Erich Hackl, Abschied von Sidonie
10-12: Rückblende auf Entwicklung und Situation in Steyr: Steyrwerke bis 1933 Abbau von 4600 Arbeitern (nur mehr 1400 Beschäftigte); 22 000 Einwohner/50% nehmen öffentliche Hilfe in Anspruch: öffentliche Ausspeisung, Bettelei, Hungerdemonstrationen, Anreise von Journalisten aus aller Welt
13-14: Magistrat versucht Eltern zu finden, um Pflegekosten auf andere Gemeinden abwälzen zu können, Zitat amtliches Schreiben >>> erfolglos.
Amalia Dorflinger, Schlossergattin, gibt Kind zurück, da ihr Mann sie aus dem Haus gejagt hat.
14-20: Biographie Hans und Josefa Breirather: Hans (durch Lehrer) voller Selbstachtung und Stolz, mit 10 Jahren Stallbursche, 1917 eingezogen, ital. Kriegsgefangenschaft, das Grauen des Krieges sowie die Gespräche von Sozialisten und Anarchisten festigen seine politische Überzeugung. 1919 Heimkehr, 5 Jahre arbeitslos, dann Anstellung in der Autofabrik (Waffenproduktion durch die Friedensverträge verboten). Bekanntschaft mit Josefa, 1928 Einzug in eine Wohnung (Küche, Zimmer), nach der Geburt von Manfred bleibt Josefa kinderlos, deshalb der Beschluß, Pflegekinder zu adoptieren.
21-23: Josefa nimmt Sidonie zu sich, Gespräch mit Manfred (Charakterisierung der Frau: vorurteilslos, offen, liebevoll ...)
23-26: Hans' politische Biographie: 1927 Ortsleiter des Schutzbundes, Verschärfung der politischen Situation und Heraufkommen des Austrofaschismus, 1933 Ausschaltung des Parlaments, Verbot von Schutzbund, KP, NSDAP. Kürzung der Rechte (Streik, Versammlung, Arbeitslosenunterstützung), Doppelstrategie der Sozialdemokraten führt zum Verfall (Angst der Mitglieder um Arbeitsplatz), 1.Mai: Verhaftungen von SPlern wegen Waffenbesitz
26-32.: erste Begegnung Hans mit Sidi "Ich werd' sie wickeln". Arzt Schönauer ("weiches Herz") behandelt das Kind wegen seiner Hautfarbe nicht, Tagesgespräch im Wartezimmer: der Mord an Pröll (= Folge der sozialen Situation). Sidi wird von Wunderheilerin geheilt, Breirathers behandeln sie wie eigenes Kind.
32-40: Hans' Gefängnisaufenthalt (18 Monate), Februar 34 offener Bürgerkrieg, Verhaftungen, Plünderungen durch die Heimwehr (im Konsum und bei SP-Familien), Josefa versucht Waffenliste verschwinden zu lassen, die Männer im Gefängnis müssen Exekution eines der ihren beiwohnen.
41-46: Josefa und schwieriges Überleben ohne Hans, Druck und Terror von seiten der katholischen Kirche/Aufforderung, Hans zu heiraten, um Manfred zu schützen. (Funktion der Kirche im Austrofaschismus).
47-49: 1935 Hans entlassen, Hilde als zweites Pflegekind, viele Arbeiter laufen zu den Heimwehrlern oder den illegalen Nazis über, Hans hört im Radio Hitlerreden und Nachrichten aus Spanien
50-55: Sidi und ihr Verhältnis zu den anderen Kindern, Magistrat veranlaßt Kontrollbesuche durch eine Fürsorgerin und sucht weiterhin die Eltern, in Wien Einrichtung einer zentralen Zigeunerstelle, Nachfrage der Breirathers, ob sie Sidi behalten dürfen.
56-68: 1938 Einmarsch der Nazis, steigende Angst um Sidi, Wiederaufnahme der Waffenproduktion in Letten, Lager für Zwangsarbeiter, Aufbau von Widerstandszellen Hans + Petrak (Unterstützung der Angehörigen von Verhafteten, Sabotage, Verbindung nach Wien [Plackholm]), Denunziation Josefas durch Nachbarin Csepek, Hinrichtung eines Polen wegen sexueller Beziehungen zu einheimischer Frau; diese wird kahlgeschoren und durch den Ort getrieben, Josefa ohrfeigt dabei einen Buben, der ihr ins Gesicht gespuckt hat.
68-79: plötzlich fehlen die Zigeuner im Ort, Fürsorgerin Grimm macht Kontrollbesuche, Schulbesuch (Frau Schönauer), Sidis Leistungen eher mangelhaft; aus einem Aufsatz für den Führer entsteht Streit über ihre Herkunft in der Klasse. Frau Hinteregger (Papierhändlerin) wird ihre Firmpatin, volksdeutsche Kinder beschimpfen sie, eingefleischten Nazis fällt sie noch gar nicht auf. Ausflug nach Linz, Geschenk: Puppe, Sidi fällt aber auf ...
80-94: angstvolles Warten auf ein behördliches Schreiben betreffs Sidi, das am 9.März 1943 eintrifft: Sidi soll zu ihrer Mutter. Besuch Josefas bei Grimm (deren Wandlung der Einschätzung Sidis in der Rückblende), Verantwortung bei Käthe Korn, Leiterin des Jugendamtes Steyr, die sich auf Befehlsnotstand hinausredet. Hans' Versuch, Sidi zu verstecken.
Rechtslage: Anfrage Kripo Innsbruck, Korn sammelt Gutachten des Schuldirektors Frick, des Bürgermeisters Eder und des Oberinspektor Schiffler: sie alle befürworten eine Überstellung zur Mutter.
Seite 93: Der Chronist spricht von der "Bestialität des Anstandes"
95-101: Abreise nach Hopfgarten, Sidi von Grimm begleitet, berichtet dem Chronisten Jahrzehnte später von der Reise
102 ff.: Geschichte Hopfgartens, Dorfgemeinschaft und Rechtsbewußtsein, Gendarmen seit 1938 für ganz neue Delikte zuständig: Feindsender, Juden, Führerwitze ... seit 1939: Ansiedlung von Zigeunern
108-111: Übergabe Sidis an Bürgermeister (Zeugin Gertrud Embacher), Ende: Zug im Bahnhof Linz.
112 ff.: 1945 Kriegsende, Hans Bürgermeister (wg. antinazistischer weißer Weste), Mitglied des Gemeinderates, Arbeit in den Steyrer Werken, 1950 Mitglied im Streikkomitee.
Erkundigungen nach Sidi, erfährt 1947, daß sie in Auschwitz an Flecktyphus gestorben ist.
116 ff.: H. und Josefa versuchen öffentliches Gedenken, aber außer dem Priester (der sie zur Heirat gezwungen hat) versuchen alle, sich reinzuwaschen (Krobath, Korn, Grimm, die beim Angriff 1944 sogar Sidis Akt unter den Trümmern hervorgesucht hat, um sich zu schützen).
Manfred versucht, Sidi im Heimatbuch erwähnt zu sehen >>> vergeblich
Gedenktafel am Heim der SJ auf Initiative des Chronisten
121-123: Hier endet die Geschichte - neue Perspektive: Chronist (Präsens)
Wiederholung der Geschichte in Hypothesenform - Gegenbeispiel: steirischer Ort mit überlebender Zigeunerin.
Die Biographie des Mädchens (und ihrer Pflegeeltern) verläuft abhängig von politischen Ereignissen, die eine "Klimaveränderung" bewirkt haben:
1. Die Geschichte von Sidonie Adlersburg und ihrer Pflegefamilie
Charakterisierung von Hans, Josefa und den Geschwistern Sidonies
2. Die anderen Personen der Geschichte als Opfer der politisch-sozialen Verhältnisse und als Täter
3. Die Aufarbeitung dieser Zeit seit 1945 in der 2. Republik
4. Die Erzählhaltung: Wer erzählt das Geschehen wie? Warum weiß er Bescheid?
Wann und warum ändert sich dieser Ton?
- neutraler, scheinbar unbeteiligter Ton eines allwissenden, außerhalb des Geschehens stehenden Chronisten, der seine Informationen durch Recherchen in Archiven erhalten hat
- dieser Ton wird durchbrochen, als die Geschichte sich ihrem Ende zuneigt: der Chronist kann seine Wut nicht mehr zurückhalten: er beginnt die Ereignisse zu kommentieren
- Schlußkapitel: Rekapitulation des Geschehens in Hypothesenform, Gegenbeispiel: gerettetes Zigeunermädchen in einer steirischen Gemeinde, in der die Menschen zusammengehalten haben.
Politisch-sozialer Hintergrund der Ereignisse und Biographien:
Friedensvertrag von Saint-Germain verbietet Österreich Waffenproduktion.
1929: Weltwirtschaftskrise, Firmenzusammenbrüche, Millionen Arbeitslose in Europa. Aufstieg faschistischer Parteien.
1933: Hitler Reichskanzler. März: Ausschaltung des österr. Parlaments durch Bundeskanzler Dollfuß, Beschneidung der Rechte der Bevölkerung (Versammlungs- und Pressefreiheit, Kürzung von Arbeitslosen- und Sozialunterstützungen), Verbot von Schutzbund, KP, NSDAP. Radikalisierung der bewaffneten Auseinandersetzungen.
12.2.1934: Bürgerkrieg in Österreich, den die Sozialdemokraten endgültig verlieren. Dollfuß von Nazis ermordet, Einführung des austrofaschistischen Systems, Sozialdemokraten und Nationalsozialisten in der Illegalität.
1938: Einmarsch der Deutschen Wehrmacht, Wiederaufbau der öst. Rüstungsindustrie und dadurch Abbau der Arbeitslosigkeit.
1939: Überfall auf Polen, Beginn des 2. Weltkriegs. Einrichtung von Zwangsarbeits- und Konzentrationslagern im gesamten Reichsgebiet und in Osteuropa.
1941: Beschluß des Nazi-Regimes zur "Endlösung der Judenfrage": Vernichtung der jüdischen Rasse.
1943: Stalingrad: der Kriegsverlauf wendet sich gegen die deutschen Eroberer.
1945: Befreiung durch Kapitulation des NS-Regimes, Errichtung der 2. Republik, im Moskauer Memorandum wird Österreich als das "erste Opfer der Hitlerschen Eroberungspolitik" bezeichnet: darauf stützt sich jahrzehntelang die österr. Identität. Im Elan des Wiederaufbaus wird die schuldhafte Verstrickung und Verantwortung verdrängt.
1950: von ÖGB und großer Koalition niedergeschlagene Streikbewegung in den öst. Industriegebieten.
1955: Staatsvertrag: Abzug der alliierten Truppen
1970: sozialdemokratische Regierung Kreisky: erste Ansätze zur Demokratisierung aller Lebensbereiche, aber noch weitgehende Aktualisierung antisemitischer Tradition
1985/86: Waldheim-Wahlkampf: Beginn der Auseinandersetzung Österreichs mit seiner Vergangenheit.
1990: Bundeskanzler Vranitzky gesteht die Mitverantwortung Österreichs an den Nazi-Greueln ein.
Die Struktur der Erzählung: Sidonies Biographie vor der Folie der geschichtlichen Ereignisse
Sidonies Biographie |
geschichtliche Umstände |
| 1933:
S. wird gefunden, Jugendamt (7-10) Magistrat Steyr, Anna Derflinger (- 14) Familie Breirather nimmt S. auf, erste Begegnung mit Hans, Arzt Schönauer (-30) Josefa + S. allein, Heirat im Gefängnis auf Druck Pfarrer (-46) S. und die Kinder, Kontrolle durch Fürsorge (-53) S. in der Schule, (plötzlich fehlen Zigeuner im Ort), Aufsatz für Hitler ==> Streit über ihre Herkunft, Verhältnis der Nachbarn Krobath zu S., Firmung Frau Hinteregger (Szene mit dem Jungen in Linz) (-79) angstvolles Warten auf Schreiben, Reaktionen der Beteiligten (Josefa bei Grimm, Käthe Korn) (- 94) Abreise nach Hopfgarten, S. wird von Grimm begleitet, die dem Chronisten Jahre später davon berichtet (- 101) Übergabe Sidis an Bürgermeister letzte Nachricht: Zug in Linz Hbf. (- 111) Kriegsende, Hans Bürgermeister, Nachforschungen nach Sidi: erfährt 1947, daß sie in Auschwitz an Flecktyphus gestorben ist (-116) |
soziale
Situation in Steyr (-12) Biographie Hans/Josefa (-20): Wirren der 1. Republik, sozialistische Überzeugung Februrar 34 und Folgen, Hans Gefängnis, Verhaftungen, Plünderungen (-40) viele Arbeiter laufen zu Heimwehr/NSDAP über, Hans hört im Radio Hitlerreden (-47) Einrichtung einer zentralen Zigeunerstelle/Wien (-55) 1938: Einmarsch Nazis, steigende Angst um Sidi, Wiederaufnahme Waffenproduktion in Letten, Zwangsarbeiter, Aufbau des Widerstandes, Denunziation, Hinrichtung des Polen und Anprangerung der Magd (-68) Rückblende: Anfrage Kripo Innsbruck, Korn sammelt Gutachten über S. bei Schuldirektor, Lehrerin, Bürgermeister, Oberinspektor Schiffler >>> alle befürworten ohne Zwang eine Überstellung Sidis (-94) Geschichte Hopfgartens - Ansiedlung der Zigeuner, bevor sie deportiert werden (- 108) Erinnerung an Nazi-Zeit wird verdrängt: keine Mahnmal, keine Erwähnung im Heimatbuch, erst sehr viel später Gedenktafel auf Initiative des Chronisten (-121) |
121 - 123: Zusammenfassung der Geschichte in Hypothesenform, Rekapitulation und Gegenbeispiel: Rettung eines Zigeunermädchens in einem steirischen Dorf durch den Zusammnehalt der Bewohner.
Eingriff des Chronisten:
ab 112: Erzählung der Geschichte nach 1945
Sinti und Roma - die Geschichte einer verfolgten Minderheit
Einwanderung in ganz Europa um ca. 1400, bezeichnet als Sinti; Roma: Einwanderung osteuropäischer "Zigeuner" im 19. Jhd.
ursprünglich: Arbeit als Schmiede und Kesselflicker im Dienst des untergehenden Rittertums, aus den Städten wegen deren Zunftordnungen (als unerwünschte Konkurrenz sowie als eventuelle "Versorgungsfälle") ausgeschlossen.
1497 - 1774: 146 Edikte, die "Zigeuner" betreffend: Landverweise, Vogelfrei-Erklärungen, Verstümmelungen, Brandmarkungen, Einweisung in Arbeitshäuser, Militär- und Kolonisierungsdienst, Zwangsarbeit auf Galeeren ... Sie waren als Söldner auch vom "Nachkriegspauperismus" betroffen: marodierende Banden, Räuber, Diebe ...
Aufklärung: Auflösung der Qualität "Zigeuner": Auflösung der Familien, die Kinder in Erziehungsheime, die Eltern in Arbeitshäuser! Maria Theresia und Josef II. von Österreich verordnen ihre Eingliederung in die bürgerliche Gesellschaft: In den Toleranzpatenten (1781) wird bestimmt, "daß die im Land tolerierten Familien seßhaft werden sollten, die Kinder männlichen Geschlechts zu den Rekruten gestellt, die weiblichen Geschlechts in Handwerk unterrichtet und in die Normalschule geschickt werden sollten. Zigeunerburschen mögen einheimische Mädchen heiraten, die Kinder zu Handwerkern gemacht und von Landeseinwohnern mit staatlicher Beihilfe erzogen werden".
1899: systematische polizeiliche Überwachung in Bayern
1926: Einrichtung einer Überwachungs- und Erfassungszentrale in München
1933: SS-Amt in München: Erfassung der Juden und Zigeuner, im Nazijargon die beiden "Fremdrassen" in Europa
1935: Nürnberger Rassengesetze, Verbot von Mischehen mit "Zigeunern"
1936: Einrichtung des Rassen-Hygiene-Instituts in Berlin, Leitung Dr. Robert Ritter
1938: Überführung der Münchener Zigeuner-Zentrale nach Berlin, administrative Voraussetzungen für ihre Vernichtung sind damit geschaffen. Der "Zentralstelle zur Erfassung des Zigeunerunwesens" sind 29 Staaten angeschlossen.
ab 1936: Deportation, Inhaftierung in KZ, Zwangssterilisierung
1939: Verlust der deutschen Staatsbürgerschaft
1940: Einrichtung der "Anhaltelager" Lackenbach (Burgenland) und Maxglan (Salzburg), von dort Deportation nach und Ermordung in den Todeslagern Kulmhof (Chelmo) und Auschwitz.
1942: Beginn der allgemeinen Deportation nach Auschwitz, "Lösung der Juden- und Zigeunerfrage in Jugoslawien": insgesamt 500 000 Ermordete, 25000 bis 35000 aus Deutschland und Österreich
nach 1945: Fortsetzung der Totalerfassung (mit dem alten Personal!): "Landfahrerzentrale" des bayerischen Landeskriminalamtes
Vorenthaltung der Wiedergutmachung, weil die Nazis sie nicht "aus rassischen, sondern wegen ihrer asozialen und kriminelle Haltung verfolgt und inhaftiert" haben. Rechtfertigung der NS-Rassenpolitik als Kriminalitätsbekämpfung bis in die 60er-Jahre.
Fortsetzung der Zigeunerforschung mit den alten Begriffen, aufbauend auf den Nazi-Akten und den Nazi-Wissenschaftler. rassistischer offizieller Polizeijargon (und entsprechende Praxis): Landfahrer als typisierter Krimineller, ersetzt nach Protesten durch das Computerkürzel HWAO (= häufig wechselnder Aufenthaltsort). Erst 1982 anerkennt Bundeskanzler Schmidt die Sinti und Roma als Opfer eines Völkermords durch die Nazis.
1982: Gründung "Zentralrat deutscher Sinti und Roma"
1988: Errichtung der Gedenkstätte im Lager Lackenbach durch die Bundesregierung
1993: Österreich anerkennt als erster europäischer Staat die Sinti und Roma als eigene Volksgruppe.
4.2.1995: bei einem rassistischen Anschlag in Oberwart werden 4 Roma ermordet.
Bürger und "Zigeuner"
Notizen zu einem widersprüchlichen Verhältnis, nach einem Essay von Dietmar Larcher zusammengestellt
von Michael Schelling
Bericht des Bezirksgendarmerie-Kommandos von Oberwart vom 30. Mai 1946: "Von den etwa 3000 "Zigeunern" dieses Bezirkes haben kaum 200 überlebt bzw. sind in ihre Wohnorte zurückgekehrt."
Als Bozzi vom KZ nach Oberwart zurückkam, irrte er durch die Straßen: "Es war nichts mehr vorhanden. Keine Häuser, einfach nichts. Was sollte ich machen. Keine Schwestern, keinen Bruder, keinen Vater, keine Mutter. Alle haben die Hitler vergast."
Arbeit macht frei!
Aber die "Zigeuner" haben überlebt. In unserer Sprache. "Zigeunern" heißt im Duden "sich herumtreiben, auch: herumlungern"; in Österreich gilt die Variante "herumzigeunern" für Menschen, die, statt ernsthaft und absichtsvoll zu arbeiten, den Müßiggang pflegen. Das Wort "Zigeuner" ist rassistisch, es beschreibt nicht, sondern schüttet aggressiven Spott auf die damit Gezeichneten.
Unsere Sprache ist unser praktisches Bewußtsein. Sie sagt uns, daß "Zigeuner" arbeitsscheu sind, und sie sagt uns, daß Arbeit Freiheit begründet. Sie macht uns aber auch immun für die Wirklichkeit. "Wir verfügen über Basissätze, um unsere Ressentiments zu begründen", so Larcher. Die "Zigeuner" haben eine andere Beziehung zur Arbeit als die im bürgerlichen Staat sozialisierten Menschen. Da sie über lange Jahrhunderte nomadisch lebten, gliederten sie sich nie völlig in das immer enger und komplexer werdende Netz von Arbeitsteilung, Abhängigkeit und Leistungsdruck ein.
Das macht uns aggressiv und neidisch zugleich. Der Arbeitsdruck, der auf uns lastet, verlangt uns viel ab, gewährt uns dafür aber nur kärgliche Belohnungen. In unserer Alltagssprache vertritt der "Zigeuner" einerseits ein lustvolles Gegenteil, denjenigen, der sich dieser Unterdrückung entzogen hat, aber andererseits auch denjenigen, der damit ein ungerechtfertigtes Privileg genießt, was wir ihm immer wieder auszutreiben versucht haben.
Lustig ist das Zigeunerleben ...
Lustig kommt von Lust. Überlebt haben die "Zigeuner" u.a. auch in der Oper. "Carmen", die tragische Geschichte von der mörderischen Liebe der schönen Zigeunerin zu Don José, proklamiert die Ordnungs- und Gesellschaftsfeindlichkeit sinnlicher Liebe. Der stolze Mann wird von der Schönen verhext und ins Verbrechen getrieben. Am Ende tötet er sie und stellt die Ordnung wieder her. Ist es ein Zufall, daß gerade diese Oper eine unerhörte Popularität erlangt hat und die Verfilmungen jedes Mal große komerzielle Erfolge wurden?
"Das Libretto erfüllt in fantastischer Weise Wunschträume und Straftbedürfnisse der bürgerlichen Zuschauer: Mit dem Helden dürfen sie den Sexual- und Blutrausch miterleben, die Wonnen und Schauer undomestizierten Begehrens durchkosten, um doch am Ende gereinigt ... wieder in den Alltag ... zurückzukehren. ...", so Larcher. Denn Lust ist faszinierend, aber gefährlich. Unsere Alltagssprache schreibt sie den "Zigeunern" zu.
Interdit aux nomades!
In Frankreich weist dieses Schild auf öffentlichen Parkplätzen darauf hin, daß "Zigeuner" dort unerwünscht sind. Vielleicht sind die oben dargelegten Motive eine Erklärung, warum auch wir sie aus unseren Gemeinden und aus dem öffentlichen Diskurs ausgeschlossen haben. Es hat der Bluttat von Oberwart bedurft, um sie wieder ins Bewußtsein zu rufen. Eine Kritik an unseren "Zigeuner"mythen könnte ihnen und uns eine Chance bieten ...