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aktualisiert am
9. September 2001
 
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sieben Gute-Nacht-Geschichten

von Franz Kabelka
Monika Helfer
Silvia Baumann
Gabriela Nickel
Ruth Gschwndtner
Wolfgang Hermann
Susanne Alge
mit Fotos
von Nikolaus Walter
und Texten
von Elke Burtscher

Eugen Ruß-Verlag, Schwarzach, 1998
ISBN 3-85258-040-4
Eine gemeinsame Idee der Vorarlberger Tagesmütter und des Vorarlberger Autorenverbandes. Erhältlich im Vorarlberger Buchhandel

Eine Leseprobe gefällig?

 

 

In den Wolken

Susanne Alge

Leo Löwenzahn lebte in einem großen Haus am Ende einer langen Sandstraße. Am Morgen wurde er von einem Dienstmädchen geweckt und trank seine heiße Schokolade. Er wusch sich ein bißchen und putzte sich die Zähne. Manchmal wusch er sich larifari und streckte dann der Zunge im Spiegel die Zunge entgegen. Oder er wusch sich gar nicht, machte "sssssssssssssss" durch seine Zahnlücke und zog sich an.

Leo Löwenzahn ging jeden Morgen durch das große Haus. Die Zimmer waren alle leer. Von irgendwoher hörte er den Staubsauger und wußte, daß an dem das Dienstmädchen zerrte und daß der alles in sich hineinfressen mußte, was er auf dem Fußboden fand. Leo wollte so gern jemandem erzählen, was er im Haus alles sah und was er sich dazu dachte, also rannte er dorthin, wo er das Staubsaugergeräusch hörte und erzählte dem Dienstmädchen, was er gesehen und sich gedacht hatte. Sie war lieb, sie hieß Rosa Königsblau und strich Leo über die Haare, aber sie war immer ein wenig in Eile, weil das Haus so groß war und der Staub kein Ende nehmen wollte. Zu Mittag kochte sie für sich und Leo Würstchen mit Kartoffelpüree, dann mußte Leo seine Bluejeans ausziehen, sich aufs Bett legen und Mittagsschlaf halten. Leo schloß die Augen, hörte dem Staubsauger zu und dachte sich spannende Geschichten aus, bis er endlich wieder aufstehen durfte. Wieder rannte er zu Rosa, um ihr die Geschichte zu erzählen, die er sich ausgedacht hatte, und wie immer strich sie ihm ein wenig über die Haare, ohne ihm richtig zuzuhören, weil der Staubsauger brummte und brummte. Leo gab ihm einen Tritt und sauste davon. In der Nacht kam eine riesengroße Schlange mit einem fürchterlich breiten Maul an Leo Löwenzahns Bett und brummte ganz entzetzlich. "Du, tritt mich nie wieder!" "Nein, nein", versprach Leo ganz erschrocken. "Wie heißt du denn?", fragte er noch. "Staubi Staub", antwortete die Schlange. "Komm, laß uns Freunde sein", schlug Leo vor. "Ich weiß nicht. Am Ende trittst du mich doch wieder. Glaubst du denn, mir macht das Spaß, den ganzen Tag zu brummen, während du deine heiße Schokolade trinkst und auf dem Bett herumliegst?" "Aber das will ich doch alles gar nicht", rief Leo Löwenzahn. "Du, auf der Schokolade schwimmt eine Haut, die ist sooo eklig!" "So, so", brummte die Schlange. "Staubi Staub", sagte Leo noch einmal, "komm, laß uns Freunde sein. Ich trete dich auch wirklich nie wieder. Großes Ehrenwort." "Also gut. Dann steig auf." Kaum war Leo auf Staubis Rücken geklettert, flog der schon los. Unterwegs trafen sie eine Wolke. "Nehmt mich mit", rief die. Aber Staubi Staub flog einfach brummend weiter. "Halthalthalt, ich bin doch Else Pappifahn", keuchte die Wolke und sauste ihnen nach. Leo Löwenzahn zerrte mit einer Hand an Staubi Staub und die andere streckte er Else Pappifahn entgegen. "Hallo Leo", keuchte sie, als sie sie endlich eingeholt hatte, "jetzt aber schnell zum Eismann. Kommt!" Leo staunte und Staubi brummte.

Else Pappifahn war wunderschön. Sie hatte knallschwarze Haare, die zu Berge standen, knallschwarze kugelrunde Augen, einen riesigen Mund und lange Arme und Beine, mit denen sie fuchtelte und turnte, wie es ihr gerade in den Sinn kam. Außerdem trug sie ein Röckchen aus weißer Spitze, das aber dennoch in allen Farben schillerte. Leo Löwenzahn hatte in seinem Leben noch nie etwas so Schönes gesehen. Das wollte er Else ins Ohr flüstern, aber da standen sie schon vor dem Eismann, der Else gut zu kennen schien. Er saß ebenfalls auf einer Wolke und lachte: "Na, Else, hunder Kilo Vanilleeis?" Hundert Kilo? Leo glaubte, sich verhört zu haben. Es konnte doch kein Mensch hundert Kilo Vanilleeis verschlingen, oder? Aber Else konnte. Ganz eifrig sagte sie "Jaja, und für meinen Freund Leo dasselbe." In diesem Moment wachte Leo Löwenzahn auf, denn Rosa Königsblau stand mit einer Tasse heißer Schokolade an seinem Bett.

"Guten Morgen, Leo", sagte sie freundlich. Leo rieb sich die Augen und begann zu schluchzen. Rosa konnte ihn gar nicht trösten. Aber plötzlich sprang er auf. Ohne seine Schokolade zu trinken, die Zähne zu putzen oder sich anzuziehen, sauste er im Pyjama ins Wohnzimmer. Dort lag der Staubsauger und machte keinen Mucks. "duu, Staubi", flüsterte Leo. "Du! Ich trete dich nie wieder, hörst du?" Leo kam es so vor, als surrte Staubi "rrrrrrr" vor sich hin. "Dafür fliegen wir heute nacht wieder zu Else Pappifahn, okay?" Jetzt hörte Leo ganz deutlich ein langes "RRRRRRRRRRRRRRRRR".

Susanne Alge

geb. 1958 in Lustenau, studierte Germanistik/Romanistik an der Universität Salzburg, arbeitet als freie Schriftstellerin und Journalistin hauptsächlich in Berlin.u.a. erschienen: Die Brupbacherin (1995), Die fahrenden Jahre - Memoiren von Elisabeth Freundlich (1992), jüngste Publikation: Alles Gute zum Namenstag, Mutter - in: Ab in die Wüste (1998), diverse Theater-, Rundfunk- und Zeitungsarbeiten.

 

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