Biedermann und die Brandstifter - Ein Lehrstück ohne Lehre
Hörspiel (1952, uraufgeführt im Bayrischen Rundfunk), Theaterstück (1958, uraufgeführt im Schauspielhaus Zürich)
Zitate aus dem Hörspiel und dem Drama:
CHOR: Was aber, wenn er nicht will?
CHORFÜHRER: Der, um zu wissen, was droht, / Zeitungen liest / Täglich zum Früstück entrüstet / Über ein fernes Ereignis, / Täglich beliefert mit Deutung, / Die ihm das eigene Sinnen erspart, / Täglich erfahrend, was gestern geschah, / Schwerlich durchschaut er, was eben geschieht / Unter dem eigenen Dach. ...
CHOR: Nichts ist geschehen der schlafenden Stadt, / Heute wie gestern, / Um zu vergessen, was droht / Stürzt sich der Bürger / Sauber rasiert / In sein Geschäft ...
BIEDERMANN: Was geht das Sie an? Lassen Sie mich durch. ... Was will man von mir? - Ich bin unschuldig... Meine Herrn, ich bin ein freier Bürger. Ich kann denken, was ich will. Was sollen die Fragen? Ich habe das Recht, meine Herren, überhaupt nichts zu denken - ganz abgesehen davon, meine Herren: Was unter meinem Dach geschieht - ich muß schon sagen, schließlich und endlich bin ich der Hauseigentümer!
CHOR: Heilig sei Heiliges uns, / Eigentum, / Was auch entstehe daraus, / Nimmerzulöschendes einst, / Das uns dann alle versengt und verkohlt: / Heilig sei Heiliges uns.
BIEDERMANN: ... Man soll nicht immer das Schlimmste denken. Wo führt das hin! Ich will meine Ruhe und meinen Frieden haben, nichts weiter, ....
Fragen zum Text:
1. Zu den Szenen 1 und 2: Charakterisierung von Herrn Biedermann, sein Verhalten privat und im Geschäft; der Dialog zwischen Babette und Schmitz - wie läuft er ab?
2. Zu den Szenen 3 und 4: Wie kann man die beiden Brandstiftern charakterisieren? Wofür stehen sie in der Wirklichkeit? Wie reagiert Herr Biedermann auf die offensichtliche Gefahr?
3. Szenen 5 und 6: Wie will Biedermann das Abendessen gestalten? Warum? Wie läuft es ab?
4. Analysiere folgende Chorstellen und formuliere sie um: S. 83 f., 102 f.?
VERFASSER: Herr Biedermann, Sie dürfen eins nicht vergessen: Ich habe Sie verfaßt, und kein Verfasser kann etwas darstellen, was nicht in ihm selber ist: Beispielsweise Ihr kategorisches Bedürfnis, Ruhe und Frieden zu haben und dementsprechend Ihre erstaunliche Routine, sich selbst zu belügen, die offenkundigsten Tatsachen nicht zu sehen, damit Sie keine Konsequenzen ziehen müssen.
Friedrich Dürrenmatt: Der Richter und sein Henker
Sein Hauptthema ist in allen Werken die Frage nach Schuld und Sühne, nach Gerechtigkeit und Verantwortung in einer Welt, die aus den Fugen geraten ist.
2. Der Inhalt/Aufbau des Romans:
- S. 24 - 44: T. + B. fahren zum Tatort bei Lamboing, T. führt B. auf die Spur von Gastmann und rettet dem Alten das Leben, als dieser von einer Bestie von Hund angefallen wird. Nationalrat von Schwendi übernimmt die Vertretung von Herrn Gastmann gegenüber der Polizei.
- S. 45 - 60: v.Schwendi fordert von Lucius Lutz, die Untersuchungen diskret zu führen, da bedeutende Persönlichkeiten bei Gastmann verkehrten; Schmied wird beerdigt, wobei die Trauer durch den Auftritt zweier rücksichtsloser Betrunkener gestört wird.
- S. 61 - 72: B. trifft zuhause auf G. - der Leser erfährt überrascht, daß die beiden sich seit Jahrzehnten kennen und in unversöhnlicher Feindschaft leben: ihr Thema ist das Verbrechen und seine Bestrafung.
- S. 73 - 87: B. nimmt Krankenurlaub, nachdem er mit T. den Schriftsteller besucht hat. T. wird immer unsicherer in seinem Verhältnis zu B.
- S. 88 - 98: B. ist schwerkrank und hat nur mehr ein Jahr zu leben; von einem Unbekannten wird ein Mordanschlag auf ihn verübt, am nächsten Morgen will B. auf Kur fahren.
- S. 98 - 105: B. trifft in einem (vermeintlichen) Taxi auf G. und verurteilt ihn zum Tod, T. liiert sich mit Anna, der Ex-Verlobten von Schmied, und führt dann nach Lamboing, wo er G. und seine beiden Leibwächter tötet.
- S. 106 ff.: das Verbrechen an Schmied scheint aufgeklärt.
- S. 110 ff.: B. lädt T. zu sich nach Hause zu einem monströsen Essen ein und klärt die wirklichen Zusammenhänge auf: Schmied hat in seinem Auftrag bei G. ermittelt, T. hat sich durch das Erschießen des Hundes endgültig verraten, B. hat T. als Instrument zur Eliminierung von G. benützt: Am Ende des Romans bringt sich Tschanz um.
2. Welche anderen Hauptpersonen stehen in dieser Geschichte gegeneinander, wie ist ihr jeweiliger Charakter? Welche Motive hat Tschanz für sein Verbrechen (vgl. S. 26, 86, 101 f.)? Wie ist die Persönlichkeit Gastmanns (vgl. v.a. S. 82)?
3. Welche Auffassung von Verbrechen und Schuld vermittelt dieser Roman? (vgl. S. 19, 64 ff.)
4. Welches Bild der Schweiz wird vom Autor gezeichnet? (S. 8, 51 ff.)
Friedrich Dürrenmatt: Die Physiker (1960)
1. Was haben Personen und Ort des Stücks mit dem Thema zu tun? Wie ist die im Stück evozierte Realität beschaffen? Welches Welt- bzw. Menschenbild vertritt der Autor?
2. Wofür stehen Einstein (i.e. Eisler) und Newton (i.e. Kilton)? Welche unterschiedlichen - und doch beinahe identen - Auffassungen von den Aufgaben der Wissenschaft haben sie? Warum? (S. 60)
3. Wofür stehen das Frl. Doktor von Zahnd, wofür Möbius?
4. Welche formalen Eigenschaften weist das Stück auf? Welche Funktion hat die Form?
5. Was bedeuten die "21 Punkte zu den Physikern"?
6. Welche unterschiedlichen Auffassungen von Wissenschaft vertreten Dürrenmatt und Brecht?
GALILEI:
7. Was hat sich gegenüber der früheren Wirklichkeit durch den Bau der Atombombe geändert?
Günter Anders, Die atomare Drohung (im Zeitalter des Kalten Krieges)
Hiroshima als Weltzustand. Mit dem 6. August 1945 hat ein neues Zeitalter begonnen: das Zeitalter, in dem wir in jedem Augenblick jeden Ort, nein unsere Erde als ganze, in ein Hiroshima verwandeln können. Seit diesem Tage sind wir modo negativo allmächtig geworden; aber da wir in jedem Augenblick ausgelöscht werden können, bedeutet das zugleich: Seit diesem Tag sind wir total ohnmächtig. Gleich wie lange, gleich ob es ewig währen wird, dieses Zeitalter ist das letzte: Denn seine differentia specifica: die Möglichkeit unserer Selbstauslöschung, kann niemals enden - es sei denn durch das Ende selbst.
Wir sind invertierte Utopisten. Dies ist das Grunddilemma unseres Zeitalters: Wir sind kleiner als wir selbst, nämlich unfähig, uns von dem von uns selbst Gemachten ein Bild zu machen. Während Utopisten dasjenige, was sie sich vorstellen, nicht herstellen können, können wir uns dasjenige, was wir herstellen, nicht vorstellen.
Das "Überschwellige". Das Gefälle zwischen unserer Herstellungs- und unserer Vorstellungsleistung reißt ebenso Fühlen und Herstellen und Verantworten und Herstellen auseinander. Vorstellen, fühlen oder verantworten könnte man vielleicht zur Not die Ermordung eines einzigen Menschen; die von hunderttausend nicht. Je größer der mögliche Effekt des Tuns, desto unvorstellbarer, desto unfühlbarer, desto unverantwortlicher wird er; je größer das Gefälle, desto schwächer der Hemmungsmechanismus. Hunderttausend durch einen Knopfdruck zu erledigen, ist ungleich leichter, als einen einzelnen Menschen umzubringen. Dem aus der Psychologie bekannten "Unterschwelligen" (dem Reiz, der zu klein ist, um schon eine Reaktion auszulösen), entspricht das "Überschwellige": dasjenige, was zu groß ist, als daß es noch eine Reaktion, z.B. einen Hemmungsmechanismus, auslösen könnte.
Atomdrohung ist totalitär. Die Drohung mit dem Atomkrieg ... lebt von der Erpressung und verwandelt die Erde in ein ausfluchtsloses Konzentrationslager. Im angeblichen Interesse der Freiheit die extremste Freiheitsberaubung einzusetzen, stellt die Klimax der Heuchelei dar.
Drei literarische Werke im Vergleich
Brecht, Galilei - Dürrenmatt, Die Physiker - Kipphardt, In der Sache J. R. Oppenheimer
Brecht, Galilei (1937/46/54) Lehrstück Wissenschaft = Aufklärung = soziale Veränderung Menschen verlassen sich auf ihren eigenen Verstand, auf ihre eigenen Augen gegen das Bücher- bzw. Herrschaftswissen der Etablierten. Dieses Wissen könnte auch soziale Auswirkungen haben: Wenn die alten Wahrheiten nicht mehr stimmen, dann stimmt auch die für selbstverständlich gehaltene Unterdrückung nicht mehr. >>> der Naturwissenschaftler träumt vom "hypokratischen Eid" seiner Gruppe, das Wissen nur zum Wohl der Menschheit anzuwenden >>> marxistischer Veränderungsoptimismus |
Dürrenmatt, Die Physiker (1960) absurde Komödie Wissenschaft = Technologie vor dem Hintergrund des Kalten Krieges, des Wettrüstens, des Gleichgewichts des Schreckens Die Welt ist absurd, der einzelne ein Atom, die Verantwortung unteilbar, aber von der Gesellschaft den Mächtigen überlassen - diese aber sind ver-"rückt". >>> Der Naturwissenschaftler ist Gefangener der Geschäftsleute und der Politiker >>> keine Hoffnung auf Veränderung, denn Dürrenmatt geht nicht von einer "These, sondern von einer Geschichte aus". |
Kipphardt, Oppenheimer (1964) Dokumentarstück Wissenschaftler = Organisator des Baus der Atombombe, kommt aber durch deren Auswirkungen in Konflikt mit seinem eigenen Gewissen. Die Welt = der Staat kann in einer Konkurrenz-situation keine Illoyalität gestatten: er muß absolute Ergebenheit verlangen und dafür die Freiheit des Individuums einschränken, wenn es um die Verteidigung der Freiheit des Ganzen geht. >>> Der Naturwissenschaftler ist nicht mehr als einzelner wichtig, sondern als Organisator von Zusammenarbeit - er steht aber im Konflikt zwischen der Loyalität dem Staat und der Menschheit gegenüber. >>> Vorstellung eines Konfliktes, die Lösung bleibt dem Leser überlassen |
AUFKLÄRUNG
= die Idee von Freiheit und Autonomie in einer Gesellschaft, die von Herrschaft geprägt ist.
| Instrumentarium des
Begriffs Begreifen der Natur ===> Entzauberung ihrer Geheimnisse ===> Abbau von Angst und Ohnmacht; Begreifen des Menschen ===> Emanzipation, Demokratie |
Instrumentarium der
Technik Wissenschaft und Mechanisierung Maschine = Befreiung, aber auch Gewalt und Versklavung (vgl. Chaplin) und Vernichtung (Atom- und Gentechnologie) |