Brecht, Schriften zum Theater

Übersicht

Dramatische Form des Theaters

  • handelnd

    verwickelt den Zuschauer in eine Bühnenaktion

    verbraucht seine Aktivität

    ermöglicht ihm Gefühle

    Erlebnis

    Der Zuschauer wird in etwas hineinversetzt

    Suggestion

    Die Empfindungen werden konserviert

    Der Zuschauer steht mittendrin, miterlebt

    Der Mensch als bekannt vorausgesetzt

  • Der unveränderliche Mensch

  • Spannung auf den Ausgang

    Eine Szene für die andere

    Wachstum

    Geschehen linear

    evolutionäre Zwangsläufigkeit

    Der Mensch als Fixum

    Das Denken bestimmt das Sein

  • Gefühl

    Der Zuschauer des dramatischen Th. sagt:

    Ja, das habe ich auch schon gefühlt!

    So bin ich.

    Das ist nur natürlich!

    Das wird immer so sein.

    Das Leid dieses Menschen erschüttert mich, weil es keinen Ausweg für ihn gibt.

    Das ist große Kunst: da ist alles selbstverständlich.

    Ich weine mit den Weinenden,

    ich lache mit den Lachenden.

    Epische Form des Theaters

  • erzählend

    macht den Zuschauer zum Betrachter, aber

    weckt seine Aktivität

    erzwingt von ihm Entscheidungen

    Weltbild

    er wird gegenübergesetzt

    Argument

    werden bis zu Erkenntnissen getrieben

    Der Zuschauer steht gegenüber, studiert

    Der Mensch ist Gegenstand der Untersuchung

  • Der veränderliche und verändernde Mensch

  • Spannung auf den Gang

    Jede Szene für sich

    Montage

    in Kurven

    Sprünge

    Der Mensch als Prozeß

    Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Denken

    Ratio

  • Der Zuschauer des epischen Theaters sagt:

    Das hätte ich nicht gedacht.

    So darf man es nicht machen.

    Das ist höchst auffällig, fast nicht zu glauben.

    Das muß aufhören.

    Das Leid dieses Menschen erschüttert mich, weil es doch einen Ausweg gäbe. Das ist große Kunst, da ist nichts selbstverständlich.

    Ich lache über den Weinenden,

    und ich weine über den Lachenden

     

    Der V-Effekt

    Es handelt sich [dabei] um Versuche, so zu spielen, daß der Zuschauer gehindert wurde, sich in die Figuren des Stücks lediglich einzufühlen. Annahme oder Ablehnung ihrer Äußerungen oder Handlungen sollten im Bereich des Bewußtseins, anstatt wie bisher im Bereich des Unterbewußtseins des Zuschauers erfolgen. [...] Der V-Effekt wurde im deutschen epischen Theater nicht nur durch den Schauspieler, sondern auch durch die Musik (Chöre, Songs) und die Dekoration (Zeigetafeln, Film usw.) erzeugt. Er bezweckte hauptsächlich die Historisierung der darzustellenden Vorgänge (während das bürgerliche Theater an seinen Vorgängen hauptsächlich das Zeitlose herausarbeitet!) Es handelt sich dabei um eine Technik, mit der darzustellenden Vorgängen zwischen Menschen der Stempel des Auffallenden, des der Erklärung Bedürftigen, nicht Selbstverständlichen, nicht einfach Natürlichen, verliehen werden kann. Der Zweck des Effekts ist es, dem Zuschauer eine fruchtbare Kritik vom gesellschaftlichen Standpunkt aus zu ermöglichen. (...)

    Um V-Effekte hervorzubringen, muß der Schauspieler alles unterlassen, was er gelernt hatte, um die Einfühlung des Publikums in seine Gestaltungen herbeiführen zu können. Nicht beabsichtigend, sein Publikum in Trance zu versetzen, darf er auch sich selber nicht in Trance versetzen. ... Seine Sprechweise sei frei von pfäffischem Singsang und jenen Kadenzen, die die Zuschauer einlullen, so daß der Sinn verlorengeht. ... In keinem Augenblick läßt er es zu einer restlosen Verwandlung in die Figur kommen. Ein Urteil: "er spielt den Lear nicht, er ist der Lear", wäre für ihn vernichtend. Er hat seine Figur lediglich zu zeigen, oder besser gesagt:, nicht nur lediglich zu erleben. ( ...)

    Dennoch muß ich gestehen, so schlimm es klingen mag, daß ich ohne die Benutzung einiger Wissenschaften als Künstler nicht auskomme. Das mag vielen ernste Zweifel an meinen künstlerischen Fähigkeiten erregen. Sie sind es gewöhnt, in Dichtern einzigartige, ziemlich unnatürliche Wesen zu sehen, die mit wahrhaft göttlicher Sicherheit Dinge erkennen, welche andere nur mit großer Mühe und viel Fleiß erkennen können. (...) Was immer an Wissen in einer Dichtung stecken mag, es muß völlig umgesetzt sein in Dichtung. Seine Verwertung befriedigt eben gerade das Vergnügen, welches vom Dichterischen bereitet wird. (...)

    Dem Wesen des epischen Theaters entspricht die Darstellung gesellschaftlicher Prozesse durch den epischen Bericht und die parabelhafte Demonstration von menschlichen Zuständen. Die Stücke zwingen zum Denken: Durch die Erkenntnis und die Verbreitung der Wahrheit soll die Welt verändert werden.

     

    Bertolt Brecht: Das epische Theater

    Ist das epische Theater etwa eine "moralische Anstalt"?

    Nach Friedrich Schiller soll das Theater eine moralische Anstalt sein. Als Schiller diese Forderung aufstellte, kam es ihm nicht in den Sinn, daß er dadurch, daß er von der Bühne herab moralisierte, das Publikum aus dem Theater treiben könnte. Zu seiner Zeit hatte das Publikum nichts gegen das Moralisieren einzuwenden. Erst später beschimpfte ihn Friedrich Nietzsche als den Moraltrompeter von Säckingen. Nietzsche schien die Beschäftigung mit Moral eine trübselige Angelegenheit, Schiller erblickte darin eine durchaus vergnügliche. Er kannte nichts, was amüsanter und befriedigender sein konnte, als Ideale zu propagieren. Das Bürgertum ging daran, die Ideen der Nation zu konstituieren. Sein Haus einrichten, seinen eigenen Hut loben, seine Rechnungen präsentieren ist etwas sehr Vergnügliches. Dagegen ist vom Verfall seines Hauses reden, seinen alten Hut verkaufen zu müssen, seine Rechnungen bezahlen wirklich eine trübselige Angelegenheit, und so sah Friedrich Nietzsche ein Jahrhundert später die Sache. Er war schlecht zu sprechen auf Moral und also auch auf den ersten Friedrich.

     

    Auch gegen das epische Theater wandten sich viele mit der Behauptung, es sei zu moralisch. Dabei traten beim epischen Theater moralische Erörterungen erst an zweiter Stelle auf. Es wollte weniger moralisieren als studieren. Allerdings, es wurde studiert, und dann kam das dicke Ende nach: die Moral von der Geschichte. Wir können natürlich nicht behaupten, wir hätten uns aus lauter Lust zu studieren und ohne anderen, handgreiflicheren Anlaß ans Studium gemacht und seien dann durch die Resultate unseres Studiums völlig überrascht worden. Es gab da zweifellos einige schmerzliche Unstimmigkeiten in unserer Umwelt, schwer ertragbare Zustände, und zwar Zustände, die nicht nur aus moralischen Bedenken schwer zu ertragen waren. Hunger, Kälte und Bedrückung erträgt man nicht nur aus moralischen Bedenken heraus schwer. Auch der Zweck unserer Untersuchungen war nicht lediglich, moralische Bedenken gegen gewisse Zustände zu erregen (wenngleich solche Bedenken sich leicht einstellen konnten, wenn auch nicht bei allen Zuhörern - solche Bedenken stellten sich z.B. bei jenen Zuhörern selten ein, die von den betreffenden Zuständen profitierten!), Zweck unserer Untersuchungen war es, Mittel ausfindig zu machen, welche die betreffenden schwer ertragbaren Zustände beseitigen konnten. Wir sprachen nämlich nicht im Namen der Moral, sondern im Namen der Geschädigten. Das sind wirklich zweierlei Dinge, denn oft wird gerade mit moralischen Hinweisen den Geschädigten gesagt, sie müßten sich mit ihrer Lage abfinden. Die Menschen sind für solche Moralisten für die Moral da, nicht die Moral für die Menschen. ......

     

    In der jetzigen Gesellschaft ist die alte Oper sozusagen nicht wegzudenken. Ihre Illusionen haben gesellschaftlich wichtige Funktionen. Der Rausch ist unentbehrlich, nichts kann an seine Stelle gesetzt werden. Nirgends, wenn nicht in der Oper, hat der Mensch die Gelegenheit, ein Mensch zu bleiben. Seine sämtlichen Verstandesfunktionen sind längst zurückgeschraubt auf solche des angstvollen Mißtrauens, der Übervorteilung der anderen, der selbstischen Berechnung. [Das Leben, wie es uns auferlegt ist, ist zu schwer für uns, es bringt uns zuviel Schmerzen, Enttäuschungen, unlösbare Aufgaben. Um es zu ertragen, können wir Linderungsmittel nicht entbehren. ... Diese Ersatzbefriedigungen tragen unter Umständen die Schuld daran, daß große Energiebeträge, die zur Verbesserung des menschlichen Loses verwendet werden könnten, nutzlos verlorengehen. (vgl. Freud)]

     

    Bertolt Brecht (1898 - 1956):

    Übersicht

    Leben des Galilei

  • 1. Fassung: 1938/39, Brecht im Exil in Dänemark, Uraufführung 1943 in Zürich

    2. Fassung: 1945/47 in Los Angeles, Uraufführung ebendort

    3. Fassung: 1954/56 in Berlin

  • Textart und Aufbau: Drama in 15 Bildern, die der historischen Chronologie (von 1609 bis 1642) entsprechen, die aber nicht linear aneinandergereiht sind, sondern unregelmäßigen Zeitabständen folgen. Das Prinzip ihrer Anordnung ist thematisch bestimmt, was durch die Vorspanntexte zu den einzelnen Szenen belegt werden kann. Diese Texte werden im Theater z.B. auf Plakaten oder Transparenten den einzelnen Bildern vorangestellt. Z. B. Szene 1:

  • Galileo Galilei, Lehrer der Mathematik zu Padua, will das neue kopernikanische Weltbild beweisen.

    In dem Jahr sechzehnhundertundneun / Schien das Licht des Wissens hell / Zu Padua aus einem kleinen Haus. / Galileo Galilei rechnete aus: Die Sonn steht still, die Erd kommt von der Stell."

  • Die dramatische Form der einzelnen Szenen: der Disput, der Streit zwischen den Protagonisten, die für das Alte bzw. für das Neue stehen: letztendlich der zwischen der Kirche und dem Adel einerseits und dem Bürgertum andererseits. (vgl. v.a. 4. Bild, 7. Bild, 8. Bild)

    Die historischen Figuren: Kopernikus (1473 - 1543) berechnete die Bahnen; Giordano Bruno (1548 - 1600) wurde als Ketzer für seine Lehre verbrannt; Galileo Galilei (1542 - 1642) Mathematiker und Astronom.

  • Themen des Stücks:

    W I S S E N S C H A F T

    in ihrem Verhältnis zu/r

     

    1. Religion/Kirche und zu den sozialen Umständen

    (vgl. 60/64, 68/70, 75/79, 90/92, 94/98, 105/108, 122 f)

    2. Vernunft:

    Vernunft und Praxis/Erfahrung/Empirie 8-10, 84 ff.

    Vernunft und Dogma 47-50

    Vernunft und Wahrheit 34-36, 81

    3.Bürgertum und Politik:

    (vgl. 16-20, 100 f., 14. Bild (115 ff., 124 ff.)

    Die Charaktere:

    Galilei und sein Verhältnis zur Wissenschaft

     

    Inhalt:

  • 1. Bild: Galileis Studierzimmer in Padua: Er begrüßt und beschreibt das neue Zeitalter; Erklärung des heliozentrischen Weltbildes; die bürgerliche Republik Venedig und die Wissenschaft: Welchen Wert haben wissenschaftliche Erkenntnisse für die bürgerlichen Geldgeber? Wissenschaft und Geschäft versus Toleranz und Inquisition. Ludovico will Nachhilfestunden in Physik.

    2. Bild: G. übergibt den Ratsherren ein "höchst verkaufbares Rohr", das diese als kommerziell und politisch wertvoll anerkennen. G. selber schätzt das Rohr als "Schnickschnack" ein, das ihm aber endlich zusätzliches Geld für seine Forschungen einbringen könnte.

    3. Bild: Padua 1610: G. entdeckt, daß der Mond von der Sonne beleuchtet wird - die Erde ist also ein Stern wie jeder andere (eine Behauptung, für die Giordano Bruno 10 Jahre zuvor verbrannt wurde!): "Himmel abgeschafft!" - Entdeckung der Jupiter-Monde - die entscheidende Frage: "Wo ist Gott? - In uns oder nirgends." Sagredo macht G. auf die Gefahr durch die Inquisition aufmerksam, aber G. glaubt an die Kraft der Vernunft bei allen Menschen, v.a. bei den unteren Volksklassen (34-36). Er will als Hofmathematiker nach Florenz, um das Kopernikanische System beweisen zu können. Dort wäre er unbehelligt von Einkommenssorgen (eine Repräsentationsfigur des Fürsten), aber dort herrschen auch die Mönche. Das Widersprüchliche in G.s Charakter: der geniale Wissenschaftler - der politische Naivling.

    4. Bild: G. lädt den Hof ein, seine Entdeckungen zu sehen; die symbolträchtige Rauferei der Jungen (Andrea und Cosimo): das Ptolemäische Weltbild geht zu Bruch. - Die absolute Ignoranz der Hofgelehrten: autoritäres Bücherwissen gegen Erfahrungswissenschaft, die Harmonie des Ptolemäischen Systems und der Philosophie des Aristoteles gegen das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung, die Fakten. "Als Wissenschaftler haben wir uns nicht zu fragen, wohin uns die Wissenschaft führen mag."

    5. Bild: Trotz der Pest in Florenz arbeitet G. weiter und verschuldet indirekt den Tod von Frau Sarti.

    6. Bild: Vatikan, Collegium Romanum: Der vatikanische Astronom Clavius gibt G. recht, Diskussion zwischen dem Wissenschaftler und den Theologen: Wenn die Erde nur ein Stern unter anderen ist, dann ist die Macht der Bibel und der sie auslegenden Kirche in Gefahr.

    7. Bild: Die Inquisition setzt G.s Lehre und die des Kopernikus auf den Index. Nach der Pest, auf dem Ball bei Kardinal Bellarmin: das neue Schach (weitläufigere Bewegungen mit Turm und Dame), die Spitzel der Inquisition, der Disput mit Barberini (das Duell der Bibelzitate): die Bibel als Auslegungssache, aber von der Kirche verwaltet und verbindlich interpretiert; Gott und die Religion als ordnungs- und sinnstiftende Faktoren in der Welt. G. erntet Ruhm und Anerkennung, darf seine Forschungen aber nicht veröffentlichen. Die Inquisition horcht Virginia über ihren Vater aus (Frage nach dem Beichtvater).

    8. Bild: G. und der kleine Mönch, der mit den Widersprüchen zwischen der neuen Physik und der Glaubenslehre nicht zurechtkommt. G. soll von weiteren Forschungen absehen, weil damit mehr zerbricht als nur ein physikalisches Weltbild. (75-79), sondern auch der Sinn des Lebens für die armen Bauern der Campagna.

    9. Bild: nach 8jährigem Schweigen: der neue Papst: G. führt seine Forschungen weiter. Er widerlegt Aristoteles experimentell und forscht über die Sonnenflecken. "Wer die Wahrheit weiß und sie nicht sagt, ist ein Verbrecher." Ludovico distanziert sich, weil der Sorge um die Unterdrückung seiner Bauern hat; damit zerstört G. das Glück seiner Tochter.

    10. Bild: Die Lehre dringt auf die Marktplätze vor, das Volk zieht seine Schlüsse. G. = Bibelzertrümmerer.

    11. Bild: Die herrschenden Kräfte schlagen zurück: es wird gefährlich, G. zu kennen. Seine politische Ahnungslosigkeit: Gespräch mit dem Eisengießer Vanni: Folgen der Wissenschaft: neue Freiheit für das Bürgertum und seine wirtschaftlichen Aktivitäten. Vanni würde G. aus der Stadt bringen.

    12. Bild: Papst Urban VIII wehrt sich als Wissenschaftler und Privatperson gegen das Ansinnen des Inquisitors, G. zu töten. Er will die Glaubenslehre nicht mit der neuen Physik in Konflikt bringen. G. ist gefährlich, weil er nicht Latein schreibt.

    13. Bild: G. widerruft, obwohl der die Wahrheit weiß - seine Schüler wenden sich von ihm ab.

    14./15. Bild: G. als Gefangener der Kirche, der weiterforscht und heimlich seine "Discorsi" (in der Volkssprache) kopiert. Im Gespräch mit Andrea geht es um Wissen und Gewalt (122 f.) sowie um Wissenschaft und Verantwortung (v.a. diesen Teil hat Brecht mehrmals umgeschrieben).

  • Galilei und das Bürgertum:

  • S.9: Denn wo der Glaube tausend Jahre gesessen hat, eben da sitzt jetzt der Zweifel. Alle Welt sagt: Ja, das steht in den Büchern, aber laß uns jetzt selber sehen. Den gefeiertsten Wahrheiten wird auf die Schulter geklopft; was nie bezweifelt wurde, das wird jetzt bezweifelt.

    S.15: Es wird auf deine Kosten gehen, Andrea. Du fällst natürlich dann aus. Du verstehst, du zahlst nichts.

    S.17: Vergessen Sie nicht ganz, daß die Republik vielleicht nicht soviel bezahlt, wie gewissen Fürsten bezahlen, daß sie aber die Freiheit der Forschung garantiert.

    S. 18: Skudi wert ist nur, was Skudi bringt. Wenn Sie Geld haben wollen, müssen Sie etwas anderes vorzeigen. Sie können für das Wissen, das Sie verkaufen, nur soviel verlangen, als es dem, der es Ihnen abkauft, einbringt.

    S.19: Unsere Kaufleute wissen, was besseres Leinen im Kampf mit der Florentiner Konkurrenz bedeutet, hören mit Interesse Ihren Ruf "Bessere Physik!", und wieviel verdankt die Physik dem Schrei nach besseren Webstühlen!"

    S.24: Ein Gelehrter von Weltruf übergibt Ihnen, und Ihnen allein, hier ein höchst verkaufbares Rohr, es herzustellen und auf den Markt zu werfen, wie immer Sie belieben. Und es ist Ihnen beigefallen, daß wir vermittels dieses Instruments im Kriege die Schiffe des Feindes nach Zahl und Art volle zwei Stunden früher erkennen werden als er die unseren, so daß wir, seine Stärke wissend, uns zur Verfolgung, zum Kampf oder zur Flucht entscheiden mögen?"

    S.49: Ich würde meinen, als Wissenschaftler haben wir uns nicht zu fragen, wohin die Wahrheit uns führen mag.

  • Behauptungen:

  • a) Brechts Galilei zeigt deutlich, daß der Einzelne - und wenn er noch so fähig ist - gegen die Vorurteile und den Aberglauben der Gesellschaft nichts auszurichten vermag.

    b) Der Galilei ist die Tragödie eines großen Wissenschaftlers, der an der Uneinsichtigkeit der katholischen Kirche und an seiner eigenen Bequemlichkeit und Feigheit scheitert.

    c) Der Galilei - ein weiterer Beweis dafür, daß große Persönlichkeiten den Gang der Geschichte bestimmen.

    d) Im Galilei geht es Brecht darum zu zeigen, daß die Wahrheit zuguterletzt sich durchsetzt, mögen die Widerstände noch so groß sein.

  • e) Brechts Galilei ist die Darstellung eines Verbrechens: Galileis Widerruf ist die "Erbsünde" der modernen Naturwissenschaften, die seither ohne Bezug zu den sozialen Interessen der Menschen betrieben werden.

    Aufsatzübungen zu Brechts "Leben des Galilei"

    Einleitungen:

    Bertolt Brecht wurde am 10. Februar 1898 in Augsburg geboren. In seinem Exil in Dänemark schrieb er das historische Theaterstück "Leben des Galilei", welches die heute bedeutenden und unumstrittenen Errungenschaften eines genialen Wissenschaftlers erzählt. Brecht schrieb insgesamt drei Fassungen von seinem Stück. Die Uraufführung der ersten Fassung erfolgte 1943 in Zürich, die der zweiten 1947 in Los Angeles, und die der dritten 1956 in Berlin.

     

    Unsere Wissenschaft ist schrecklich geworden, unsere Forschung gefährlich, unsere Erkenntnis tödlich. Es gibt für uns Physiker nur noch die Kapitulation vor der Wirklichkeit." Worte, wie sie nicht prägnanter auf das Leben des Galilei zugeschnitten sein könnten. Galileo Galilei, der die Wissenschaft der Physik im 15. und 16. Jahrhundert betrieb, stand oft im Konflikt mit der damaligen Machtinstanz, der Kirche.

    Aber in den Jahren seiner Observationen erkannte er auch die Gefährlichkeit seines Wissens und das Entsetzen, das daraus resultieren würde, deshalb beschloß er, es der Menschheit zu entziehen.

     

    Bertolt Brecht schrieb das Stück "Leben des Galilei" im Jahr 1938, als Otto Hahn die erste Kernspaltung vornahm. Zwei Jahre später, 1940, wurde bereits die erste Atombombe gezündet, die erst durch Otto Hahns Entdeckung ermöglicht wurde. In der Wissenschaft begann somit eine neue Ära: das Atomzeitalter. Die Fortschritte der Forschung bedeuten nicht nur den Fortschritt der Wissenschaft, sondern auch die Macht der Wissenschaftler über die ganze Menschheit.

    Argumente:

    Galilei, ein Mathematiker und Astronom, versucht sich und seine Tochter durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse den Lebensunterhalt zu verdienen. Das wenige Geld, das er durch Vorlesungen an einer Universität oder durch privaten Unterricht verdient, genügt nicht, um die notwendigen Bücher und Unterlagen zu bezahlen, die er für seine Forschungen benötigt. Nur neue Entdeckungen werden gut honoriert.

     

    Dies trieb die Kirche zur Inquisition, doch sie ließ G. offen, die wissenschaftliche Tätigkeit aufzugeben oder den Tod und das Festhalten an seinen Lehren zu wählen. Jedoch war dies auch eine Chance für G., denn er erkannte, was die Wissenschaft alles anrichten könnte, wenn sie erst die nötigen Mittel dazu hat.

     

    Das Drama lebt von den Streitgesprächen, die zwischen den Vertretern der Kirche und des Adels und den Vertretern des Bürgertums geführt werden. Die einen verteidigen das Alte und seit Jahrhunderten Gelehrte, wobei die anderen versuchen, dem Alten mit neuen wissenschaftlichen Beweisen zu widersprechen.

     

    Das Hauptthema ist die Konfrontation zwischen Kirche und Wissenschaft. ... Auch der Adel sträubte sich dagegen, die Theorie gutzuheißen und machte sich dadurch eines Verbrechens gegen die Wissenschaft und damit die Menschheit schuldig.

     

    Alle diese negativen Seiten des wissenschaftlichen Fortschritts hatte G. vor seinen Augen, und er wollte keine Wissenschaft im Dienste der Mächtigen betreiben, die seine Lehre für zerstörerische Zwecke ausnützen würden.