Thomas Mann, Mario und der Zauberer (1930)

Übersicht

Vom 31.8. bis 13.9.1926 machte Thomas Mann mit seiner Frau und den beiden jüngsten Kindern Urlaub in der Pension Regina in Forti dei Marni, einem bekannten Badeort.

 

  • "Unser Aufenthalt geht hier zu Ende, am 11. reisen wir ab. Wir haben Licht und Wärme in Überfülle gehabt, und die Kinder waren glückselig am Strande und im warmen Meer. An kleinen Widerwärtigkeiten hat es anfangs auch nicht gefehlt, die mit dem derzeitigen unerfreulichen überspannten und fremdenfeindlichen nationalen Gemütszustand zusammenhingen, und uns belehrten, daß man jetzt nicht gut tut, einen Badeort dieses Landes in der rein italienischen Hochsaison aufzusuchen. ... Natürlich hat das eigentliche Volk seine Liebenswürdigkeit bewahrt und steht geistig nicht unter dem blähenden Einfluß des Duce. ..." (Brief an Hugo von Hofmannsthal, 7.9.1926)
  • Fragen zum Text:

    1. Wie wird Cipolla geschildert?

  • p. 90/letzter Absatz - 93/oben: Kleidung, Physignomie, Charakter

    p. 95 - 96/Mitte: Auffassungen

    p. 97: körperlicher Zustand

  • 2. Welche Auffassungen stehen hinter den "Kunststücken" Cipollas?

  • p. 98/unten: Wen ruft der Zauberer auf die Bühne?

    p. 106 ff.: Welche ethischen Kategorien spielen hier eine Rolle? Welche Wirklichkeitsbereiche werden in der Vorstellung Cipollas berührt? (bis 108)

  • 3. Inwiefern werden die Kunststücke Cipollas in den Augen des Ich-Erzählers zum Skandal? Warum? Welche Menschenbilder stehen einander gegenüber?

  • p. 115 f.: Sg. Angiolieri - was spielt keine Rolle mehr?

    p. 118 f.: der junge Signore aus Rom - woran scheitert sein Widerstand?

    p. 120 ff.: Mario - wie wird das Ende kommentiert?

  • 4. Wie wurde die Erzählung vom Autor verstanden und vom Publikum aufgenommen? (Vgl. Lesezeichen 4/Arbeitsbuch):

  • p. 36 - 39: Thomas Mann, Kantorowics, Bab, ital. Regierung, Lukacs, Mayer

  • Thomas Mann *Lübeck 6.6. 1875, †Zürich 12.8. 1955, dt. Schriftsteller. 1896-98 mit seinem Bruder Heinrich M. Aufenthalt in Italien; 1898/99 Redakteur des ›Simplicissimus‹; ab 1905 verh. mit Katia M., geb. Pringsheim; zunächst Verteidiger des kriegführenden Wilhelmin. Reiches (›Betrachtungen eines Unpolitischen‹, 1918) bekannte er sich nach 1922 zur Republik. Lebte 1933-39 in der Schweiz (1936 ausgebürgert), 1939-52 in den USA (ab 1944 amerikan. Staatsbürger), 1949 Reise in das geteilte Deutschland (Verleihung der Goethe-Preise der Städte Frankfurt am Main und Weimar), ab 1954 in Kilchberg bei Zürich.- In der Tradition der großen Realisten des 19.Jh. stehend, gehört sein Erzählwerk zur Weltliteratur des 20.Jh. Von den frühen Novellen (Tonio Kröger, Der Tod in Venedig‹, 1912) bis zu seinem Alterswerk (›Doktor Faustus. Das Leben des dt. Tonsetzers Adrian Leverkühn erzählt von einem Freunde‹, R. 1947) reflektiert M. mit deutl. Bezug auf die Philosophie Nietzsches und unter Einsatz der Technik des Leitmotivs das Spannungsverhältnis zw. humanist. Aufklärung und ästhetisierendem Verfallsdenken oder den Widerspruch zw. bürgerl. Leben und Kunst. Für seinen ersten Roman ›Buddenbrooks. Verfall einer Familie‹ (1901) erhielt er 1929 den Nobelpreis; auch zahlr. Essays zu literar., philosoph. und polit. Fragen.(u.a. ›Achtung Europa! Aufsätze zur Zeit‹, 1938). Weitere Werke: Königl. Hoheit (R., 1909), Joseph und seine Brüder (R.-Tetralogie, 1933-43), Lotte in Weimar (R., 1939), Der Erwählte (1951), Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull (Teildruck 1922, vollständig 1954), Tagebücher (hg. 1977 - 1992)

     

    Beantwortung der Fragen zu "Mario und der Zauberer":

    1. Cipolla:

  • a) beim 1. Auftauchen scheinbare Eile, Fiktion des Von-außen-her-Eintreffens; nicht mehr jung; scharfes, zerrüttetes Gesicht, stechende Augen, Schnurrbärtchen und "Fliege"; Radmantel, atlasgefütterte Pelerine, Schärpe, weiße Handschuhe, weißer Schal, Zylinder; Kleidung sitzt ihm falsch am Körper. Reitpeitsche mit Klauengriff am Unterarm

    >>> strenge Ernsthaftigkeit, übellauniger Stolz, Selbstgefälligkeit, keinerlei Dienstfertigkeit

    >>> Typus des Scharlatans und Possenreißers, reklamehaft-phantastische Narretei

    >>> scharfer Blick ins Publikum, überlegene Prüfung der Anwesenden, arrogante Grimassen, schweigendes Rauchen einer Zigarette. Likör und Zigarette erhalten Energie und Spannkraft (107)

    b) >>> Rachsucht, zähe Empfindlichkeit und Animosität, Gehässigkeit gegenüber Giovanetto im Widerspruch zur scheinbaren Überlegenheit; höhnisch-entwürdigendes Verhalten (105)

    >>> nationalist.-faschist. Auffassungen: Bedauern über "Leibesschaden", der am Dienst für’s Vaterland hindert, Eigenwerbung

    c) Leibesschaden = Gesäßbuckel ===> grotesker Gang; offensive Erwähnung der Behinderung

  • 2. Auffassungen hinter den "Kunststücken":

  • a) er hält sich ans Volk, nicht an die höhergestellten Personen im Publikum

    b) Frage des eigenen Willens und der Freiheit - beide existieren, aber die Willensfreiheit (lt. Cipolla) nicht ===> aus der Rede folgt seelische Verwirrung: trotz großer und unbestreitbarer Erfolge herrschen beim Ich (wie auch im Saal) Antipathie und stille Empörung.

    >>> Magnetismus, Intuition = niedrige Form der Offenbarung, über- bzw. untervernünftig, zweideutig-unsauberer und unentwirrbarer Charakter des Okkulten, das zweifellos existiert, sich aber in seinen Trägern sehr oft mit Mogelei und Humbug vermischt, der Aufklärung und Rationalität, der menschlichen Zivilisiertheit eigentlich widerspricht.

    >>> Willensausschaltung beim Gesellschaftsspiel : Das absolute Gehorchen ist nur die Kehrseite des absoluten Befehlens, wie sie sich im Verhältnis zwischen Volk und Führer zeigt - Cipolla ist dabei der Führer, der etwas leisten muß, denn in seiner Leistung "wird der Wille Gehorsam und Gehorsam Wille".

  • 3. Skandal:

  • a) Signora Angiolieri: Erinnerung an die Duse in der Person Cipollas macht sich unempfänglich für den Anruf ihres Mannes, ihre Seele ist taub für die Tugend und nur mehr empfänglich für den Zauber: Ohnmächtig verhallt die Stimme von Liebe und Pflicht, es gibt Mächte, die stärker sind als Vernunft und Tugend!

    b) Der junge Römer = will die Ehre des Menschengeschlechts heraushauen, Cipolla hat Mühe, "die Willensfeste zu berennen", aber der junge Herr scheitert am Willen, etwas nicht tun zu wollen: "Wahrscheinlich kann man vom Nichtwollen seelisch nicht leben", denn etwas nur nicht wollen >>> die Freiheitsidee gerät ins Gedränge

    c) Mario: Thema Liebe und Entblößung der Intimität - er küßt ihn - der Augenblick ist grotesk, spannend, ungeheuerlich - der Mord ist schrecklich, aber auch befreiend!

  • 4. Rezeption: (vgl. Arbeitsbuch LZ, 36 - 39)

     

  • "Der Leser gehört mit zum Text, den er versteht" (Hans Georg Gadamer).
  • Interpretationen eines Werkes können sehr verschieden sein, denn sie sind abhängig vom Interpreten, aber auch vom Zeitpunkt der Interpretation.

    Thomas Mann (1930): reales Erlebnis, aber ohne katastrophalen Ausgang >>> eine Bemerkung der Tochter Erika ("Ich hätte mich nicht gewundert, wenn er ihn niedergeschossen hätte!") bewirkt, daß der Vorgang zur Novelle wurde.

    A. Kontorovics (1930): unpolitisch-kulinarische Art des Verstehens. Der Autor schildere Allgemeingültiges (Allgemein-Menschliches), keine direkt politischen Anspielungen.

    Thomas Mann (1932): "Was ‘Mario und der Zauberer’ betriftt, so sehe ich es nicht gern, wenn man diese Erzählung als politische Satire betrachtet." >>> es gibt zwar politische Anspielungen, aber es geht mehr um Ethisches.

    Julius Bab (1930): Wichtigkeit der Schilderung der Atmosphäre, Ärger, Gereiztheit, Überspannung, d.h. die Luft des faschistischen Italiens: posierende Großartigkeit, nationalistische Unduldsamkeit, tyrannische Gewalttätigkeit. >>> Cipolla = Karikatur des großen Mannes, der heute "mit etwas, aber nicht sehr anderen Mitteln sein ganzes Volk und die halbe Welt in Suggestion hält. ... Wenn Mussolini etwas von Kunst verstände, dann müßte er diese Novelle in Italien verbieten lassen."

    Thomas Mann (am 12.5.1930): "Die Brennergrenze werde ich wohl nicht mehr überschreiten dürfen." In Italien wurde die Erzählung verboten.

    Thomas Mann (1941): Cipolla ist nicht die Karikatur Mussolinis, aber die Erzählung hat einen entschieden "moralisch-politischen Sinn". >>> Tendenz der Novelle gegen menschliche Entwürdigung und Willenszwang wurde in der vorhitlerischen Periode in Deutschland auch deutlich empfungen.

    Georg Lukacz (kommunistischer Literaturwissenschaftler): politischer Sinn der Novelle

    >>> der junge Herr aus Rom unterliegt Cipolla, weil er dem Zauberer nur ein bloßes Nein, die reine Negation entgegenzustellen vermag. Thomas Mann zeigt, daß der "Macht der Finsternis ... eine inhaltlich positive Kraft des Guten entgegengestellt werden muß, wenn eine Aussicht auf Erfolg bestehen soll."

    Hans Mayer (marxistisch Literaturwissenschaftler): politisch-pädagogischer Sinn der Novelle

    >>> Der Faschismus ist greisenhaft und böse, in jeglicher Gestalt. Novelle = italienisches Beispiel für deutsche Zuhörer.