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sieben
Gute-Nacht-Geschichten
von Franz Kabelka
Monika Helfer
Silvia Baumann
Gabriela Nickel
Ruth Gschwndtner
Wolfgang Hermann
Susanne Alge
mit Fotos
von Nikolaus Walter
und Texten
von Elke Burtscher
Eugen Ruß-Verlag, Schwarzach, 1998
ISBN 3-85258-040-4
Eine gemeinsame Idee der Vorarlberger Tagesmütter und des Vorarlberger
Autorenverbandes. Erhältlich im Vorarlberger Buchhandel
Eine
Leseprobe gefällig?
In den Wolken
Susanne
Alge
Leo
Löwenzahn lebte in einem großen Haus am Ende einer langen Sandstraße.
Am Morgen wurde er von einem Dienstmädchen geweckt und trank seine
heiße Schokolade. Er wusch sich ein bißchen und putzte sich die
Zähne. Manchmal wusch er sich larifari und streckte dann der Zunge
im Spiegel die Zunge entgegen. Oder er wusch sich gar nicht, machte
"sssssssssssssss" durch seine Zahnlücke und zog sich an.
Leo
Löwenzahn ging jeden Morgen durch das große Haus. Die Zimmer waren
alle leer. Von irgendwoher hörte er den Staubsauger und wußte, daß
an dem das Dienstmädchen zerrte und daß der alles in sich hineinfressen
mußte, was er auf dem Fußboden fand. Leo wollte so gern jemandem
erzählen, was er im Haus alles sah und was er sich dazu dachte,
also rannte er dorthin, wo er das Staubsaugergeräusch hörte und
erzählte dem Dienstmädchen, was er gesehen und sich gedacht hatte.
Sie war lieb, sie hieß Rosa Königsblau und strich Leo über die Haare,
aber sie war immer ein wenig in Eile, weil das Haus so groß war
und der Staub kein Ende nehmen wollte. Zu Mittag kochte sie für
sich und Leo Würstchen mit Kartoffelpüree, dann mußte Leo seine
Bluejeans ausziehen, sich aufs Bett legen und Mittagsschlaf halten.
Leo schloß die Augen, hörte dem Staubsauger zu und dachte sich spannende
Geschichten aus, bis er endlich wieder aufstehen durfte. Wieder
rannte er zu Rosa, um ihr die Geschichte zu erzählen, die er sich
ausgedacht hatte, und wie immer strich sie ihm ein wenig über die
Haare, ohne ihm richtig zuzuhören, weil der Staubsauger brummte
und brummte. Leo gab ihm einen Tritt und sauste davon. In der Nacht
kam eine riesengroße Schlange mit einem fürchterlich breiten Maul
an Leo Löwenzahns Bett und brummte ganz entzetzlich. "Du, tritt
mich nie wieder!" "Nein, nein", versprach Leo ganz erschrocken.
"Wie heißt du denn?", fragte er noch. "Staubi Staub", antwortete
die Schlange. "Komm, laß uns Freunde sein", schlug Leo vor. "Ich
weiß nicht. Am Ende trittst du mich doch wieder. Glaubst du denn,
mir macht das Spaß, den ganzen Tag zu brummen, während du deine
heiße Schokolade trinkst und auf dem Bett herumliegst?" "Aber das
will ich doch alles gar nicht", rief Leo Löwenzahn. "Du, auf der
Schokolade schwimmt eine Haut, die ist sooo eklig!" "So, so", brummte
die Schlange. "Staubi Staub", sagte Leo noch einmal, "komm, laß
uns Freunde sein. Ich trete dich auch wirklich nie wieder. Großes
Ehrenwort." "Also gut. Dann steig auf." Kaum war Leo auf Staubis
Rücken geklettert, flog der schon los. Unterwegs trafen sie eine
Wolke. "Nehmt mich mit", rief die. Aber Staubi Staub flog einfach
brummend weiter. "Halthalthalt, ich bin doch Else Pappifahn", keuchte
die Wolke und sauste ihnen nach. Leo Löwenzahn zerrte mit einer
Hand an Staubi Staub und die andere streckte er Else Pappifahn entgegen.
"Hallo Leo", keuchte sie, als sie sie endlich eingeholt hatte, "jetzt
aber schnell zum Eismann. Kommt!" Leo staunte und Staubi brummte.
Else
Pappifahn war wunderschön. Sie hatte knallschwarze Haare, die zu
Berge standen, knallschwarze kugelrunde Augen, einen riesigen Mund
und lange Arme und Beine, mit denen sie fuchtelte und turnte, wie
es ihr gerade in den Sinn kam. Außerdem trug sie ein Röckchen aus
weißer Spitze, das aber dennoch in allen Farben schillerte. Leo
Löwenzahn hatte in seinem Leben noch nie etwas so Schönes gesehen.
Das wollte er Else ins Ohr flüstern, aber da standen sie schon vor
dem Eismann, der Else gut zu kennen schien. Er saß ebenfalls auf
einer Wolke und lachte: "Na, Else, hunder Kilo Vanilleeis?" Hundert
Kilo? Leo glaubte, sich verhört zu haben. Es konnte doch kein Mensch
hundert Kilo Vanilleeis verschlingen, oder? Aber Else konnte. Ganz
eifrig sagte sie "Jaja, und für meinen Freund Leo dasselbe." In
diesem Moment wachte Leo Löwenzahn auf, denn Rosa Königsblau stand
mit einer Tasse heißer Schokolade an seinem Bett.
"Guten
Morgen, Leo", sagte sie freundlich. Leo rieb sich die Augen und
begann zu schluchzen. Rosa konnte ihn gar nicht trösten. Aber plötzlich
sprang er auf. Ohne seine Schokolade zu trinken, die Zähne zu putzen
oder sich anzuziehen, sauste er im Pyjama ins Wohnzimmer. Dort lag
der Staubsauger und machte keinen Mucks. "duu, Staubi", flüsterte
Leo. "Du! Ich trete dich nie wieder, hörst du?" Leo kam es so vor,
als surrte Staubi "rrrrrrr" vor sich hin. "Dafür fliegen wir heute
nacht wieder zu Else Pappifahn, okay?" Jetzt hörte Leo ganz deutlich
ein langes "RRRRRRRRRRRRRRRRR".
Susanne
Alge
geb. 1958 in Lustenau, studierte Germanistik/Romanistik an der Universität
Salzburg, arbeitet als freie Schriftstellerin und Journalistin hauptsächlich
in Berlin.u.a. erschienen: Die Brupbacherin (1995), Die fahrenden
Jahre - Memoiren von Elisabeth Freundlich (1992), jüngste Publikation:
Alles Gute zum Namenstag, Mutter - in: Ab in die Wüste (1998), diverse
Theater-, Rundfunk- und Zeitungsarbeiten.
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