Seit 1945    
  Celan: Todesfuge Wolf: Kassandra (90 kb)  
Enzensberger: bildzeitung    
Frisch: Biedermann ...    
Dürrenmatt: Physiker    
  Vergleich: Galilei, Physiker, Oppenheimer      
  Hackl: Sidonie      
  Sinti und Roma      

         
         
         

 

 

 

 

 

 

 

 

TODESFUGE von Paul Celan

Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends

wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts

wir trinken und trinken

wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng

Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt

der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete

er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne er pfeift seine Rüden herbei

er pfeift seine Juden hervor läßt schaufeln ein Grab in der Erde

er befiehlt uns spielt nun zum Tanz

 

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts

wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends

wir trinken und trinken

Ein Mann wohnt im Haus und spielt mit den Schlangen der schreibt

der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete

Dein aschenes Haar Sulamith wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng

Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr anderen singet und spielt

er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau

stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr andern spielt weiter zum Tanz auf

 

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts

wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends

wir trinken und trinken

ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete

dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen

 

Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland

er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft

dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts

wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland

wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken

der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau

er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau

ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete

er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft

er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus Deutschland

dein goldenes Haar Margarete

dein aschenes Haar Sulamith

 

Paul Celan, Todesfuge

Übersicht

1. Biographisches:

1920 als Sohn deutschsprachiger Juden in Cernowitz (damals Rumänien, heute Ukraine) geboren, studierte Medizin in Frankreich; konnte während des 2. WK aus einem Internierungslager fliehen und diente bei den sowjetischen Truppen als Sanitäter. Seine Familie wurde von den Nazis verschleppt und ermordet. Er beendete nach dem Krieg sein Studium in Paris, war dann als Sprachlehrer und Übersetzer tätig. Bedeutender Lyriker. Selbstmord 1970.

2. Erster Eindruck?

3. Was fällt am Gedicht auf?

  • Form: * keine Satzzeichen * scheinbar willkürliche Groß-/Kleinschreibung am Zeilenanfang * unterschiedlicher Strophenbau * Wiederholungen * freie Rhythmen * bis auf eine Ausnahme kein Reim

    Inhalt: * alogische Wortkombinationen * Chiffren * Unverständlichkeit * Variationen über Tod

  • 4. Von welchen Menschen wird hier gesprochen?

    Konzentrationslager

     

    Lagerinsassen

    wir = Juden

    Lageraufseher

    "er" = ein Deutscher

    Erniedrigte/Verfolgte

    Unterdrückte

    Todesangst

    Ohnmacht

    Verfolger

    Unterdrücker

    Zynismus

    Macht

     

    Verfolgung, absolute Unterdrückung, Vernichtung

    5. Was tun die Personengruppen? Was kann damit assoziiert werden? (Verben, Gegenüberstellung)

     

    Lagerinsassen

    trinken schwarze Milch

    schaufeln ein Grab in den Lüften

    spielen zum Tanz auf

    stechen tiefer ins Erdreich

    spielen süßer den Tod

    streichen dunkler die Geigen

    steigen als Rauch in die Luft

    haben ein Grab in den Wolken

    werden mit bleiernen Kugeln getroffen

    dein aschenes Haar Sulamith

    Abhängigkeit, Not, Leiden Tod

    Lageraufseher

    wohnt im Haus

    spielt mit den Schlangen

    schreibt nach Deutschland

    pfeift seine Rüden/Hunde herbei

    pfeift seine Juden hervor

    läßt schaufeln ein Grab

    befiehlt

    greift nach dem Eisen und schwingt es

    trifft

    hetzt

    dein goldenes Haar Margarete

    Macht, Bösartigkeit, Zynismus, Brutalität

     

     

    6. Die Fuge als musikalische Form:

    1. Thema

    2. Gegenthema

    1. Durchführung 3. Wiederholung des Themas

    4. Wiederaufnahme des Gegenthemas

    5. Weiterführung des Themas

    Zwischensatz

    1. Thema

    2. Durchführung 2. Gegenthema

    3. Thema

    4. Gegenthema

    5. Weiterführung des Themas

    Zwischensatz

     

    3. Durchführung in Form eines Kanons, der die Themen ineinander verschachtelt

     

    Im Titel des Gedichts (Todesfuge) wird auf diese musikalische, sehr strenge Form verwiesen. Mögliche Bedeutung: Diese strenge Form wird dem inhaltlichen und emotionalen Chaos entgegengesetzt. Im KZ herrscht eiserne Disziplin, die Menschen standen gleichzeitig unter unvorstellbarem psychischen Streß, da in jeder Sekunde Lebensgefahr drohte.

    7. Die Stilfiguren:

    z.B. schwarze Milch der Frühe (Oxymoron = zwei einander widersprechende Begriffe zusammen):

     

    schwarz: Dunkelheit Milch: weiß Frühe: Frische

    Trauer Nahrung Anfang

    Gefahr gesund Morgen

    Fäulnis Lebensmittel neuer Tag/Sonnenaufgang

    Tod/Vernichtung nahrhaft

     

    Dieses Sitlfigur verweist auf den Verlust jeder Ordnung: "schwarze Milch" wird mit Negativem assoziiert, das sich durch die monotone Wiederholung verstärkt: Das Normale ist abnormal geworden.

     

    8. Die Wirkung des Gedichts:

    Celan und die Lyriker nach 1945 standen vor einem kulturellen Scherbenhaufen: Wie kann man das "Unsagbare" ausdrücken? Jedenfalls muß man sich von überlieferten Formen und sprachlichen Bildern lösen, um in einer neuen, paradoxen Sprache neue Beziehungen zu setzen und die Welt wieder zu erfassen. Celan wurde vorgeworfen, daß die Schönheit seines Gedichtes dem Thema (Auschwitz) nicht angemessen sei. Adorno meinte, daß "nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben barbarisch sei". Gegenstimme: "Ein modernes Gedicht kann gar nicht schön genug sein, wenn es nur nicht beschönigt. Von jeder Beschönigung ist die Todesfuge so weit entfernt wie nur eins."

     

     

    H.M. Enzensberger

    Übersicht

    bildzeitung

     

    Du wirst reich sein

    Markenstecher Uhrenkleber:

    wenn der Mittelstürmer will

    wird um eine Mark geköpft

    ein ganzes Heer beschmutzter Prinzen

    Turandots Mitgift unfehlbarer Tip

    Tischlein deck dich:

    du wirst reich sein

     

    Manitypistin Stenoküre

    du wirst schön sein:

    wenn der Produzent will

    wird die Druckerschwärze salben

    zwischen Schenkeln grober Raster

    mißgewählter Wechselbalg

    Eselin streck dich:

    du wirst schön sein.

     

    Sozialvieh Stimmenpartner

    du wirst stark sein:

    wenn der Präsident will

    Boxhandschuh am Innenlenker

    Blitzlicht auf das Henkerlächeln

    gib doch Zunder gib doch Gas

    Knüppel aus dem Ssack:

    du wirst stark sein.

     

    Auch du auch du auch du

    wirst langsam eingehn

    an Lohnstreifen und Lügen

    reich, stark erniedrigt

    durch Musterungen und Malz-

    kaffee, schön besudelt mit Straf-

    zetteln, Schweiß,

    atomarem Dreck:

    deine Lungen ein gelbes Riff

    aus Nikotin und Verleumdung.

    möge die Erde dir leicht sein

    wie das Leichentuch

    aus Rotation und Betrug

    das du dir täglich kaufst

    in das du dich täglich wickelst.

     

     

    (Hans Magnus Enzensberger: Aus "Verteidigung der Wölfe gegen die Lämmer", 1957)

    1. Wer wird jeweils in den ersten drei Strophen angesprochen? Woran sind die Adressaten erkennbar?

    2. In welcher Beziehung steht die vierte Strophe zu den ersten drei? Was kritisiert der Autor?

    3. Welche sprachlichen Eigenarten des Gedichts fallen auf? Welche Assoziationsfelder werden eröffnet?

    4. Welche Beziehung bestehen zwischen Titel und Text?

     

    Turandot:

     

    schöne, aber gefühlskalte chinesische Prinzessin, die nur den Freier erhören will, der drei von ihr gestellte Rätsel lösen kann. Wer sich der Prüfung nicht gewachsen zeigt, wird enthauptet.

    Thema des Gedichts "bildzeitung" (von H.M. Enzensberger)

  • "Die Bewußtseins-Industrie ist ein Kind der letzten hundert Jahre. ... Sie ist die eigentliche Schlüsselindustrie des 20. Jahrhunderts. ... Indem Meinungen, Urteile und Vorurteile verbreitet werden, versucht diese Art von Industrieerzeugnissen die existierenden Herrschaftsverhältnisse, gleich welcher Art sie sind, zu verewigen. Sie soll Bewußtsein nur induzieren, um es auszubeuten." (Einzelheiten I, 1962)
  • Bewußseinsbeeinflussung im industriellen Maßstab hat vier Voraussetzungen:

  • - philosophisch: Aufklärung, d.i. die Abschaffung der Theokratie

    - politisch: Proklamation der Menschenrechte/Demokratie

    - ökonomisch: entwickelte Konsumgüterindustrie, Überwindung der "primären Akkumulation" (= Frühform des Kapitalismus)

    - technologisch: Film, Funk, Phono- und Fernsehtechnik

    "[Ihr] Produkt ist immateriell. ... Wer Herr und Knecht ist, das entscheidet sich nicht nur daran, wer über Kapital, Fabriken und Waffen, sondern, je länger je deutlicher, daran, wer über das Bewußtsein der anderen verfügen kann. [Seitdem] sich die Produktion materiller Güter genügend ausgedehnt hat ... ist jede Herrschaft prinzipiell ungesichert, von der Zustimmung ihrer Subjekte abhängig: nach deren Zustimmung muß sie trachten, unablässig muß sie sich selbst rechtfertigen. ... An die Stelle der materiellen tritt eine immaterielle Verelendung, die sich am deutlichsten im Schwinden der politischen Möglichkeiten des einzelnen ausdrückt: einer Masse von politischen Habenichtsen, über deren Köpfe hinweg sogar der kollektive Selbstmord beschlossen werden kann, steht eine immer kleinere Anzahl von politisch Mächtigen gegenüber. Daß dieser Zustand von der Majorität hingenommen und freiwillig ertragen wird, ist heute der wichtigste Leistung der Bewußtseins-Industrie."

  • Interpretationsfragen:

    Frage 1:

    zu 1)

    Markenkleber, Uhrenstecher = sozialversicherten Arbeitern und Angestellten wird Reichtum versprochen durch Totospiel (Mittelstürmer, unfehlbarer Tip), aber das Gewinnspiel ist ein Märchen (Turandot, Tischlein deck dich, ...) >>> vielfältige Bezüge, "polyvalente Vokabeln": Turandot ließ alle Freier köpfen (versprach ihnen aber ein Kaiserreich): das Spiel bedeutet Gefahr, es kann den Kopf kosten.

    "Mehrwertig ist eine Vokabel dann, wenn sie es erlaubt, mehr als eine Beziehung zum Text herzustellen."

    zu 2)

    Maniküre, Stenotypistin >>> weibliche Angestellte; der Traum von Starruhm und Prestige (Mißwahl, Wechselbalg) ist abhängig vom Produzenten (er läßt "druckerschwärze salben"), die "eselin muß sich aber dafür strecken" (Assoziationsfeld "zwischen schenkeln grober raster")

    mißgewählter wechselbalg = Anspielung auf Wahl als auch auf das Falsche

    zu 3)

    Masse und Stärke (Sozialpartner, Stimmenvieh) > Gewerkschaften, Wahlvolk. Auch hier besteht Stärke der Masse nur, wenn "der präsident es will"; er lenkt die Masse wie ein Auto (Boxhandschuh), kann seine Aggressionen ausleben; Blitzlicht fällt dann auf sein Henkerlächeln, das auch zum Assoziationsfeld "knüppel aus dem sack" in Beziehung steht.

    Frage 2 (zu Strophe 4):

    jeder einzelne wird angesprochen: Warnung an die, denen in Str. 1,2,3 Märchen erzählt wurden, denn die Angesprochenen sind nun

    reich an lohnstreifen und lügen

    stark erniedrigt durch musterungen, malzkaffee (Armut)

    schön besudelt mit strafzetteln, schweiß, atomarem dreck

     

    letzte Zeilen: Warnung vor der Einwicklung durch die Zeitung

     

    Frage 3:

    Kleinschreibung: Provokation, Abweichung von der Norm, Leserwiderstand, Chiffre der Gleichschaltung

    Montage: Wortverdrehungen - Manipulation bzw. Kritik daran

    Märchenmotive: Ironisierung

    Metaphern (Verknüpfung konkreter und abstrakter Dinge):

    rotation und betrug

    nikotin und verleumdung Doppeldeutigkeit,

    lohnstreifen und lügen