FRANZ KAFKA (1883 - 1924)

Übersicht

Ältester Sohn einer assimilierten, wohlhabenden jüdischen Kaufmannsfamilie in Prag; zwei vor den Schwestern geborene Brüder sterben im Kindesalter, Besuch des deutschen Gymnasiums; 1901-1906 Jurastudium, Beamter in der Arbeiter-Unfallversicherungsanstalt, gilt unter Kollegen als liebenswürdig und zurückhaltend. Schon in jungen Jahren Anzeichen einer dann jahrelang verschleppten Lungentuberkulose, an deren Spätfolgen er mit 41 Jahren in einem Sanatorium bei Wien stirbt.

Zentrale Probleme seines Lebens:

- politische und ethnische Spannungen im deutsch-tschechisch-jüdischen Prag.

- belastetes Verhältnis zum distanziert-autoritären Vater, der seine "Schriftstellerei" nie akzeptieren konnte, Gefangenschaft in der Familie.

- Erlebnis von Anonymität, Isolation und Entfremdung durch moderne Institutionen wie Schule, Bürokratie, Staat.

- Schwieriges Verhältnis zu Frauen: Widerspruch zwischen Bedürfnis nach Nähe und Angst vor zu starker Bindung.

"Ich heiße hebräisch Amschel, wie der Großvater meiner Mutter von der Mutterseite, der als ein sehr frommer und gelehrter Mann mit langem weißem Bart meiner Mutter erinnerlich ist, die sechs Jahre alt war, als er starb. Sie erinnert sich, wie sie die Zehen der Leiche festhalten und dabei Verzeihung möglicher dem Großvater gegenüber begangener Verfehlungen erbitten mußte. Sie erinnert sich auch an die vielen, die Wände füllenden Bücher des Großvaters. Er badete jeden Tag im Fluß, auch im Winter, dann hackte er sich zum Baden ein Loch ins Eis. Die Mutter meiner Mutter starb frühzeitig an Typhus. ... Ein noch gelehrterer Mann als der Großvater war der Urgroßvater der Mutter, bei Christen und Juden stand er in gleichem Ansehen, bei einer Feuersbrunst geschah infolge seiner Frömmigkeit das Wunder, daß das Feuer sein Haus übersprang und verschonte, während die Häuser in der Runde verbrannten. Er hatte vier Söhne, einer trat zum Christentum über und wurde Arzt. Alle außer dem Großvater der Mutter starben bald. Dieser hatte einen Sohn, die Mutter kannte ihn als verrrückten Onkel Nathan, und eine Tochter, eben die Mutter meiner Mutter.

(Tagebuch, 1911)

Kafkas Vater: geb. 1852 in Wossek (Südböhmen), einem Dorf von 100 Einwohnern, Leben in bescheidensten Verhältnissen, die Kafkas waren jedoch im Verhältnis zu den Umständen überdurchschnittlich gebildet, in Wossek existierte noch eine jüdische Schule (!), in der Kafkas Vater deutsch lesen und schreiben lernte (seine Umgangssprache war tschechisch). 1872 Umsiedlung nach Prag, Gründung eines Textilgeschäfts mit Hilfe des Kapitals seiner Braut; er akzeptiert lediglich die gesellschaftliche Anerkennung als lebenswertes Ziel.

"Diese gesellschaftliche Anerkennung war in der altösterreichischen Provinzhauptstadt nur auf dem Umweg über die schmale deutsche Oberschicht - (1900 sprachen von den 450 000 Einwohnern Prags nur 34 000 deutsch) - zu erlangen. Und für Kafkas Vater war dies ein bedeutender "Umweg" - der Herkunft wie der Klasse nach, selbst wenn man einmal die Schwierigkeiten beiseite läßt, die sich für ihn als Juden innerhalb des allerdings recht liberalen Antisemitismus österreichischer Prägung ergaben."

---> bei Kafka: Haßliebe zum Vater, die ihn sein Leben lang beschäftigte:

...Ich winselte einmal in der Nacht immerfort um Wasser, gewiß nicht aus Durst, sondern wahrscheinlich teils um zu ärgern, teils um mich zu unterhalten. Nachdem einige starke Drohungen nicht geholfen hatten, nahmst Du mich aus dem Bett, trugst mich auf die Pawlatsche und ließest mich dort allein vor der geschlossenen Tür ein Weilchen im Hemd stehen. Ich will nicht sagen, daß das unrichtig war, vielleicht war damals die Nachtruhe auf andere Weise wirklich nicht zu verschaffen, ich will aber damit Deine Erziehungsmittel und ihre Wirkung auf mich charakterisieren. Ich war damals nachher wohl schon folgsam, aber ich hatte einen inneren Schaden davon. Das für mich Sebstverständliche des sinnlosen Ums-Wasser-Bittens und das außerordentlich Schreckliche des Hinausgetragenwerdens konnte ich meiner Natur nach niemals in die richtige Verbindung bringen. Noch nach Jahren litt ich unter der quälenden Vorstellung, daß der riesige Mann, mein Vater, meine letzte Instanz, fast ohne Grund kommen und mich in der Nacht aus dem Bett auf die Pawlatsche tragen konnte und daß ich ein solches Nichts für ihn war ..."

"Brief an den Vater" (1919):

---> sämtliche Kinder besuchten ausschließlich deutsche Schulen; trotzdem hat Franz Kafka niemals die Bindung ans tschechische Volk verloren.

"In uns leben noch immer die dunklen Winkel, geheimnisvollen Gänge, blinden Fenster, schmutzigen Höfe, lärmenden Kneipen und verschlossenen Gasthäuser. Wie gehen durch die breiten Straßen der neuerbauten Stadt. Doch unsere Schritte und Blicke sind unsicher. Innerlich zittern wir noch so wie in den alten Gassen des Elends. Unser Herz weiß nichts von der durchgeführten Assanation. Die ungesunde alte Judenstadt in uns ist viel wirklicher, als die hygienische Stadt um uns." (Kafka zu Janouch)

deutschsprachige Bevölkerung von Prag: Minderheit von 7%, die aber alle gesellschaftlich bedeutenden Positionen innehatte: Industrielle, Bankiers, Grundbesitzer, Kaufleute und Großbürger; im kulturellen Bereich: schöngeistige Selbstbestätigung, wogegen v.a. die deutschsprachige Intelligenz heftig opponierte, sich aber kaum für die tschechische Umwelt interessierte; außer Kafka beherrschte kaum einer der pragerdeutschen Schriftsteller (Rilke, Meyrink, E.E.Kisch, Max Brod, Oskar Wiener, Werfel ...) das Tschechische.Durch die Minderheitenposition erfolgte eine bestimmte Prägung des "Pragerdeutschen": nüchtern, wortarm, klar, karg

>>> schwierige Position der Juden: bilden eine starke liberale Kraft zwischen beiden Lagern:

"Was hatten sie denn getan, die kleinen Juden von Prag, die braven Kaufleute von Prag, die friedlichsten aller friedlichen Bürger? ... In Prag warf man ihnen vor, daß sie keine Tschechen, in Saaz und Eger, daß sie keine Deutschen seinen." (Theodor Herzl, 1897)

Prager Juden: aus einem religiösen in ein soziologisches Ghetto, an die Stelle der Glaubensverbindungen treten bei ihnen die Geschäftsverbindungen: ---> Gefühl der Vereinzelung, der Einsamkeit

"Dieses Grenzland zwischen Einsamkeit und Gemeinschaft habe ich nur äußerst selten überschritten, ich gabe mich darin sogar mehr angesiedelt als in der Einsamkeit selbst. Was für ein lebendig schönes Land war im Vergleich hiezu Robinsons Insel."

Franz Wagenbach, Biograph Kafkas:

Das Leben dieses Autors ist bis heute wenig bekanntgeworden, obwohl es doch in die durchaus im vollen Licht liegenden letzten drei Jahrzehnte der k.k. Doppelmonarchie und in die ersten Jahre der tschechoslowakischen Republik fiel. Das liegt nicht nur daran, daß dieses Leben sich unauffällig vollzog, sondern besonders an den politischen Ereignissen der Jahre 1933 bis 1945. Sie betrafen vorerst das Werk: Anfang der dreißiger Jahre beschlagnahmte die Gestapo bei einer Durchsuchung der Berliner Wohnung Dora Diamants (der Freundin der letzten Lebensjahre) ein Konvolut Manuskripte - es muß als verloren gelten; die erste, 1935 begonnene Gesamtausgabe wurde zuerst behindert, dann verboten. Viel schlimmere Folgen hatte die Besetzung der Tschechoslowakei durch die Nazis: die drei Schwestern Kafkas wurden in Konzentrationslager deportiert und dort ermordet - ein Schicksal, das viele Freunde und Verwandte teilten. Archive wurden vernichtet, Dokumente gingen verloren, Zeugen seines Lebens wurden getötet. ... Die Suche nach Dokumenten endete immer wieder in ausgeplünderten Archiven, die Suche nach noch lebenden Zeugen immer wieder in einem Raum des jüdischen Rathauses in der Maiselgasse, dessen Wände Gestelle füllen mit Hunderten von Karteikästen, deren einzelne rote Blätter unter dem Vornamen, Namen und Herkunftsort immer wieder den gleichen Stempel tragen: Oscwiecim - Auschwitz.



Franz Kafkas Welt

Übersicht

1. Sie ist verwirrend, undurchschaubar, widersprüchlich, "peinlich"! Eine eindeutige Umsetzung des Werks in eine "Botschaft" ist unmöglich.

2. Anhand von Kafkas Werk läßt sich das Phänomen der INTERTEXTUALITÄT sehr klar darstellen: Kafkas Lesestoff war ihm wie ein Steinbruch, den er unter dem Eindruck privater Ereignisse und gesellschaftlicher Verhältnisse (an dener er regen Anteil nahm!) zu seinen ganz eigentümlichen Texten werden läßt.

Das Werk Kafkas ist als Weltliteratur derart einflußreich, daß eine Unmenge von Literaturwissenschaftlern, Philosophen, Psychologen etc. (bis dato etwa 11.000 Aufsätze und Bücher über ihn!), sondern auch sehr viele Autoren sich auf ihn beziehen.

3. Die Hauptthemen in Kafkas Werk: Der ohnmächtige Einzelne steht anonymen, undurchschaubaren Machtinstanzen gegenüber, die in den Texten nicht immer eindeutig zu bestimmen ist, die aber viele Kennzeichen von Machtkonstellationen moderner Gesellschaften aufweisen: Bürokratie, Justiz, Arbeitswelt, Gewalt, Leistungs- und Zeitdruck auf jedes Individuum, Familie, Autoritätsverhältnisse jeglicher Art. Ein "verborgenes" Thema ist Kafkas zwiespältiges Verhältnis zum Judentum, einem Judentum, das er in einer antisemitischen Umwelt erlebte.

4. In der Strafkolonie:

Wenn es wahr ist, daß "Kunst wie eine Uhr ist, die vorgeht (manchmal)" [Kafka], so weist diese Erzählung auf Phänomene totalitären Machtzugriffs auf den einzelnen voraus, wofür Auschwitz wie kein anderer Name steht. Aber sie auf eine prophetische Analyse des Kommenden zu beschränken, wird ihr nicht gerecht. Assoziationen ergeben sich auch zu anderen Themen:

- schrankenlose, brutale MACHT (wie sie sich auch in der absolutistisch-vorbürgerlichen Justiz manifestiert hat, in der der Verbrecher i)

- der KÖRPER als Objekt der Folter, aber auch anderer Machtbeziehungen: Foucaults Analyse des militärischen Exerzierens, des Schönschreibunterrichts in den Jesuitenschulen, der Anordnung von Menschen zu Blöcken in Kasernen und Schulen, die ständige Überwachung im Gefängnis - kurz: die Gesellschaft als ein Netzwerk von mehr oder minder anonymen Machtbeziehungen, die auch die Körper zurichten und in denen alle gefangen sind.

- MASCHINE - die Gesellschaft als zusammengesetzte Maschine, bei der "hin und wieder etwas reißt" - Maschine als Metapher für die Einwirkung der Macht auf den einzelnen.

- GERICHT/GERECHTIGKEIT/STRAFE - weniger zu sehen als Metaphern für die staatliche Justiz, als vielmehr als ständige Lebensbedingung des einzelnen im Netzwerk der Macht.

- SCHREIBEN/SCHRIFT: gleichgesetzt mit körperlicher Folter, schwer durchschaubar, erst nach 6 Stunden beginnt das "Begreifen" der Schrift durch Entzifferung mittels der Wunden. Schreiben war für Kafka lebensnotwendig, aber auch eine Folter.

Ein Hinweis: Felice Bauer, von der K. sich 1914 getrennt hat, arbeitete in einer Firma, die "Parlographen" herstellte: Sprache wird mittels eines zitternden Stichels in eine glatte Oberfläche geritzt - ob dieses autobiographische Faktum in die Erzählung eingegangen ist, ist nicht eindeutig zu bestimmen.

- EROTIK: verkappt, verborgen: die Damentaschentücher im Kragen des Offiziers, die Zuckersachen der Damen für den Verurteilten, das Spielen der Damen mit den Fingern des Reisenden, das Bett, das den Offizier "aufnimmt" - erotisch-sexuelle Anspielung durch die Wortwahl.

- YOM KIPPUR, der Versöhnungs- und höchste jüdische Feiertag: Er fiel in die Woche, in der K. die Erzählung verfaßte: Am Ende geht es um die Hoffnung auf die Wiederkunft des alten Kommandanten (Messias-Motiv), der aber zuvor als Vertreter des Terrors in der Strafkolonie fungierte.

5. Kafka-Rezeption: Je nach Zeitalter dominierten in der Rezeption Kafkas religiöse, existentialistische, psychoanalytisch-psychologische, textkritische, sozialpsychologische, sehr spät auch marxistische Motive, die aber alle das eine nicht leisten können: Kafkas Werk in eine eindeutige Botschaft zu "übersetzen".


Franz Kafka, In der Strafkolonie (1914)

Hintergrundmaterial (ausgewählt aus Klaus Wagenbach, Materialien zur Strafkolonie)

Übersicht

1. Chronik von 1914 (Auswahl):

24. Januar: ... als ich wieder einmal zu regelmäßiger Stunde aus dem Aufzug stieg, fiel mir ein, daß mein Leben mit seine immer tiefer ins Detail sich uniformierenden Tagen den Strafarbeiten gleicht, bei denen der Schüler je nach seiner Schuld zehnmal, hundertmal oder noch öfter den gleichen Satz aufzuschreiben hat, nur daß es sich bei mir um eine Strafe handelt, bei der es heißt: 'so oft, als du es aushältst'.

28. Feb./1. März: Kafka besucht Felice Bauer in Berlin, die ihm erklärt, warum sie ihn nicht heiraten möchte.

15. März: "Hinter Dostojewskis Sarg wollten die Studenten seine Ketten tragen. Er starb im Armenviertel, im vierten Stock eines Mietshauses. (T370)

29. Mai: Brief Dostojewskis an seinen Bruder über seinen Aufenthalt im Zuchthaus.

30. Mai: K. fährt mit seinem Vater zur offiziellen Verlobung mit Felice in Berlin.

6. Juni: "Aus Berlin zurück. War gebunden wie ein Verbrecher. Hätte man mich mit wirklichen Ketten in einen Winkel gesetzt und Gendarmen vor mich hin gestellt und mich nur auf diese Weise zuschauen lassen, es wäre nicht ärger gewesen. Und das war meine Verlobung ..." (T384)

24. Juni: Wie wir uns, Ottla und ich, austoben in Wut gegen Menschenverbindungen. (T404)

28. Juni: Ermordung des österreichischen Thronfolgers in Sarajewo. 12. Juli: Auflösung der Verlobung in Berlin. 28. Juli: Österreich-Ungarn erklärt Serbien den Krieg.

31. Juli: Es ist allgemeine Mobilisierung. Karl und Pepa (Schwager) sind einberufen. Jetzt bekomme ich den Lohn des Alleinseins. Es ist allerdings kaum ein Lohn, Alleinsein bringt nur Strafen. ... Aber schreiben werde ich trotz alledem, unbedingt, es ist mein Kampf um die Selbsterhaltung. (T418) ... In der Fabrik (der Familie): Die Mädchen in ihren an und für sich unerträglich schmutzigen und gelösten Kleidern, mit den wie beim Erwachen zerworfenen Frisuren, mit dem vomunaufhörlichen Lärm der Transmissionen und von der einzelnen, zwar automatischen, aber unberechenbar stockenden Maschine festgehaltenen Gesichtsausdruck, sie sind nicht Menschen.

6. August: Die Artillerie, die über den Graben (Hauptstraße in Prag) zog. Blumen, Heil- und Nazdarrufe. ... Ich entdecke in mir nichts als Kleinlichkeit, Entschlußunfähigkeit, Neid und Haß gegen die Kämpfenden, denen ich mit Leidenschaft alles Böse wünsche. ... Patriotischer Umzug, Rede des Bürgermeisters ... 'Es lebe unser geliebter Monarch, hoch!' Ich stehe dabei mit bösem Blick. Diese Umzüge sind eine der widerlichsten Begleiterscheinungen des Krieges.

August/September: Stellungskrieg in Nordfrankreich. 7. Oktober: Ich habe mir eine Woche Urlaub genommen, um den Roman vorwärtszutreiben. 15. Oktober: 14 Tage gute Arbeit, zum Teil vollständiges Begreifen meiner Lage.

Im vierzehntägigen Urlaub entstehen ein Kapitel aus dem Roman "Amerika" und die Erzählung "In der Strafkolonie".

2. Veröffentlichungsgeschichte:

Kafka an seinen Verleger Kurt Wolff: "Ihre freundlichen Worte über mein Manuskript sind mir sehr angenehm eingegangen. Ihr Aussetzen des Peinlichen trifft ganz mit meiner Meinung zusammen ... Zur Erklärung dieser letzten Erzählung füge ich nur hinzu, daß nicht nur sie peinlich ist, daß vielmehr unsere allgemeine und meine besondere Zeit gleichfalls sehr peinlich war und ist."

An Ottla: "Ich habe auf den Vorhalt des Vaters, daß ich 'Abnormales' unterstütze, nicht schlecht oder wenigstens verblüffend damit geantwortet, das Abnormale sein nicht das Schlechteste, denn normal sei z.B. der Weltkrieg."

Kurt Tucholsky: "Dieses schmale Buch ist eine Meisterleistung. Seit dem 'Michael Kohlhaas' ist keine deutsche Novelle geschrieben worden, die mit so bewußter Kraft jede innere Anteilnahme anscheinend unterdrückt. ... Die Macht hat hier keine Schranken. Diese Schrankenlosigkeit, hier bei Kafka ist sie geträumt und gestaltet. ... Nicht daran scheitert die Qual, daß etwa eine ganze Gesellschaft, die Ordnung, der Staat empört aufstünden, sie zu hindern, nein, die Ersatzteile der Maschine sind nicht in Ordnung, und der neue Kommandant der Strafkolonie ist, im Gegensatz zum alten, ein Modernist ... (Weltbühne, 3. Juni 1920)

3. Über Strafkolonien:

- Deportation und Verbannung in der Moderne von drei Staaten ausgeübt: England, Frankreich, Rußland. 1911 hatte Kafka an einer Gedenkfeier für die Pariser Kommune teilgenommen, er kannte also wohl den Verbannungsort der Kommunarden: Neukaledonien. In der Südsee verbreitet war die Sitte des Tätowierens, "indem man mit spitzen Instrumenten, Nadeln oder gezähnten Hämmerchen Punkte oder Einschnitte verschiedener Art in die Haut macht ..." Kafka hatte verschiedene Werke über Strafkolonien gelesen (Teufelsinsel, Andamanengruppe ...)

4. Apparate und Zwänge:

Kriegsgerät: Die Berichte über neues Kriegsgerät waren in den ersten Monaten umfangreich (Dum-Dum-Geschosse, Stahlpfeile, die aus Fluggeräten abgeworfen wurden, ...

Apparate in Heilanstalten: Rotatory-Maschine von J.M.Cox löste die Zwangsjacke ab.

Bürokratie: "Wer auch nur kurze Zeit in Rußland gelebt hat, den wird es geradezu frappieren, dass die Wurzel vieler Übel thatsächlich darin liegt, daß ein ungeheurer bureaukratischer Apparat das Staatsleben bedient und auch das Einzelleben in sein Räderwerk reisst ..." (N.Hoffmann, F.M. Dostojewski. Berlin, 1899. p.122). Hoffmanns Buch gehörte zur Lieblingslektüre Kafkas.

Fräsköpfe und Hobelmaschinen, mit deren Sicherheitstechnik sich Kafka beruflich als Beamter der AUVA beschäftigte.

Die Arbeiter-Unfall-Versicherungsanstalt: Unfallschutzversicherung war in langen Kämpfen von den Arbeitern durchgesetzt worden, Kafka hatte als Beamter mit den Unternehmern, die gegen die Einreihung ihrer Betriebe in bestimmte "Gefahrenklassen" (und damit in bestimmte Prämienstufen) Rekurs einlegten, zu tun. Der Prager Anstalt waren damals 200 000 Unternehmer mit 3 Millionen Arbeitern angeschlossen. "Das Schicksal des einzelnen Arbeiters wurde Kafka besonders klar bei der juristischen Bearbeitung der Unfallentschädigungen; die Arbeiter hatten ja keinen Anwalt, sie kamen direkt zu ihm mit Staublunge oder verstümmelten Gliedmaßen: "Wie bescheiden diese Menschen sind. Sie kommen uns bitten. Statt die Anstalt zu stürmen, und alles kurz und klein zu schlagen, kommen sie bitten." (Max Brod)

Traditionen der Brandmarkung: Die Strafe wurde entweder mit einem glühenden Eisen eingebrannt oder mit einem kalten Eisen eingekniffen wurde. "Eine Brandmarke richtig und deutlich auf den Körper zu setzen, hieß zierlich zeichnen. Diese Kunst war wichtig, weil die verschiedenen Brandmarken ein Vorstrafenregister darstellten. Ein erfahrener Scharfrichter brauchte den Delin-quenten nur zu entkleiden, um zu sehen, mit wem er es zu tun hatte." (Rauter, Folter-Lexikon, 1969)

5. Quellen:

Gustave Mirbeau (1850 - 1917): Der Garten der Foltern (Roman, 1899) handelt von einem Reisenden, der unterwegs ist, um die verschiedenen Systeme der Verwaltung von Strafkolonien zu studieren.

Edgar Allan Poe (1809 - 1849). Wassergrube und Pendel

Arthur Hollitscher, Ellis Island (Aufnahmestation der Immigranten in den USA)

Jiddische Theaterstücke, die Kafka gesehen hat: In "Elishe" ist der Held ein Aufklärer, der gegen die "alte Ordnung" der Thora kämpft, in "Bar-Kochba", einem Stück aus dem alten Rom, spielen zum Todeskampf in der Arena Militärkapellen, applaudieren Damen den Eisenspießen.

Francisco Ferrer, Schulreformer: "Es kamen Väter zu mir mit dem Sprichwort: 'La letra con sangre entra' (Buchstaben gehen hinein mit Blut); sie baten mich, ihre Kinder zu prügeln ..." (1923)


In der Strafkolonie - inhaltliche Analyse

(Ausgabe Kafkas Erzählungen, Fischer, S. 100 - 123)

100: unmittelbarer Einstieg mit direkter Rede (der Offizier O., der Reisende R.); emotionslose Bemerkung über die Exekution eines Soldaten, der der Reisende nur "aus Höflichkeit beiwohnt". Ort = verlassenes Tal - Offizier eifrig (bei Vorbereitung des Apparats), deshalb "ungemein ermattet" - R. macht Bemerkung "über Uniform, die für die Tropen zu schwer ist" - O. identifiziert sie mit "Heimat", konzentriert sich aber auf den Apparat, der "nun von selbst arbeitet"

101: Beschreibung des Apparats als "Erfindung des früheren Kommandanten", der die ganze Kolonie "unveränderlich eingerichtet hat" - Teile des Apparats (Bett, Zeichner, Egge) - R. etwas unaufmerksam, wie der Soldat S. (wegen der Sonne, sie "verfing sich allzu stark in dem schattenlosen Tal").

102: O. spricht französisch (was weder V. noch S. verstehen) - V. scheint den Ausführungen trotzdem folgen zu wollen - Erklärung der Funktionsweise des Apparats: Bett (mit präparierter Watte), Filzstumpf, - "Der R. war schon ein wenig für den Apparat gewonnen" - Bett und Zeichner wie Truhen, zwischen denen "an einem Stahlband die Egge schwebt".

103: Apparat aus Heilanstalten - Egge vollstreckt Urteil - Urteil selber: O. erstaunt und wütend über Nichtwissen des R. und Methoden des neuen Kommandanten - der alte Kommandant vereinigte alles in sich: "War er Soldat, Richter, Konstrukteur, Chemiker, Zeichner?" - Urteil "klingt nicht streng": Es wird dem V. auf den Leib geschrieben.

104: V. kennt weder Urteil, noch daß er verurteilt wurde, noch wurde er verteidigt - O. läuft Gefahr, in der Erklärung des Apparates lange aufgehalten zu werden: O. ist Richter mit dem Grundsatz: "Die Schuld ist immer zweifellos!", was für andere Gerichte nicht möglich ist, da "sie vielköpfig sind und wieder höhere Gerichte über sich haben".

105: Vergehen des V. - Vernehmung/Zeugen schaffen nur Verwirrung - Egge entspricht der Form eines Menschen - R. über Gerichtsverfahren nicht zufrieden - O. durch Frage nach Komandanten "peinlich" berührt -

106: Arbeit der Egge: stechen und schreiben "Nun beginnt das Spiel" - Egge aus Glas mit langen/kurzen Nadeln (zum Schreiben, Wasser spritzen) - auch der V. folgt den Erklärungen des O. (was R. zu seinem Schrecken sieht - das was "wahrscheinlich strafbar") - V. wird von S. zurückgerissen

107: R. wird von V. abgelenkt - Zeichner enthält Räderwerk - O. zeigt R. die Pläne des alten K. (die er nicht berühren darf!) - R. kann sie nicht lesen - "Es soll keine einfache Schrift sein, sie soll ja nicht sofort töten, sondern durchschnittlich erst nach einem Zeitraum von 12 Stunden; für die sechste Stunde ist der Wendepunkt berechnet." - Urteil besteht aus Schrift und Verzierungen - Vorführung: "Hätte das Rad nicht gekreischt, alles wäre herrlich gewesen."

108: Ablauf der Exekution - Schreiben/Wenden/Drehen/ - zuerst nur Schmerzen/um die 6. Stunde verliert er "das Vergnügen am Essen" - "Verstand geht dem Blödesten auf. Um die Augen beginnt es. Von hier aus verbreitet es sich. Ein Anblick, der einen verführen könnte, sich mit unter die Egge zu legen." - Schrift wird mit den Wunden entziffert - dies braucht sechs Stunden zu seiner Vollendung. - V. wird entkleidet und unter die Egge gelegt.

109: O. blickt R. forschend an - Mittel zur Erhaltung der Maschine sind sehr eingeschränkt - R. überlegt sich, ob er eingreifen solle, den die Unmenschlichkeit des Verfahrens sind zweifellos.

110: Man scheint Urteil des R. über das Verfahren zu erwarten - Wutschrei des O.: V. hat sich erbrochen; man soll einen Tag vor der Exekution "kein Essen mehr verabreichen" - Damen stopfen V. mit Zuckerzeug voll - O. will im Vertrauen mit R. sprechen: Verfahren hat keine Anhänger mehr -

111: Exekution früher: Publikum, gut geölte Maschine, alle wollen die sechste Stunde aus der Nähe betrachten - v.a. die Kinder

112: R. wird wegen seiner europ. Anschauungen eingreifen - O. versucht ihn davon abzuhalten -

113: Kommandant im Kreise der Damen (auf einer Galerie) verkündet Ende der Maschine - O. und Werk des Kommandanten sind verloren - R. lächelt bei diesem Gedanken

114: R. verweigert Intervention - O. bittet ihn weiterhin darum

115: Beratungen in der Kommandatur - O. will Exekution zur Sprache bringen (neben "Hafenbauten") - R. soll an die Brüstung treten -

116: widersprüchliche Bitten an den R.: brüllen, ein paar Worte sagen, flüstern - O. hat die letzten Sätze geschrien - R. antwortet "Nein!" -

117: R. will mit Kommandanten unter vier Augen reden - "Das Verfahren hat sie also nicht überzeugt," sagte er für sich und lächelte, wie ein Alter über den Unsinn eines Kindes lächelt und hinter dem Lächeln sein eigenes wirkliches Nachdenken behält." - V. wird freigelassen - O. zeigt dem R. noch einige Blätter aus der Mappe -

118: "Sei gerecht!" - O. ordnet Räderwerk um - R. sehr aufmerksam - O. will sich Hände waschen, im Kübel ist aber der Schmutz der Kleider des V. - beginnt sich zu entkleiden -

119: O. handelt vollkommen folgerichtig - das Gerichtsverfahren war zu Ende - V. ist zufrieden: das ist die Rache - die Maschine bewegt sich schon

120: O. wird von V. und S. angeschnallt, obwohl diese die Kurbel nicht hätten finden können - Maschine legt los - V. interessiert sich sehr für Maschine, dem R. ist das "peinlich", er schickt die beiden weg - Maschine beginnt sich zu zerstören -

121: die Maschine schreibt nicht mehr, sondern sticht nur mehr, sie foltert nicht, sondern sie mordet - viel früher als sonst wird der O. getötet: "es war, wie es im Leben gewesen war (kein Zeichen der versprochenen Erlösung war zu entdecken), was alle anderen in der Maschine gefunden hatten, der O. fand es nicht; die Lippen waren fest zusammengedrückt, die Augen waren offen, hatten den Ausdruck des Lebens, der Blick war ruhig und überzeugt, durch die Stirn ging die Spitze des großen eisernen Stachels."

122 f.: R. geht zurück ins Teehaus, zum Grab des alten Kommandanten, dem ein kirchl. Begräbnis verweigert worden war - kleine Grabinschrift mit messianischem Inhalt - die Seeleute taten, als ob sie Komplizen wären - R. verteilt einige Münzen und geht zum Hafen - V. und S. wollen ihm folgen, er nimmt sie aber nicht mit.

In der Strafkolonie (1914/1919) - eine seltsam-widersprüchliche Welt

"Kunst ist ein Spiegel, der 'vorausgeht' wie eine Uhr - manchmal."

"Das Gewöhnliche selbst ist ja schon ein Wunder! Ich zeichne es nur auf. Möglich, daß ich die Dinge ein wenig beleuchte, wie der Beleuchter auf einer halbverdunkelten Bühne. Das ist aber nicht richtig! In Wirklichkeit ist die Bühne gar nicht verdunkelt. Sie ist voller Tageslicht. Darum schließen die Menschen die Augen und sehen so wenig."

Sprache:

"Es ist ein eigentümlicher Apparat," sagte der Offizier zu dem Forschungsreisenden und überblickte mit einem gewissermaßen bewundernden Blick den ihm doch wohlbekannten Apparat. (100)

Der Reisende: "Er war im Grunde ehrlich und hatte keine Furcht." (112)

"Das Verfahren hat sie also nicht überzeugt", sagte er für sich und lächelte, wie ein Alter über den Unsinn eines Kindes lächelt und hinter dem Lächeln sein eigenes wirkliches Nachdenken behält. (117)

Nun treten Sie an die Brüstung. Legen Sie die Hände für alle sichtbar hin, sonst fassen sie die Damen und spielen mit den Fingern. (115)

Er sprang auf die Leiter, drehte ein Rad. und rief hinunter: "Achtung, treten Sie zur Seite!", und alles kam in Gang. Hätte das Rad nicht gekreischt, es wäre herrlich gewesen. (107)

... erkannte zu spät den widerlichen Schmutz, war traurig darüber, daß er nun die Hände nicht waschen konnte, tauchte sie schließlich - dieser Ersatz genügte ihm nicht, aber er mußte sich fügen - in den Sand, stand dann auf und begann seinen Uniformrock aufzuknöpfen. ... Er hatte die Hand der Egge nur genähert, und sie hob und senkte sich mehrmals, bis sie die richtige Lage erreicht hatte, um ihn zu empfangen." (118 f.))

Du bist ein Fremder, sei still. Darauf hätte er nichts erwidern, sondern nur hinzufügen können, daß er sich in diesem Falle selbst nicht begreife, denn er reise nur mit der Absicht zu sehen und keineswegs etwa, um fremde Gerichtsverfassungen zu ändern. Nun lagen aber hier die Dinge allerdings sehr verführerisch. (109)

Traditionen und Zeitbezüge:

"Haben Sie von unserem früheren Kommandanten gehört?" ... Wir, seine Freunde, wußten schon bei seinem Tod, daß die Einrichtung der Kolonie so in sich geschlossen ist, daß sein Nachfolger, und habe er tausend Pläne im Kopf, wenigstens während vieler Jahre nichts von dem Alten wird ändern könnnen. Unsere Voraussagen sind eingetroffen; der neue Kommandant hat er erkennen müssen." (101)

"Wird der Kommandant der Exekution beiwohnen?" "Es ist nicht gewiß", sagte der Offizier, durch die unvermittelte Frage peinlich berührt, und seine freundliche Miene verzerrte sich. "Gerade deshalb müssen wir uns beeilen. ..." (105)

... wie der neue Kommandant behauptet, dem alles nur zum Vorwand dient, alte Einrichtungen zu bekämpfen ... (109)

"Habe ich nicht stundenlang dem Kommandanten begreiflich zu machen versucht, daß am Tag vor der Exekution kein Essen mehr verabfolgt werden soll. Aber die neue milde Richtung ist anderer Meinung. Die Damen des Kommandanten stopfen dem Mann, ehe er abgeführt wird, den Hals mit Zuckersachen voll ..." (110)

"Wie lautet denn das Urteil?" fragte der Reisende. "Sie wissen auch das nicht?" fragte der Offizier erstaunt und biß sich auf die Lippen. ... Die Erklärungen pflegte früher der Kommandant zu geben; der neue Kommandant hat sich dieser Ehrenpflicht entzogen, daß er jedoch einen so hohen Besuch ... nicht einmal von der Form unseres Urteils in Kenntnis setzt, ist wieder eine Neuerung, die ...(103)

Gerichtsbarkeit:

"Unser Urteil klingt nicht streng. Dem Verurteilten wird das Verbot, das er übertreten hat, auf den Leib geschrieben ... Es wäre nutzlos, es ihm zu verkünden. Er erfährt es ja auf seinem Leib." (103 f.)

"Der Grundsatz, nach dem ich entscheide, ist: Die Schuld ist immer zweifellos. Andere Gerichte können diesen Grundsatz nicht befolgen, denn sie sind vielköpfig und haben auch noch höhere Gerichte über sich." (104)

"Wie still aber wird der Mann um die sechste Stunde. Verstand geht dem Blödesten auf. Um die Augen beginnt es. Von hier aus verbreitet es sich. Ein Anblick, der einen verführen könnte, sich selbst unter die Egge zu legen. Es geschieht ja nichts weiter, der Mann fängt bloß an, die Schrift zu entziffern, er spitzt den Mund, als horche er." (108)

Früher: "Und nun begann die Exekution. Kein Mißton störte die Arbeit der Maschine. Manche sahen gar nicht mehr zu, sondern lagen mit geschlossenen Augen im Sand; alle wußten: Jetzt geschieht Gerechtigkeit." (111)

"Die Maschine ist sehr zusammengesetzt, es muß hie und da etwas reißen oder brechen. Dadurch darf man sich aber im Gesamturteil nicht beirren lassen." (109)

Perspektive:

Hiebei sah er fast gegen seinen Willen das Gesicht der Leiche: Es war, wie es im Leben gewesen war: (kein Zeichen der versprochenen Erlösung war zu entdecken:) was alle anderen in der Maschine gefunden hatten, der Offizier fand es nicht; die Lippen waren fest zusammengedrückt, die Augen waren offen, hatten den Ausdruck des Lebens, der Blick war ruhig und überzeugt, durch die Stirn ging die Spitze des großen eisernen Stachels. (121)


Kafka: Das Urteil

Übersicht

Themen: Verdrängung (G. vergißt sofort alles)

Unfähigkeit zur Ehe - Unsicherheit über Ehe

Vater-Sohn-Beziehung

Wer ist dieser Freund? (Georgs zweites Ich?)

Vater segnet/verflucht/verurteilt zum Tod

drei Beziehungsdreiecke:

Georg - Vater - Mutter

---> als die Mutter starb, wird der Vater schwächer und Georg blüht auf (zumindest im Geschäft). Schlußendlich entschließt er sich zur Heirat

"Wie lange hast du gezögert, ehe du reif geworden bist! Die Mutter mußte sterben, sie konnte den Freudentag nicht erleben, der Freund geht zugrunde in Rußland, schon vor drei Jahren war er gelb zum Wegwerfen, und ich, du siehst ja, wie es mit mir steht. Dafür hast du doch Augen." (31)

"Seit dem Tod unserer teuren Mutter sind gewisse unschöne Dinge vorgegangen. ... Im Geschäft entgeht mir manches, es wird mir vielleicht nicht verborgen - ich will jetzt gar nicht die Annahme machen, daß es mir verborgen wird-, ich bin nicht mehr kräftig genug, mein Gedächtnis läßt nach, ich habe nicht mehr den Blick für alle die vielen Sachen. Das ist erstens der Ablauf der Natur, und zweitens hat mich der Tod unseres Mütterchens viel mehr niedergeschlagen als dich."

Georg - Braut - Freund

Freund: in der Ferne, unfähig und unwillig zur Rückkehr; die Braut wünscht sich, ihn bei der Hochzeit kennenzulernen. Georg weicht aus, die Existenz des Freundes scheint überhaupt sehr unsicher. Es gibt Hinweise, daß der Freund das andere Ich von Georg vertritt.

"Wenn du solche Freunde hast, Georg, hättest du dich überhaupt nicht verloben sollen." (25)

'Hast du wirklich diesen Freund in Petersburg?' Georg stand verlegen auf. 'Lassen wir meine Freunde sein. Tausend Freunde ersetzen mir nicht meinen Vater.' (28)


Georg - Vater - Freund

Vater hat sich mit dem Freund gegen Georg verbündet.

Aber der Freund ist nun doch nicht verraten! rief der Vater, ... ich war sein Vertreter hier am Ort.

Ich bin noch immer der viel Stärkere. Allein hätte ich vielleicht zurückweichen müssen, aber so hat mir die Mutter ihre Kraft gegeben, mit deinem Freund habe ich mich herrlich verbunden, deine Kundschaft habe ich hier in der Tasche."

Wohl kenne ich deinen Freund, er wäre ein Sohn nach meinem Herzen. Darum hast du ihn auch betrogen die ganzen Jahre lang. Warum sonst? Glaubst du, ich habe nicht um ihn geweint? ... Georg sah zum Schreckbild seines Vaters hoch. Der Petersburger Freund, den der Vater plötzlich so gut kannte, ergriff ihn, wie noch nie. (29 f.)


Kafka: Die Verwandlung (1912)

Übersicht

Arbeitsfragen:

1) Welche Haltung nimmt Gregor Samsa gegenüber seiner Verwandlung ein (von Anfang bis Ende!)

2) Die Reaktion der Umwelt auf seine Verwandlung

3) Welche "Verwandlungen" vollziehen sich im Verhältnis der Familienmitglieder zueinander?

4) Welche biographischen Bedingungen Kafkas lassen Parallelen zur vorliegenden Erzählung erkennen? (Beilage)

5) Mit welchen sprachlichen Mitteln verstärkt Kafka die Irritation des Lesers? (Einstieg durch Vorlage der eigenen Randnotizen erleichtern)

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Zu 3) Zunächst unauffällige, "normale" Familie: Sohn Gregor als Familienerhalter, umgeben von Vater, Mutter, Schwester (beachte S.21/22). Sein Liegenbleiben (= nicht die Norm) sorgt sofort für Beunruhigung, am deutlichsten bei der Schwester ("klagte leise", "..mach auf, ich beschwöre dich").

Nach anfänglichem Entsetzen (aber ohne tiefere Betroffenheit oder wirkliche Trauer) bewirkt die Verwandlung eine Dynamisierung der Familienmitglieder: Der Vater entwickelt Aktivitäten, kleidet sich neu, Mutter und Tochter rücken näher aneinander.

Im weiteren Verlauf der Handlung kristallisiert sich die Tiefenstruktur der Familiensituation heraus (FOLIE)

Zu 4) Siehe nächste Seite

Zu 5) a) Dem Inhalt nicht angemessene Wortwahl und "Reflexion":

"Sein Zimmer .. lag ruhig .. wohlbekannte Wände .. Musterkollektion von Tuchwaren .." - "Dies frühzeitige Aufstehn .. macht einen ganz blödsinnig."

b) Phrasen:

"Der Mensch muß seinen Schlaf haben."

"Nur sich nicht im Bett unnütz aufhalten."

"Haben Sie die Güte, .. mich dem Herrn Chef zu empfehlen!"

c) Rhetorische Fragen (ohne Konsequenzen):

"Wie nun, wenn er sich krank meldete?" (S.21)

"Hätte er wirklich um Hilfe rufen sollen?" (S.24u)

d) Konditionalsätze mit Konj.Irrealis (ständige Zurücknahme):

"Wenn ich nicht .., ich hätte .., ich wäre ..." (S.20 etc.)

e) Modalverben deuten Möglichkeiten an, die sofort negiert werden:

"Zuerst wollte er .., aber .."

"Er versuchte es daher .. Aber als .." (S.23)

f) Die Irritation des Lesers wird - übergreifend - dadurch manifest, daß er nicht mehr von der Entwicklung erkennen kann als Gregor selbst: KAFKA löst sich von der Perspektive des allwissenden Erzählers und macht den Erlebnishorizont der Hauptfigur zum vorherrschenden Erzählprinzip.