Burghart Schmidt
Globalisierungsfalle, den Künsten gestellt?
Erst jetzt läuft die Internationalisierung der Welt auf allen Ebenen, allerdings auch mit der Kehrseite ihrer Medaille, der sich verschärfenden Regionalisierung. Ob wir das nun begrüßen oder nicht, es handelt sich um einen geschichtlichen Realprozess, der, selbst wenn man ihn für Weltzonen stoppte, eine andere Welt auch in solchen Zonen hervorbrächte. Klar, wo es sich um einen Realprozess handelt, daß die Kunst sich in ihn hineinbegeben muß, will sie sich nicht in nostalgisch-künstliche Reservate einmauern oder einmauern lassen. Nur im Wie des Sichhineinbegebens hat sie mit Freiheitsgraden zusammen Aufgaben vor sich, deren Auftrag geradezu der Befreiungsanspruch ist im Sinn einer durch Kunst sehr indirekten Leitidee.
Man steht da ja längst vor dem Umstand eines internationalen Kunstverkehrs, der folgendermaßen beschaffen ist: Politiker und Wirtschaftler beladen ihre Koffer bei Arbeitsweltreisen auch noch mit Paketen international bereits anerkannter Kunst aus ihrem Land oder schicken diese voraus, um sie ausländisch kurz auszupacken, und, nach flüchtiger Beschau durch die anderen, wieder einzupacken, damit sie nun ihr Sprüchlein hersagen können von der Kultur als einem Wertfaktor für Standortvorteile. Politiker wie Wirtschaftler verhalten sich dabei in ihrer Ehrlichkeit am stärksten nackt und unverschleiert, kommen auf kürzestem Weg zur Sache. Einem solchen egalen Repräsentationsabtausch des ohnehin schon international bekannt Anerkannten entgegenzuwirken, das wäre eine Funktion der Internationalisierung im Zusammenwirken von Künstlern, für Kunstentwicklung, Kunstinnovation, durchaus derart auch für gegenseitige Kunstprovokation.
Da gibt es aber weiterhin noch weitere Folgegefahren des bisherigen aufwendigen Kunstverkehrs. Einmal setzte sich durch ihn ein internationaler Stil als weltweiter Standard durch, der alle regionalen Unterschiede einbügelt. Das hat die Kritik genügend beleuchtet. Zugleich wurde die Kunst anderer Kulturbereiche einerseits musealisiert, andererseits folklorisiert für die flüchtigen Geschmäcker des Tourismus auf kurze Abwechslungen, aber bitte nicht zuviel davon. Dem entspricht in Breite europäische Übernahme anderer Kunst, anderer Kulturbereiche auf technisch-funktionalen Wegen, die scheinbar sich intensiver einläßt aufs Fremde, und doch nur nach besseren Verfahren der Konzentration, der Entspannung, des Zusichselberkommens, der Entleerung für den unbelasteten Ausbruch der Creativität sucht, ganz in europäischer Technikgesinnung. Obwohl, zugestanden, die Individuen weithin sich umgestiegen glauben oder wenigstens fühlen. Es mag ihnen für ihr individuelles Leben unbenommen bleiben.
Aber die Kunst muß hier fragen, sie muß dazu fragende Gegenarbeit aufnehmen. Diese Gegenarbeit müßte sich einarbeiten in eine Diskussion des verschiedenen Kulturellen, so daß ein sich aneinander reibendes Ineinanderwirken zu entstehen vermöchte ohne Rücksicht auf die Imagekonkurrenzen der Standortvorteile, die Momentangeschmäcker touristisch aufs Exotische, die Techniken der Wiederherstellung von Leistungsfähigkeiten höheren Vorstellens. Das alles mag mitspielen und beiherspielen, darf aber weder das Thema noch der Sinn im internationalisierenden Zusammenbringen der Kunstarbeit sein, stellt vielmehr dessen Gegensinn dar, der zu überholen ist, wenn auch vielleicht mit dessen Hilfe.
Und nun steht in den internationalen Zusammenkünften der Künste, zu denen es notwendig kommen muß, insbesondere die Begegnung Europa-Indien an. Diese Begegnung zeigt sich dadurch von besonderer Art, daß von Indien her, durch die Araber weitergetragen, die Dialektik der Null nach Europa eingeliefert wurde, deren Einfluß auf den neuzeitlich europäischen Geist mit seinen praktischen Konsequenzen bis zur Mathematik der Bewegung gar nicht zu überschätzen ist. Andererseits kommen aus dem Indischen die meisten fast-food-Aufbereitungen anderer Vorstellungswelten für die pluralen postmodernen Geister von heute und die Techniken der Entspannung für eine sich beschleunigende Europa-Zeit der Gegenwart. Auf dem Gelände nun gerade mit künstlerischer Klärung des Verhältnisses von einem bestehenden Ineinanderwirken zu beginnen, steht stark drängend an. Damit es nicht bei dem Verkitschungsverhältnis bleibt, das heute weithin als die Regel auftritt, welche die Ausnahmen dazu nur bestätigen.
Text von Burghard Schmidt, Abdruck honorarfrei, wir freuen uns über ein Belegexemplar. 68 Zeilen, 3841 Anschläge |