korrekter Satzbau, oft Konjunktiv I+II (keine Festlegungen bei nicht zu Beherrschenden), Neigung zu theatralischen Konstruktionen p49u; Häufung von Floskeln, wenn er um Distanziertheit kämpfen muß - also bes. bei Strafaktionen und Verlegenheiten. FRÖHLICH: eher schlampige, milieuentsprechende Sprache, verschluckt Wortteile, sprunghafte Satzverknüpfungen, falsche Wortstellungen. HINWEIS: Sprachgefälle als Machtgefälle bes. deutlich in "My Fair Lady" 1956 Loewe. Unrats größere Sprachkompetenz verschafft ihm bei Fröhlich allerdings keinen Vorteil, weil sie a) keine Schülerin ist, b) ihre Körperlichkeit ihn verwirrt)
3) Charakterisierung der 3 Schüler, bes. Lohmanns (ERTZUM: Adeliger, stark und dumm, p56 eifersüchtig, p101 banaler Ein-bruch seiner Idealisierung, p169 als Erwachsener immer noch Mündel. KIESELACK: falscher, hinterhältiger Kleinbürger, p121 Hünengrab-Gericht: nie bei irgendwas dabei, stets "geführt und verführt", p163 durch Spielschulden und Diebstahl zerschmettert. LOHMANN: großbürgerlich, Ästhet, nicht beschmutzbar durch niedrige menschliche Regungen, distanziert-ironischer Beobachter bis p183
4) Worauf basiert Unrats Wandlung, in welche Richtung entwickelt er sich? (
5) Das Verhältnis zwischen der "Stadt" und dem
Ehepaar Raat.
KOPIE: Der autoritäre Charakter (ADORNO..)
Abrundung:
- Stadt: Lübeck (Vgl. auch "Buddenbrooks")
- keine Schulsatire, sondern sozialpatholog. Studie
- Unrat = Tyrann, der verdrängt und innerlich ohnmächtig ist;
. paranoide Gleichsetzung Welt/Schule
. Auflösung des Charakterpanzers durch Sinnlichkeit
. nicht mehr kontrollierter Haß auf die Gesellschaft und ihre Werte bzw.
Repräsentanten: Adel (v.Ertzum), Bürger (Lohmann), Kleinbürger (Kieselack)
. sein "anarchisches Ghetto" führt zur "Entsittlichung" der ganzen Stadt
. Diebstahl der Brieftasche (kein "Kavaliersdelikt" mehr!)
- Lohmann stellt bürgerliche Fassade wieder her.
A) Die drei Ebenen eines erzählenden Textes
1) Das Geschehen a) Ereignisse
b) Personen
c) Zeitumstände
d) Örtlichkeiten
2) Die Geschichte a) Begebenheiten/ Handlungen
b) Personen und ihre Beziehungen
c) Zeitausschnitt/ Dauer
d) Schauplätze
3) Der Text a) Darstellung der Ereignisse/ Taten
b) Charakterisierung der Personen
und Beziehungen
c) Raffung, Dehnung, Auslassungen
d) Schilderung und Bedeutungszuweisung
der Schauplätze
B) Verhältnis der Ebenen zueinander
Geschehen (Welt) Konzepte (Autor)
nicht sinnbestimmt sinnbestimmend
GESCHICHTE
sinnbestimmter Geschehensausschnitt
TEXT
Verhältnis der Fiktion zur Wirklichkeit
Verhältnis von Autor, Erzähler, Leser
Verhältnis von Erzählzeit zu erzählter Zeit
Darstellung und Funktion des Raumes
Darstellung und Funktion der Figuren
Verhältnis von Erzählerbericht und Personenrede
Aufbau und Verknüpfung der Erzählung
Verhältnis von Stilmitteln und Inhalt
Einfluß der literarischen Gattung auf den Text
Einfluß der Epoche auf den Text
Vereinfacht ausgedrückt:
- Die Ebene des Geschehens läßt sich in Form einer knappen Inhaltsangabe erfassen,
- die Ebene der Geschichte verlangt eine interpretierende Nacherzählung,
- die Ebene des erzählenden Textes läßt sich
nur durch eine Analyse der Erzählperspektiven und der jeweils
verwendeten sprachlichen und stilistischen Mittel darstellen.
1) Die Ebene des Geschehens
Ereignis: Eine Frau stirbt an einer Lungenkrankheit.
Personen: Ihr Mann, ihr Kind, andere Kranke, Pflegepersonal.
Zeitumstände: Europa um 1900
Örtlichkeit: Lungenheilstätte (Schweiz ?)
KONZEPT: Die Existenz des Künstlers in einer bürgerlich- materiellen Welt.
2) Die Ebene der Geschichte
a) Vorstellung des Ortes, Einteilung seiner Bewohner (3-4)
b) Personenbeschreibung Frau Klöterjahn (5-6)
c) Krankheitsgeschichte Frau Klöterjahns (7-8)
d) Personenbeschreibung Herr Klöterjahn (9)
e) Personenbeschreibung Spinell (10)
f) Spinells "Tätigkeit" als Schriftsteller (11)
g) Kenntnisnahme Spinells durch Klöterjahns (12-13)
h) Spinells Verhalten gegenüber Frau Klöterjahn (14)
i) Das Konversationszimmer mit Klavier (15)
j) Spinell zu Frau Kl.: "Unzufrieden mit sich selbst" (16)
k) Spinell zu Frau Kl.: "Wirklichkeitsgier" (17)
l) Versuch einer Liebeserklärung/ Frau Kl.s Gedanken (18)
m) Spinells Kritik an "Klöterjahn" (19) führt zu einem Gespräch über Frau Kl.s Herkunft (21), Heirat, Geburt des Kindes (23) und leiser Distanzierung Frau Kl.s von ihrer Familie (24).
n) Aufbruch zur Schlittenpartie (25-26)
o) Spinells Aufforderung zum Klavierspiel(28-29)
p) Frau Kl. spielt - Assoziationen zur "Tristan"-Musik (31-33)
q) Störung durch Pastorin Höhlenrauch (34)
r) Frau Kl.s Zustand verschlechtert sich; Eintreffen Herr Kl.
mit Kind (Beschreibung) (35-36)
s) Spinells Brief an Klöterjahn (37-42)
t) Klöterjahns Reaktion - Spinells Machtlosigkeit (42-46)
u) Frau Kl. wird sterben (47)
v) Spinells endgültiges Scheitern angesichts des Kindes (48-49).
3) Die Ebene des Textes
Verhältnis der Fiktion zur Wirklichkeit
a) "Modelle" der Hauptfigur:
- Der Münchner Schriftsteller Arthur Holitscher:
"Mein Aussehen blieb bis in spätere Jahre befremdlich, Gesicht und Gestalt hatten etwas kindlich Unentwickeltes, Zurückgebliebenes, und die seelische Unsicherheit ... mußte wie
ein abstoßendes Fluidum auf Menschen voll Lebenswillen, reger Eindrucksfähigkeit und der Spannkraft der Jugend wirken."
"Zwei Jahre nach dem Erscheinen der `Buddenbrooks' ... veröff- entlichte Mann sein zweites Werk, einen Novellenband: 'Tristan'. (...) In nicht minderem Maße als der Roman, in dem er die Schicksale seiner Familie geschildert hatte, verkündeten
die Novellen Manns Meisterschaft in der plastischen Herausarbeitung von Gestalten und Geschehnissen. (...). In den ... Novellen aber tummelte sich eine groteske Schar von Karikaturen, `Helden' des Alltags, die ihre Lebensuntauglichkeit in Situationen von kläg- licher Komik bewiesen. Sofort erkannte ich mich in einer
dieser bösartig verzerrten Gestalten wieder ...".
- Der Wiener Literat Peter Altenberg:
Hinweise: Zentrales Thema des Altenberg'schen Werks ist die `Empörung über den Mißbrauch des zarten Frauenwesens; Mann beschreibt in einem Aufsatz über Altenberg sein "skurril-pedantisches Wichtignehmen von Vorschriften körperlicher und seelischer Hygiene"(1920).
- Selbstportrait:
Hinweise: Langschläfer; die langsame und umständliche
Produktionsweise; die Charakterisierung der Handschrift.
b) Die Oper "Tristan und Isolde":
Ursprung: Verknüpfung verschiedener keltischer Sagenmotive im "Tristrant"-Epos des Eilhart von Oberge (vor 1200); Wagners Quelle: "Tristan und Isolde" von Gottfried v.Straßburg (um 1210, fragmentarisch).
c) Literarische Bezüge:
- "Rat Krespel" von E.T.A.Hoffmann: Die Hauptfigur Antonie wird zur Musik `verführt' und stirbt an der Anstrengung ihres Gesangs, vor der die Ärzte gewarnt hatten.
- "Doktor Biebers Versuchung" von Heinrich Mann: Der Sanatoriumsleiter Bieber spielt Auszüge aus der Wagner-Oper, worauf eine Patientin sich geheilt fühlt. Dies verleitet den Arzt zu einem fragwürdigen `Experiment' ...
Verhältnis von Autor, Erzähler, Leser
1) Grundlegende Thesen:
a) Jeder Text ist ein Beweis für die Bereitschaft des Autors, mit jemandem zu kommunizieren.
b) Der Autor eines dokumentarischen Werkes spricht meist ohne Medium zum Leser -> "Der Inhalt ist die Botschaft".
c) Der Autor eines literarischen Werkes verwendet als Medium meist eine Erzählerrolle -> "Der Inhalt wird durch den Erzähler interpretiert; die Interpretation der Erzählweise durch den Leser ermöglicht die Entschlüsselung der Botschaft".
Fragen:
1) "Wo" ist der Autor im "Tristan" ?
2) "Wo" ist der Erzähler im "Tristan" ?
3) "Wo" ist der Leser im "Tristan" ?
2) Thesen zur Erzählperspektive:
a) Der Erzähler hat nicht immer das Wort; oft tritt er es an handelnde Personen ab (direkte Rede, Gespräch).
b) In erzählenden Texten wird nicht `nur' erzählt. Statt einer Wiedergabe von Ereignissen finden wir -
- Betrachtungen und Reflexionen des Erzählers,
- Meinungsäußerungen und Gedanken einer Figur,
- Beschreibung einer Person, eines Schauplatzes oder Gegen-
stands.
c) Die Sprachform des Textes kann wechseln (Satzbau, Wortwahl,
Stil). Solche Wechsel sind Mitteilungen an den Leser.
Fragen:
1) Welche Figuren kommen im "Tristan" selbst zu Wort ? An welchen Stellen `übergibt' der Erzähler seinen Figuren das Wort?
2) "Tristan" 20,14 - 23,26: Gespräch zwischen Spinell und Frau Klöterjahn.
a) Worüber wird scheinbar gesprochen ?
b) Worüber spricht Spinell `wirklich' ?
c) "Wo" ist der Erzähler, und wie sorgt er dafür, daß der Leser das Gespräch in seinem Sinne interpretiert ?
3) Mögliche Erzählperspektiven:
a) Auktoriale Erzählsituation: (Außenperspektive)
Der "allwissende" Erzähler organisiert die Elemente der Geschichte von einem Standpunkt außerhalb des Geschehens: Distanz.
b) Personale Erzählsituation: (Innenperspektive)
Der Erzähler wählt seinen Standpunkt innerhalb des Geschehens und verzichtet auf erläuternde Bemerkungen: Unmittelbarkeit.
(Ebene des Textes/3)
c) Ich-Erzählsituation:
1) Auktoriales Ich: (Außenperspektive)
Der Ich-Erzähler organisiert als "erinnerndes (=erzählendes) Ich" die Elemente der Geschichte von einem Standpunkt außerhalb des Geschehens; innerhalb des Geschehens tritt er als `erinnertes (=erlebendes) Ich' auf: Distanz.
2) Personales Ich: (Innenperspektive)
Erzählendes und erlebendes Ich fallen zusammen. Es gibt nur den Standpunkt innerhalb des Geschehens: Unmittelbarkeit.
Fragen:
1) Ordnen Sie diesen Prosa-Werken ihre vorrangig verwendete
Erzählsituation zu:
- "Tristan" (Th.Mann):
- "Ansichten eines Clowns" (H.Böll):
- "Effi Briest" (Th.Fontane):
- "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" (Th.Mann):
Welche Funktion könnte die jeweilige Wahl des Erzählerstandorts haben ?
2) Suchen Sie aus der Ihnen bekannten Literatur je ein weiteres
Beispiel für die 4 Erzählsituationen.
4) Auswirkungen auf das Verhältnis zwischen Erzähler und Leser:
a) Auktoriale Erzählsituation:
- Erkennbare Erzähler-Leser-Kommunikation; gemeinsame Distanz zum Erzählten.
- Der Erzähler erklärt/rechtfertigt (manchmal) seine Entscheidungen (über Auswahl, Vorgriff, Raffung etc.).
- Der Leser ist aufgefordert, mit dem Erzähler über das Erzählte zu reflektieren.
b) Personale Erzählsituation:
- Keine (direkte) Kommunikation zwischen Erzähler und Leser, um die unmittelbare Wahrnehmung des Erzählten zu ermöglichen.
- Der Erzähler bietet keine Erklärungen oder Rechtfertigungen.
- Die Leser-Reflexion soll über die Identifikation mit dem
Erzählten laufen.